"Der Schuss"; © Matthias Heyde
Matthias Heyde
Bild: Matthias Heyde

Neuköllner Oper - Arash Safaian | Bernhard Glocksin: "Der Schuss 2.6.1967"

Bewertung:

Ein sehr gut anzusehender Abend

Warum sollte der Tod Benno Ohnesorgs kein geeigneter Opernstoff sein? Man kann sich sogar fragen, warum erst 50 Jahre danach, auf den Tag genau, sich jemand des Themas annimmt. Im Bewusstsein der BRD ist es aktuell geblieben.

"Der Schuss"; © Matthias Heyde
"Der Schuss"; © Matthias Heyde | Bild: Matthias Heyde

Kein Biopic

Gleich sechs Mal, falls ich richtig gezählt habe, ertönt an diesem Abend besagter Schuss. Immer leicht dekontextualisiert, nie direkt nachgestellt. Erwartungsgemäß hat sich Librettist Bernhard Glocksin (zugleich Künstlerischer Leiter des Hauses) dem Biopic verweigert. Historische Figuren kommen vor, aber nur in schamhafter Stilisierung (als Ben, Gunda und Chris).

Man setzt szenisch da an, wo Christa Ohnesorg, schwangere Ehefrau des frisch verheirateten Benno, von der Schah-Demo an der Bismarckstraße nach Hause geschickt wird (weil sie schwanger ist). Damit verlassen auch wir den Tatort. Die Szenen, deren Dialoge gut geschrieben sind, bewegen sich folgerichtig um die Ereignisse herum. Sie sind die Folie, auf der wir uns unsere eigenen Gedanken machen sollen.

"Der Schuss"; © Matthias Heyde
"Der Schuss"; © Matthias Heyde

Symptomatisch

Der tödliche Schuss, abgegeben im Kontext eines Schah-Besuches in der Deutschen Oper Berlin, wurde als symptomatisch im Kontext der Studentenbewegung angesehen. Einerseits als Reaktion gegen die Studentenbewegung, die Kommune 1 und was immer damit in Verbindung stand. Andererseits dadurch, dass der Vorfall für Gudrun Ensslin und andere den Auftakt für die Militarisierung der RAF abgab – und damit für einen hausgemachten Terrorismus in Deutschland. Aus den Reihen der "APO-Royalty" war im Premierenpublikum immerhin Claus Peymann zu entdecken, der seinerzeit für Ensslins Zahnersatz Geld sammelte. Wo Peymann drin ist, kann der Theaterstoff nicht weit hergeholt sein.

Exzellent gecastetes Singspiel

Formal ist das ein Singspiel (denn es enthält Dialoge). Komponist Arash Safaian, dessen Familie aus dem Iran exilierte (es gibt gewissermaßen einen biografischen Bezug zum Schah), schlägt beinahe Musical-Töne an. Das Jazz-Sextett wird verstärkt, eine rhythmisch robuste, weitgehend tonale Partitur wechselt gelegentlich ins "lachenmannsch Geschabte" hinüber. Gesungen und gesprochen wird sehr gut an diesem exzellent gecasteten Abend. Wo immer man als Zuschauer dür die Darsteller Zuneigung entwickelt, ist etwas richtig gemacht worden. Das ist hier der Fall.

"Der Schuss"; © Matthias Heyde
"Der Schuss"; © Matthias Heyde

Komik der Entfernung

Regisseur Fabian Gerhardt hat auch die Textfassung besorgt und sich einen klinisch (oder bräutlich) weißen Guckkasten bauen lassen. Darin wird etwas Video-Voodoo-Zauber betrieben, Luken öffenen sich in der Hinterwand. Wir blicken aus einer geschlossenen Welt in utopische Ferne. Gerhardt scheut sich auch nicht vor der Komik dieser Entfernung. Wenn die historischen Worte "Spinnst du, hier zu schießen ..." dem Todesschützen Karl-Heinz Kurras entgegen schlagen, wird ironisch ergänzt: "... in unserem Hobbykeller". Es sind solch brechtsche Distanzierungen, die den Abend naherücken.

"Der Schuss"; © Matthias Heyde
"Der Schuss"; © Matthias Heyde | Bild: Matthias Heyde

Die Theorie, wonach Polizist Kurras im Auftrag der Stasi schoss, wird nicht weiter verfolgt. Da der Informant nach der Tat von der Stasi fallen gelassen wurde, scheint das wohl nicht mehr ganz aktuell. Neue Erkenntnisse oder auch nur Fragen waren von der Aufführung gewiss nicht unbedingt zu erwarten. Auch wird die Frage ausgespart, wieso sich heutige, rechte Bürgerbewegungen des Nimbus' von damals bemächtigt haben? Des Themas entledigt man sich mit Anstand. Es ist ein sehr gut anzusehender Abend.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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