Igor Levit; Foto: Felix Broede
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Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal - Igor Levit spielt Variationen von Beethoven und Rzewski

Bewertung:

Beide Werke galten lange Zeit als so gut wie unspielbar: Beethovens Diabelli-Variationen und Frederic Rzewskis "The People United Will Never Be Defeated!". Genau das Richtige für Igor Levit. Einer der grandiosesten Klavierabende seit langem.

So voll hat man den Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin selten erlebt. Igor Levit ist in der ganzen Welt unterwegs, aber inzwischen in Berlin zu Hause – und hat hier ein besonders treues Publikum. Da ist der Saal nicht nur bis unter das Dach gefüllt, sondern es mussten sogar in den Umgängen zwischen den Blöcken noch Extra-Stühle aufgestellt werden.

Am Ende gab es stehende Ovationen. Nicht weiter verwunderlich, denn nach zwei Variationenwerken von jeweils etwa einer Stunde Dauer, von denen eines ausgereicht hätte, dass der Pianist hinterher erledigt gewesen wäre, wirkte Igor Levit nach beiden immer noch ganz frisch.

Dekonstruktion bei Beethoven

Ludwig van Beethovens 33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli, kurz: Diabelli-Variationen, sind bis heute ein ungeliebtes Werk. Eine Mischung aus Manifest und Satire. Der Komponist und Verleger Anton Diabelli hatte an viele Komponistenkollegen einen kleinen Walzer geschickt mit der Bitte, darüber jeweils eine Variation zu schreiben. Beethoven lieferte dann gleich 33.

Das sind nicht einfach nur Variationen im Stil der Zeit, sondern Kommentare. Beethoven nimmt das etwas dürftige Thema auseinander, dekonstruiert es fast. Das hat etwas von einer Castorf-Inszenierung, zumal auch hier mit Fremdmaterial (Mozart!) und eigenen Rückbezügen gearbeitet wird. Das ist sperrig und unangenehm zu spielen. Jede Variation fordert einen anderen Ansatz. Und man hört es deswegen so selten im Konzert, weil die Wahrscheinlichkeit, daran zu scheitern, ziemlich hoch ist.

Reflektiert und überlegen

Igor Levit ist ein reflektierter, ruhiger Spieler, der das einzig Richtige macht: Er hat eine Haltung zu dieser Musik und erzählt die Geschichte, die dahintersteckt. Gleich das Thema, der unschuldige, etwas banale Walzer von Diabelli, hat bei ihm etwas Aggressives. Da scheint Beethoven selbst am Flügel zu sitzen und sich über die ihn anödende Vorlage richtig zu ärgern. Und so geht es weiter: Da hat man das Gefühl, dass das Thema noch einmal richtig verspottet wird, wenn Igor Levit sinnlose Technikfiguren in die Tasten meißelt.

Aber auch die gegenteilige Seite vermittelt sich: Das gewinnt eine Intensität, ist mal zart, mal wie aus tiefster Seele. Man spürt, wie durchdacht auch die emotionale Seite dieser Variationen ist. Mal folgen zwei Variationen ohne Pause aufeinander, dann hält Levit kurz inne, als müsse er sich den Charakter der neuen Variation erst einmal kurz vorstellen. Das ist klug, mitreißend, man fiebert geradezu mit, egal wie gut man das Werk kennt. Igor Levit ist gerade einmal dreißig Jahre alt und spielt diese Musik, der sich nur wenige stellen, so beängstigend überlegen.

3 Variationen mehr

Noch länger ist der Titel der Variationen von Frederic Rzewski. Er lautet: "The People United Will Never Be Defeated! 36 Variations on "¡El pueblo unido jamás será vencido!" by Sergio Ortega". Das Thema ist ein Protestlied aus Chile, das in den 70ern zur Hymne der linken Freiheitsbewegung wurde. Der amerikanische Komponist Frederic Rzewski stand dem gedanklich nahe, und als er einen Auftrag bekam, etwas zu Beethovens Diabelli-Variationen zu schreiben, komponierte er eben diese 36 Variationen, die sogar noch eine Spur länger dauern als das Original von Beethoven.

Das Motto "Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden" ist auch das Motto der Variationen. Da sind verschiedenste Stile vereint. Das reicht von der Avantgarde eines Boulez oder Stockhausen über die Minimal Music eines Steve Reich bis hin zum Jazz. Der Pianist muss auch mal pfeifen und schreien (optional laut Noten), und manchmal klingt es sogar ein bisschen nach Clayderman und Einaudi. Das spielt kaum jemand, weil es so schwer ist und weil man nicht genau weiß, wieviel Spaß und wieviel Ernst dahinterstecken.

Fordernd und grandios

Auch hier hat Igor Levit den richtigen Ansatz: Er nimmt diese kuriosen Variationen so ernst wie den Beethoven zuvor. Technisch ist er über die aberwitzigsten Anforderungen erhaben: die Klaviatur rauf und runter, Glissandi, Sprünge, Gedonner, Repetitionen. Zugegeben: Das ist auch effektvoll komponiert und klingt manchmal schwerer als es ist. Wie bei Beethoven ist die emotionale Fallhöhe extrem. Mal dröhnen vollgriffig diese und andere sozialistische Lieder, mal ist es ganz punktuell, dann wieder gibt es reine Klangflächen.

Igor Levit macht daraus ganz einfach große Musik. Er erweist sich auch hier als Architekt der gigantischen Werke. Und schafft es als Nebeneffekt, dass das Thema zum Ohrwurm wird, den man die halbe Nacht nicht mehr aus dem Kopf bekommt. So einen fordernden und grandiosen Klavierabend hat es in Berlin lange nicht mehr gegeben.

Andreas Göbel, kulturradio

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