Sasha Waltz & Guests: Kreatur;
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Radialsystem V - Sasha Waltz & Guests: "Kreatur"

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Zurück zu ihren Wurzeln und zugleich etwas Neues wagen – so hat Sasha Waltz ihre Arbeit an ihrem großer Spannung erwarteten neuen Stück "Kreatur" beschrieben.

Zum ersten Mal seit zwölf Jahren hat Sasha Waltz wieder eine Uraufführung in Berlin herausgebracht. Das ist ihre erste Arbeit seit der Ernennung zur Co-Intendantin des Staatsballetts. Und zum ersten Mal auch hat sie mit der gefeierten niederländischen Modedesignerin Iris van Herpen zusammengearbeitet. Gestern Abend war Uraufführung von "Kreatur" im Berliner Radialsystem, einer Choreografie, die Sasha Waltz selbst vorab als von düsterer Grundstimmung geprägt beschrieben hat.

Tiefe Betrübnis – Gesellschaft in Zerfallsprozessen

Düster ist die Stimmung eher nicht, dafür sind die Kostüme-Erfindungen von Iris van Herpen zu staunenswert phantasievoll, ist das Lichtdesign von Urs Schönebaum zu nobel, sind die Tanz-Fabeln von Sasha Waltz zu spielerisch. Aber eine tiefe Betrübnis ist zu spüren, ein heiß-kaltes Bedauern und blitzende Wut.

Immerhin erzählt Sasha Waltz davon, wie Gemeinschaft mürbe wird, wie sie vergeht und zerfällt, wie alles zugrunde geht – zwar in Schönheit und Eleganz, aber dennoch unwiederbringlich.

Sasha Waltz & Guests: Kreatur mit Clémentine-Deluy; © Sebastian Bolesch
Clémentine-Deluy; © Sebastian Bolesch

Zugrundegehen und Zerfall

Dieses Zugrundgehen und Zerfallen zeigt sie beispielhaft in einer langen Gruppenszene, die wie ein Nachtrag zu ihrer "Sacre"-Choreografie von 2013 wirkt, nur hier als Reigen verlorener Geister. Die 14 Tänzerinnen und Tänzer schieben sich als Masse über die Bühne, von Druck und Zwang zusammen gehalten. Die Körper zucken und zappeln verkantet und eckig, einzelne stürzen heraus, manche werden gehalten, andere gehen verloren, finden kaum zurück. Dies ist eine Notgemeinschaft, die zerbröckelt und sich im Raum verliert, die zu Reliefbildern erstarrt, wie Menschen in Vulkanasche erstickt und für die Ewigkeit versteinert.

In einer anderen Szene drängen sich alle auf einer sehr schmalen, sehr steilen Rampen-Treppe, die ins Nichts führt. Ausgerechnet Bewegung bedeutet hier Gefahr, jeder Versuch einer Veränderung birgt die Gefahr des Absturzes. Dann tritt ein Stachel-Wesen in einem der futuristischen Kostüme von Iris van Herpen auf. Aus dem Oberteil ragen lange spitze Metallstäbe – wer sich nähert, droht verletzt, aufgespießt zu werden. Dabei sehnt sich dieses Wesen nach Intimität, in Berührung und Beziehung.

Dies sind Bilder einer beklemmenden Diagnose: der Einzelne und die Gesellschaft stehen unter höchstem Druck, Zerfall ist nah.

Sasha Waltz & Guests: Kreatur mit Annapaola Leso und Ensemble; © Luna Zscharnt
Annapaola Leso und Ensemble; © Luna Zscharnt

Mode-Entwürfe aus Metall zwischen Kleidung und Installation

Die niederländische Modedesignerin Iris van Herpen bringt zu alldem deutlich mehr ein, als andere Star-Designer, die für das Ballett arbeiten. Sie zeigt faszinierende Entwürfe, zugleich Kleidung und Installation und alle aus Metall.

Neben dem Stachelwesen sind etwa weiß schimmernde wolkige Gebilde zu sehen, die über den Kopf gestülpt bis zu den Füßen reichen, Drahtgespinste aus tausenden Metallfäden. In anderen Szenen glitzern die Röcke und Oberteile in durchsichtigen Camouflage-Mustern, in Gitter- und Netzformen und Wellenmustern, sehen aus wie Kleidung indigener Völker aus Hi-Tech-Material.

Sasha Waltz und Iris van Herpen haben sich über Monate gegenseitig Entwürfe und Ideen zugeschickt, Mode und Tanz sind so zu einer Einheit verschmolzen. Wenn etwa das Kleidungsdesign die Bewegungsfreiheit einschränkt, reduziert Sasha Waltz die Bewegungen aufs Äußerste.

Das Faszinierende ist, dass diese Designstücke verhüllen und verschleiern und zugleich sichtbarmachen. Einzelne Körperdetails oder die verschwommenen Konturen der Körper, weiten sich im Raum aus. Verbergen und zu Angesicht bringen ist auch das Prinzip bei den silbrig glitzernden Folien, großen rechteckigen, flexiblen Folien, die zwar durchsichtig sind, aber den Köper dahinter verzerren und spiegeln, bis er sich in bizarren Formen auflöst.

Das ist mehr als nur Modedesign für Tanz und nur in sehr wenigen Momenten eine Art Haute-Couture-Show.

Musik des "Soundwalk Collective"

Die Musik zu alldem steuert das Berlin/New Yorker "Soundwalk Collective" bei. Ein Trio, das eine Soundwolken-Klang-Collage entwickelt hat, Elektro-Sounds und Beats in Wummern und Jaulen, mit Stimm- und Klangfetzen und Industrielärm. Ein postapokalyptischer Klang, eine dampfig-diesige Nebelwolke mit scharfen blitzartigen Explosionen, immer im Spannungsfeld zwischen Idylle und Untergang.

Ein Schritt ins Neue – meisterlich souverän

Nach den Jahren der Beschäftigung mit choreografischem Konzert und choreografischer Oper, nach dem "Romeo-und-Julia"-Ballett und den vielen Raumerkundungen vom Jüdischen Museum über das Neue Museum und zuletzt in der Elbphilharmonie, nach "Medea", "Orfeo", "Sacre" und "Tannhäuser" ist diese neue Choreografie Rückbesinnung und Neuanfang zugleich, ist Orientierung am prozesshaften Arbeiten.

Der Schritt ins Neue ist nicht ganz so groß und weit wie damals im Jahr 2000 der Werkphasen-Umbruch mit dem Auftakt der "Körper"-Trilogie in der Schaubühne, geht aber in dieselbe Richtung.

Diese Choreografie ist von sehr vitaler Kreativität und Phantasie, wird nur in sehr wenigen Momenten zu einer in Zukunft noch besser zu verdichtenden Materialsammlung. Meisterlich souverän ist der Umgang mit Tanz im Raum, sind Aufbau und Auflösung der Gruppen, das Verknäulen und Zersplittern einzelner Körper und Tänzer-Formationen. Meisterlich souverän ist das Fokussieren und Verengen, das Öffnen und Ausweiten, sind die Stimmungswechsel, das Changieren zwischen erzählendem und abstraktem und skultpuralem Tanz, der bis zu Installations-Elementen Bildender Kunst reicht.

Und am Ende kommt auch ein kleiner Anflug des früher so maßgeblichen Sasha-Waltz-Humors, nur diesmal etwas bitter und sarkastisch. Der Schmachtsong "Je t'aime" erklingt, die Tänzer ergehen sich in einer entspannten Sommeridylle und doch bricht alles zusammen. Die bukolische Liebesphantasie wird als Illusion entlarvt, aus Lust wird obsessive Sucht, wird abgrundtiefe Leere – aber das Liedchen trällert schmachtend weiter vor sich hin.

Liebe allein, noch dazu in dieser Form phrasenhaft-leerer Behauptung, ist auch keine Rettung für diese Gesellschaft unter Druck und in Auflösung.

Frank Schmid, kulturradio

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