Renaissance-Theater am Abend; Foto: Carsten Kampf

Renaissance Theater - Lutz Hübner und Sarah Nemitz: "Willkommen"

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In weniger als anderthalb Stunden ist alles vorbei - alles ist gut, es ist nichts passiert, es tut nichts weh und geht nichts unter die Haut, wir verlassen bestens unterhalten und mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht das Theater - und haben Stück und Inszenierung draußen auf der Straße eigentlich schon fast vergessen.

Ob allein oder als Duo: Lutz Hübner und Sarah Nemitz sind äußerst begehrte Theater-Autoren. Ihre oft zeitkritischen und wortwitzigen Stücke gehören zum festen Spielplan vieler deutschsprachiger Bühnen. Zuletzt hatten sie mit "Frau Müller muss weg" einen richtigen Bühnen-Hit, der auch von Sönke Wortmann erfolgreich verfilmt wurde. Das neue Stück des Autoren-Duos trägt den Titel "Willkommen". Es wurde im Februar in Düsseldorf uraufgeführt und hatte jetzt im Renaissance-Theater seine Berliner Premiere.

Das Große im Kleinen

Das neue Stück beschäftigt sich mit der aktuellen Diskussion über die Flüchtlingskrise und die so genannte "Willkommenskultur". Aber die Bühne wird nicht zum Flüchtlingsheim, das würde den kleinen Rahmen des Renaissance-Theaters und auch den Rahmen der Stücke von Hübner und Nemitz sprengen. Denn es sind immer Stücke, die zwar auf große gesellschaftliche Themen zielen, z.B. Erziehung und Mobbing, die sich aber, um das Große im Kleinen zu demonstrieren, doch immer auf überschaubare Gruppen- und  Beziehungsstrukturen konzentrieren.

So ist es jetzt auch hier: Es kommen überhaupt keine Flüchtlinge und Asylbewerber auf die Bühne, es wird nur über sie geredet, es wird ihr schweres Schicksal beklagt und mögliche Hilfe erwogen, um die verlogenen Haltungen und Diskussionsstrukturen von uns wohl situierten und satten Gutmenschen offenzulegen.

Gut gemeintes Dauerpalaver

Und wo könnte man das gut gemeinte Dauerpalaver der links-liberalen Kultur- und Meinungsschickeria besser ansiedeln als in einer Berliner Wohngemeinschaft, in der man sich bei opulentem Essen und gutem Wein über die Krisen der Welt ereifert? Ins Rollen kommt die Debatte über "Willkommenskultur", als einer der WG-Bewohner ankündigt, für ein Jahr als Gast-Professor nach New York zu gehen und er vorschlägt, sein frei werdendes Zimmer solange an eine Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan oder Syrien zu vergeben: Das wäre doch bestimmt für alle eine tolle Erfahrung und Hilfe zur Integration, "Willkommenskultur" hautnah sozusagen: Der Mann hat gut reden, er ist ja dann in New York und muss die Alltags-Konsequenzen seines Vorschlags nicht selbst ausbaden.

Extreme Begeisterung & extreme Ablehnung

Die WG-Mitbewohner reagieren auf den Vorschlag, das frei werdende Zimmer an eine Flüchtlingsfamilie zu vergeben, mit einer Mischung aus extremer Begeisterung und extremer Ablehnung: Sophie, die Fotokünstlerin, ist gleich Feuer und Flamme, will ein Kunst-Projekt daraus machen und das Zusammenleben der Kulturen dokumentieren; Doro, die WG-Älteste und Mutter einer erwachsenen Tochter, ist dagegen entsetzt, hat keine Lust, ihr privates Refugium in ein soziales Experimentierfeld zu verwandeln. Während alle anderen, der Dozent, die Künstlerin, die Studentin, der Banklehrling, gutmenschlich herumeiern, spricht Doro politisch unkorrekten Klartext: Sie kann das Macho-Gehabe der arabischen Männer nicht ausstehen, sie hasst das muffige, mittelalterliche Frauenbild des Islam, sie will in ihrer Wohnung mit fremden Männern schlafen und sich nackt auf dem Balkon in die Sonne legen und sich nicht den beleidigten und vorwurfsvollen Blicken arabischer Männer aussetzen.

Starker Tobak und schwer zu verdauen für die WG-Bewohner, die damit beginnen, sich gegenseitig zu zerfleischen und ihre bisher unterm Teppich gehaltenen Gefühle offenzulegen; und als dann auch noch Studentin Anna bekennt, dass sie einen neuen Freund hat und von ihm schwanger ist und es doch vielleicht gute Idee wäre, das frei werdende Zimmer an ihren Freund zu vergeben, der übrigens Achmed heißt und Türke ist, da droht die Situation voll und ganz aus dem Ruder zu laufen.

Bitter-böse Witze

Es ist von der ersten Minute und vom ersten Pointen-Ping-Pong klar, dass wir es hier mit einer hinterfotzigen Komödie zu tun haben, mit einer grellen Zeitgeist-Satire, bei der uns das Lachen oft im Halse stecken bleiben wird, mit einer überkandidelten Kultur-Farce, die uns, die wir doch so gern die Welt retten, aber am unsere Komfortzone nicht verlassen wollen, einen entlarvenden Spiegel vorhält.

Das Tempo bitter-böser Witze ist atemberaubend, und dass mit Imogen Kogge und Judith Rosmair zwei wunderbare Schauspielerinnen auf der Bühne stehen, kann auch nicht schaden: Judith Rosmair ist eine hyperventilierende, zappelige Fotografin, die sich in ihren gut gemeinten Vorsätzen und künstlerischen Visionen völlig verheddert und außerdem schwer daran zu knabbern hat, dass ihr Ex-Geliebter Benny plötzlich schwul geworden ist, sie wie ein rohes Ei behandelt und jetzt auch noch vor ihr nach New York flieht. Imogen Kogge ist eine derb-komische Doro, die ohne Unterlass raucht und trinkt und flucht, mit deftiger Berliner Schnauze ihre politisch unkorrekten Statements raushaut und dabei doch nur auf den polemisch zugespitzten Punkt bringt, was viele von uns denken, aber keiner laut zu sagen wagt: dass wir uns zwar für das Elend in der Welt schämen und wahnsinnig gern helfen und Geld überweisen und unsere Altkleider im Flüchtlingsheim abgeben, aber eigentlich mit den Fremden und ihrer unaufgeklärten Religion und ihrem undemokratischen Lebensstil nichts zu tun haben wollen.

Kurz und klischeehaft

Vorschläge, wie wir heil aus der Widerspruchsfalle herauskommen, gibt es nicht, es gibt nur die Aufforderung, ehrlich zu sein, sich die eigene Unzulänglichkeit einzugestehen, von Illusionen Abschied zu nehmen. Stück und Inszenierung sind ohnehin - für die Vielfalt der Themen und das Ausmaß der Probleme - viel zu kurz und klischeehaft geraten, die politischen Themen und Widersprüche werden nur angerissen und auf eine knackige Pointe zugespitzt; die Personen sind nur dazu dazu da, Meinungen und Vorurteile grell zum Vorschein zu bringen, aber die Figuren haben keine Tiefe, keinen Charakter, menschliche Gründe und Abgründe werden nur temporeich veralbert, aber nicht ausgedeutet.

In weniger als anderthalb Stunden ist alles vorbei, und eigentlich war alles nur viel Lärm um nichts, es bleibt eh alles beim Alten. "Et kütt wie et kütt", es kommt halt wie es kommt, man kann eh nichts ändern am Lauf der Dinge, meint Doro im besten Köllner Dialekt zum  Schluss, und Sophie ergänzt grinsend: "Ja genau, altes syrisches Sprichwort". Alles ist gut, es ist nichts passiert, es tut nichts weh und geht nichts unter die Haut, wir verlassen bestens unterhalten und mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht das Theater - und haben Stück und Inszenierung draußen auf der Straße eigentlich schon fast vergessen.

Frank Dietschreit, kulturradio

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