Open Spaces: Sergiu Matis – Neverendings; © Dan Lancea
Sergiu Matis – "Neverendings"; © Dan Lancea | Bild: Dan Lancea

Ufer_Studios - Open Spaces | Sommer Tanz 2017

Bewertung:

Wie kann man mit Tanz und Performance an 100 Jahre Oktoberrevolution in Russland erinnern?

Das war eine Frage gestern Abend in den Uferstudios in Berlin-Wedding bei der Eröffnung des "Open Spaces"-Festivals der Tanzfabrik. Die andere Frage war, was eine nicht-göttliche Kirche sein mag. Mit einem Doppel-Uraufführungs-Abend wurde das "Open Spaces"-Festival trotz sintflutartigem Regen eröffnet.

Sergiu Matis: "Neverendings – Staffel 1: 100 Years Revolution"

Mit seiner "Neverendings"-Choreografie in zwei Teilen hat Sergiu Matis eine vermeintliche Jubiläumsfeier arrangiert, ein ausuferndes Performance-Happening, sowohl Party als auch Messe. Sergiu Matis, Mitte 30, ursprünglich aus Rumänien, seit Jahren schon in Berlin, u.a. Tänzer bei Sasha Waltz, erzählt in assoziativen, episodenhaften Geschichten von revolutionären Utopien, von hoffnungsfrohem Aufbruch und dessen Untergang in Terror. Und er fragt zugleich, welche Utopien, welche gesellschaftsverändernden Zukunftsideen wir heute noch haben können.

Große Fragen, schier unendliche Themen-Vielfalt, ein Projekt, das von einem sympathischen Wahnsinn geprägt ist und zu Szenenmaterial von ca. 5,5 Stunden geführt hat, weswegen diese "Neverendings"-Choreografie in zwei Folgen zu sehen ist, der ersten Staffel "100 Years Revolution" folgt heute die zweite "Daydreams for a better World".

Vom Techno-Punk-Konzert zu Pappkarton-Insel-Welt und Blutbad

Staffel Eins beginnt mit einem Techno-Punk-Konzert. Wir Zuschauer stehen in dichtem Kunstnebel zwischen engen Pappkarton-Wänden, zwei Performerinnen schreien über die dröhnende Musik hinweg, ein Höllen-Moment: Lärm, Enge, Hitze. Eine Überforderung der Sinne und Nerven, ein Chaos, das die Wahrnehmungsverschlüsse aufreißt.

Dann zerbricht eine der Wände und die Weite der Bühne ist zu erkunden, mit ihren Inseln aus Pappkarton-Hügeln, -Bergen, -Mauern und -Verliesen, der Spielort für die sich austobenden fünf Performer, für Tanz, Gesang und chorisches Sprechen, für Geschichte und Reflexion. Wie im Zeitraffer geht es durch die Revolutionszeiten und die Jahrzehnte danach: von Lenin und Stalin über Chruschtschow und Breschnew zu Putin, von Majakowski und Schostakowitsch zu Pussy Riot.

Es ist ein Textgewitter der kommunistischen Ideologie, ein Bildgewitter des sozialistischen Realismus und ein skeptisches Abklopfen der Worte, Gesten und Körpersprachen auf Bedeutung und Wahrheit, auf damalige und heutige Perspektiven. Da hört, sieht und spürt man den Jubel des Aufbruchs in eine neue Welt und die Tragik des Untergangs in Verbrechen, Terror und Diktatur.

In einer der stärksten Szene waten die Performer durch eine riesige blutrote Pfütze, die sie mit ihren Schrubbern nicht wegwischen können und die das weiße Grabtuch, das sie darüber legen, nicht aufsaugen kann. Das rotgetränkte Tuch wird zum Vorhang, zur roten Fahne, vor der die Performer mit der gebrochenen Helden-Gestik des russischen Kunst-Utopismus nach der Möglichkeit von Utopien heute fragen.

Bildstarker Abend, Erlebnis-Parcours, Punk, Comedy und Totenmesse

Die dramaturgischen Verfremdungs-Tricks funktionieren: die Idee, dass dies eine Reality-TV-Aufnahme-Session sein soll – ständig sind Kameraleute unterwegs – und die Idee des episodenhaften Erzählens, des vorübergehenden Eintauchens in eine szenische Welt. Wie in all seinen bisherigen Choreografien sind die Bewegungserfindungen von Sergiu Matis faszinierend eindringlich: ein Taumeln und Schlingern, ein Verengen, Versteifen und Verhärten, das sich entladen muss im Weiten der Körper, in Überdehnungen, Gegenläufigkeiten und Entspannungen.

Problematisch sind hingegen die sehr komplexen Text-Verschlingungen, die Reflexionen, das Hinterfragen, das Vielfach-Belichten der Sozialismus-Theorie-Worthülsen-Wolken – schon akustisch sind sie oft nicht zu verstehen.

Obwohl es Kürzungsbedarf gibt, nicht jede Episode trägt, ist dies ein bildstarker Abend, prallvoll mit Ideen, ein Erlebnisparcours, der Härte und Witz, Punk und Comedy, Hoffnung und Totenmesse in sich vereint.

Open Spaces: Karol Tyminski – Church of Non-Divine; © Katarzyna Szugajew
Bild: Katarzyna Szugajew

Karol Tyminski: "Church of Non-Divine" – im postapokalyptischen Trümmerhaufen

Karol Tyminski hat für seine Choreografie ein postapokalyptisches Szenario entworfen, mit drei lakonisch unterspannten Performern auf einer Schutthalde aus roten Klinkersteinen. Tyminski, auch Mitte 30, ursprünglich aus Polen, erst kurz in Berlin, ist jetzt schon ein Hoffnungsträger der Berliner Tanzszene mit seinen radikalen, exzessiven Arbeiten an der Grenze zu Selbstverletzung und Selbstgefährdung. Ein Grenzgänger, der das Extreme sucht und auch schon mal kalkulierend die Provokation findet, wie etwa mit der raffiniert verfremdeten Pornoszene in einem seiner früheren Stücke.

Hier wandern die Performer ständig in Gefahr, zu stürzen, sich zu verletzen auf den Trümmern der Welt, vielleicht auf dem Schutt der Religionen. Alles, was sie aus den Trümmersteinen neu erbauen, stürzt schnell wieder ein und so wird diese Ruinen-Schutt-Landschaft zum Freiheitsraum, frei von Dogmen und Normen, von Regeln und Gesetzen.

Im Spiel mit den Bruchstücken und Überresten wird klar, dass der Körper im freien Spiel mit sich selbst und mit anderen der Heimatort dieser nicht-göttlichen Kirche ist. Etwa dann, wenn sich zwei Performer völlig nackt mit rosa Körperfarbe einschmieren und der dritte grüne Farbfontänen durch die Luft fliegen lässt. Wenn alles im Schwarzlicht flimmert und glimmert wird der Homo Ludens, der spielende Mensch zur gelebten Utopie.

Eine nicht ganz vollendete Choreografie, die noch einen Reifeprozess benötigt, aber bereits jetzt wie ein kluger illustrativer Aphorismus wirkt.

Frank Schmid, kulturradio

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