"Ein schwaches Herz" © Volksbühne/ Thomas Aurin
Volksbühne/ Thomas Aurin
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Volksbühne Berlin - Fjodor M. Dostojewskij: "Ein schwaches Herz"

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Die Novelle "Ein schwaches Herz" ist eine stille Geschichte über die Unerträglichkeit des Glücks. Frank Castorf hat sie als sein letztes Stück an der Volksbühne inszeniert.

Man mag es kaum glauben, aber nach 25 oft aufregenden und manchmal ärgerlichen Jahren ist endgültig Schluss: Frank Castorf räumt seinen Intendantenstuhl und inszeniert seine letzte Arbeit in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Während der neue Chef, Chris Dercon, weiter an seinen interdisziplinären Visionen für die neue Volksbühne feilt, nehmen Castorf und seine langjährigen Mitstreiter Abschied: Christoph Marthaler, René Pollesch, Herbert Fritsch, sie haben alle noch einmal Regie geführt. Jetzt ist Kapitän Castorf dran und macht, bevor er von Bord des Bühnen-Tankers geht, mit einer Theaterfassung von Dostojewskis Novelle "Ein schwaches Herz" persönlich das Licht aus.

"Ein schwaches Herz" © Volksbühne/ Thomas Aurin
"Ein schwaches Herz" ©Volksbühne/ Thomas Aurin

Ironische Abschiedsgeste

Es ist programmatisches Statement und ironische Abschiedsgeste. Denn Catsorf hatte seine stärksten Momente als Regisseur immer dann, wenn er sich russische Autoren vorgenommen hat. Was Castorf vor allem aus Dostojewski-Romanen herausgelesen hat über menschliche und soziale Abgründe, religiösen Wahn und politischen Terror, und wie er dann Romane wie "Dämonen", "Der Idiot" oder "Die Brüder Karamasow" mit Fremdtexten und Filmschnipseln und vielen verrückten Einfällen verwurstet und neu für die Bühne komponiert hat, das war meistens ziemlich auf- und anregend.

Zum Finale noch einmal auf seine Leidenschaft für die russische Literatur zurück zu kommen, ist also nur logisch und konsequent, und wenn er dann auch noch eine Erzählung auswählt, in der Liebe, Arbeit und Geld die Menschen nicht glücklich macht, sondern in den Wahnsinn treibt, ist das wohl auch als ironischer Kommentar zu den Vorgängen um die Volksbühne zu verstehen. 

Eingestreute Filme und Texte von Bulgakow

Dostojewskis Novelle handelt von zwei guten Freunden, Wassja und Arkadij, Beamte im unteren Dienst, erbärmliche Schreiberlinge und rechtlose Lohnsklaven; sie hausen zusammen in einem Zimmer und teilen sich alles, doch als Wassja sich in Lisa verliebt und sie heiraten will, wird es kompliziert, denn Lisa leidet unter einem Beziehungs-Trauma, seit sie einst von ihrem Ex-Verlobten schnöde verlassen wurde.

Außerdem ist da auch noch Julian, der Chef der beiden Schreiberlinge, ein kapitalistischer Widerling, der die beiden Lohnsklaven mit Arbeit zuschüttet, sie drangsaliert und sie um die Früchte der Liebe und Hoffnungen der Zukunft bringen will; natürlich nimmt das alles kein gutes Ende, und Wassja landet in der Klappsmühle. Doch eigentlich interessiert sich Castorf nicht besonders für die Novelle, er streut lieber weitere Texte von Dostojewski und Bulgakow und Filme des russischen Kult-Regisseurs Leonid Gaidaj ein.

"Ein schwaches Herz" © Volksbühne/ Thomas Aurin
"Ein schwaches Herz" ©Volksbühne/ Thomas Aurin | Bild: Volksbühne

Flug durch die Zeiten

Schon springt die Inszenierung durch die Zeiten, fliegt vom Zarismus in die Stalin-Ära, landet in sowjetischen Plattenbausiedlungen, tanzt fröhlich besoffen und dadaistisch verzückt auf dem Vulkan der politischen Geschichte, die dem Menschen immer das Gute verspricht und immer das Schlechte beschert. Es ist ein wildes Spiel mit Rollenwechseln, Zeitsprüngen, Kunst-Ideen, Politik-Ideologien, und es ist ein böser Abgesang auf alle Verbindlichkeiten, alle Gewissheiten und alle Hoffnungen, alle Utopien.

Sitzkissen und Plastikstühle

Im leer geräumten Theatersaal lümmelt das Publikum sich auf Sitzkissen oder ruiniert sich den Rücken auf harten Plastikstühlen. Eine Bühne gibt es nicht. Stattdessen eine Art Schneise mitten durch den Zuschauerraum. Ein Laufsteg der Eitelkeiten und Fantasien. Vollgestopft mit unzähligen Requisiten und einem Klavier, auf dem Sir Henry gelegentlich ein bisschen herum klimpert.

In der Requisitenkammer können die Darsteller herrlich in den Betten suhlen, Tee trinken, mit den Türen knallen, ihre Perücken und Rollen tauschen, in die Zukunft oder Vergangenheit abheben oder über Tote und Untote philosophieren. Und sich selbst beim Spielen beobachten. Denn natürlich wird jede Regung von Kameras festgehalten und werden die Bilder auf eine große Leinwand projiziert. Wenn mal nichts los ist im Castorfschen Dauerpalaver laufen dort auch alte russische Filme, surreale Streifen, halb Science-Fiction, halb Historien-Schinken. Sehr merkwürdig, völlig gaga und unverständlich.

"Ein schwaches Herz" © Volksbühne/ Thomas Aurin
"Ein schwaches Herz" ©Volksbühne/ Thomas Aurin

Unfertig und mit der heißen Nadel gestrickt

Wenn Castorf bei russischen Autoren wildert, sind das oft Reisen durch die Nacht und dauern fünf, sechs und mehr Stunden. Diesmal gibt er sich mit vier - pausenlosen - Stunden zufrieden. Eine Sitztortur und eine Theaterfolter. Denn es geht irgendwie um alles, also um nichts. Alle Texte werden geschreddert und neu collagiert und zerfallen zu Staub. Erst nach anderthalb Stunden kommen erstmals Wassja und Arkadij (Georg Friedrich, Mex Schlüpfer) zum Zuge, um ihre finanziellen und sexuellen Nöte auszubreiten. Um dann schnell wieder zu verschwinden. Kurz vor Toresschluss dürfen sie dann endlich ihr Drama zu Ende bringen.

Für den plötzlich erkrankten Henrik Arnst ist kurzfristig Daniel Zillmann eingesprungen. Toll. Aber leider hat er keine Ahnung, was er da treibt und sagen soll. Deshalb ist die bemitleidenswerte Souffleuse im Dauereinsatz. Zillmanns Texthänger färben auf alle Darsteller ab. So viel Gestotter war selten. Passt aber zur Inszenierung: sie ist unfertig und mit der ganz heißen Nadel gestrickt. Als wolle Castorf uns den Abschied leicht machen und sagen: Jetzt ist auch mal genug. Ich parodiere mich eh nur noch selbst und mach mich über das Theater lustig.

Das beginnt schon mit dem ersten Satz des Abends, wenn Kathrin Angerer laut stöhnt: "Och, das ist ja hier wie in Senftenberg!" Ein Witz für Insider: Auch in Senftenberg, der ersten Station seines Theaterlebens noch zu DDR-Zeiten, ist Castorf unfreiwillig gegangen worden. In der letzten Szene des Abends sehen wir dann auf der Leinwand einen auf uralt getrimmten Stummfilm: Der verrückt gewordene Wassja irrlichtert salutierend vor der Volksbühne herum, wird von Irrenärzten eingefangen und weggesperrt. Die Volksbühne, sagt Castorf, ist ein Irrenhaus. Wenn hier Schauspieler, Regisseure oder Intendanten zu viel arbeiten und aufmüpfig werden, ist Schluss mit lustig. Mag sein. Aber musste sein Finale so banal sein?

Frank Dietschreit, kulturradio

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