"Die Welt im Rücken" © Reinhard Werner
Bild: Reinhard Werner

Deutsches Theater Berlin | Autorentheatertage Vorglühen - Wiener Burgtheater: "Die Welt im Rücken"

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Der Regisseur Jan Bosse hat den Roman "Die Welt im Rücken" von Thomas Melle am Wiener Burgtheater inszeniert, das Deutsche Theater in Berlin lud nun zu einem Gastspiel ein.

Thomas Melle ist ein Theater- und Romanautor, bei dem man bisher nie genau sagen konnte, wie viel von seinen Geschichten er selbst erlebt hat. Sein Drama "Bilder von uns" thematisiert den sexuellen Missbrauch am Bonner Aloisiuskolleg – dort war Melle selbst Schüler gewesen. Seine prämierten Romane "Sickster" und "3000 Euro" handeln von kaputten, verlorenen Großstädtern, die sich in ihren Exzessen und ihrem Aus-der-Welt-gefallenen-Sein alle ähneln.

Seit 2016 Melles autobiografischer Roman "Die Welt im Rücken" erschienen ist, steht fest: Alle diese Figuren sind Teil seiner selbst. Thomas Melle ist manisch-depressiv und hat bislang drei schwere Krankheitsschübe hinter sich, von denen er im neuen Buch erzählt. Der Regisseur Jan Bosse brachte den Roman am Wiener Burgtheater zur Uraufführung, das Deutsche Theater in Berlin lud die Inszenierung nun zu einem Gastspiel ein.

Die Krankheit zerfetzt sein Leben

Thomas Melle gelingt es so eindrücklich und krass, über seine eigene psychische Erkrankung zu schreiben, dass es kaum auszuhalten ist. Man sieht einem hoch begabten, intelligenten Menschen dabei zu, wie diese Krankheit sein Leben zerfetzt, auf eine so brutale Weise, als würde da eine Bestie von ihm Besitz ergreifen. Das Buch ist eine sprachliche Wucht, es ist erschütternd – und war auch zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Melle gelingt das große Kunststück, vollkommen ehrlich, präzise und eindringlich von diesem überbordenden Größenwahn zu berichten, der ihn allen Ernstes glauben lässt, der Welterlöser zu sein. Und genau so schonungslos die schwarzen Todeslöcher der Depression mit dem Leser abzuschreiten.

"Die Welt im Rücken" © Reinhard Werner
"Die Welt im Rücken" © Reinhard Werner

Das Theater als Tollhaus

Dass er es geschafft hat, dieser irrlichternden Krankheit zwischen zwei Buchdeckeln eine Form zu geben, sie dadurch auch ein Stück weit zu bannen, das ist schon ein menschliches und literarisches Wunder. Melle kann sich selbst, die Krankheit und die Veränderung seines Ichs in diesen Krankheitsschüben so präzise und anschaulich beschreiben, dass man schockiert ist, allein die Lektüre des Buchs ist kräftezehrend – gleichzeitig sprachlich aber grandios beglückend.

Romanadaptionen haben im Theater Konjunktur – aber man darf sich durchaus fragen, ob es Sinn macht, diese individuelle Krankengeschichte auf der Bühne zu erzählen. Zwei Aspekte machen das Buch für das Theater interessant. Zum einen bewegt sich Melle im Theatermilieu, das heißt, er erzählt auch über Probensituationen, über Schauspieler, Techniker und das Theater als Tollhaus. Zum anderen, viel wichtiger: In seiner Manie fühlt sich Melle immer wie einer, der von Außen beobachtet wird, der alleiniger Hauptdarsteller der ganzen Welt ist. Und das macht seine Person auch zu einer Theaterfigur.

"Die Welt im Rücken" © Reinhard Werner
"Die Welt im Rücken" © Reinhard Werner | Bild: Reinhard Werner

Großes Solo von Joachim Meyerhoff

Jan Bosse hat das als Monodram inszeniert, es ist das große Solo von Joachim Meyerhoff, diesem unglaublich populären Star-Schauspieler am Wiener Burgtheater, der mit seinen eigenen autobiografischen Büchern – wie etwa "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" – einem breiten Publikum bekannt geworden ist.

Meyerhoff begibt sich knapp drei Stunden lang allein auf diese Krankheitsodyssee. Am Anfang steht er in einem beigen Pullover auf der Bühne, spielt mit einem Zuschauer Tischtennis und wirkt ziemlich normal. Dann geraten die Tischtennisbälle außer Kontrolle, zu Hunderten springen sie herum und Meyerhoff spielt den sich immer mehr in die Manie steigernden Kranken. Er schiebt einen Kopierer auf die Bühne, nagelt lebensgroße Schwarz-Weiß-Kopien seiner Gliedmaßen an ein gigantisches Kreuz und stilisiert sich so zur Erlöser-Figur.

Standing Ovations für den Schauspieler

Im zweiten Teil, beim zweiten Krankheitsschub, wird dann ein riesiges transparentes Gebilde hereingefahren, halb Gehirn, halb Krake. Es wird in allen Farben illuminiert, und Meyerhoff besteigt es in seinem Wahn wie einen Berggipfel, am Ende verkriecht er sich darin. Aber dann macht dieser Schauspieler auch immer wieder seine frechen Scherze mit den Zuschauern, so bleibt die Expedition ins Innere eines bipolaren Menschen immer auch unterhaltsam.

Es ist sicher ein Abend, der die Geschichte von Thomas Melle ins Zentrum stellt, und Melles hoch poetische Sprache entfaltet auch auf der Bühne ihre Kraft. Jan Bosse und Joachim Meyerhoff setzen allerdings doch sehr auf den Irrwitz der manischen (nicht der depressiven) Krankheitsphasen, so zum Beispiel auf die Theatralik der großen Messias-Nummer am Kreuz. Man kann Bosses Regie-Entscheidung schon verstehen: Depression pur ist nicht bühnentauglich. Hier wird das Ganze auch zur großen Meyerhoff-Show. Die ist stark, wirkt aber nie so bedrückend, so emotional-konkret wie im Original. Am Schluss gab es Standing Ovations für den Virtuosen Meyerhoff. Es war ganz sicher ein eindrucksvoller Schauspieler-Abend, aber der Roman hinterlässt tiefere Spuren.

Barbara Behrendt, kulturradio

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