kulturradio-Motiv: Schnecke_Mund; Bild: rbb
Download (mp3, 5 MB)

Akademie der Künste | Hanseatenweg - Constanza Macras/ Dorky Park: "The Pose"

Bewertung:

Wie wir uns selbst inszenieren, wie wir uns präsentieren und darstellen in unserem ganz alltäglichen Leben, privat und in der Öffentlichkeit, etwa mit den Selfies, die viele Menschen von sich machen und ins Internet stellen – das ist eines der Themen in der neuen Choreographie von Constanza Macras. Passenderweise heißt sie "The Pose", also Haltung oder Pose. Gestern Abend war Uraufführung in der Akademie der Künste am Hanseatenweg.

Constanza Macras hat eine Parcours-Strecke durch das Akademiegebäude gelegt. Die Zuschauer werden in drei Gruppen durch das Haus geführt, wo sie zeitversetzt dieselben Performances sehen, nur im Zwischenfinale vor der Pause und in der furiosen Schlussszene kommen alle wieder zusammen.

Der Garten mit Rasen und Teich, ein Sitzungssaal, ein Besprechungsraum sind die Stationen, kleine Nahkontakt-Räume wie auch die Bar oder das Foyer – der ohnehin zergliederte Baukörper der Akademie wird noch weiter zersplittert und in Einzelräume zerlegt und somit neu erfahrbar. Ein Abend mit erheblichem logistischen Aufwand, verbunden mit einigen Wartezeiten und ein Kraftakt für die zehn zentralen Performer, die von Szene zu Szene eilen und auch für die Zuschauer wegen der mehr als viereinhalb Stunden Spieldauer.

Selfies und Urlaubsfotos und die dazugehörenden Geschichten

Constanza Macras arbeitet einmal mehr mit den Biographien und Persönlichkeiten der Performer und collagiert das von ihnen eingebrachte Material - zunächst erwartbar anhand von Selfies oder Fotografien, zu denen die Performer die jeweiligen Geschichten erzählen. Die Selfies der einen Performerin, ständig im Flugzeug und auf Flughäfen und entweder gerade betrunken oder gerade verkatert, ein älterer Schauspieler zeigt seine Bewerbungsfotos der letzten Jahrzehnte und erklärt im kuriosen Wechsel der Moden und Stile, warum er damit nie Erfolg hatte, ein anderer zeigt seine Dating-Website-Fotos und erzählt, wie er sich zeigen wollte, welche Hoffnungen damit verbunden waren und welche Enttäuschungen damit einhergegangen sind.

Urlaubsfotos, Facebook-Fotos, Lachen, Staunen, Schmollmund, Paris, Tokio, Berlin, Jerusalem, mehrfach um die Welt.

Selbst-Inszenierung in Zeiten der Sozialen Medien

Hier dreht sich alles um Selbst-Inszenierung in der Zeit der Sozialen Medien mit allem, was damit verbunden ist: Originalitäts-Druck, Lustigkeitszwang, Freude und Scham, die Sehnsucht nach Perfektion.

Und wie zu erwarten, vergisst Constanza Macras auch die Kritik an diesen Selbstdarstellungszwängen nicht: die Eitelkeit, den Narzissmus, das Auseinanderklaffen von Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Ängste, nicht perfekt zu sein, nur einen Teil von sich zu zeigen und dann auch noch den falschen oder von den virtuellen Freunden abgelehnt zu werden. Eine Szenen-Collage, soweit alles erwartbar, lustig, aber überraschungsarm, bis Constanza Macras überraschend ein ganz anderes Fenster öffnet.

Intime Lebens- und Familiengeschichten

Im zweiten Teil, nach der Pause wird es intimer, ernsthafter, auch tragischer. Die Performer erzählen ihre Lebens- und Familiengeschichten anhand privater Familienfotos, von Südafrika über Argentinien, Brasilien, Japan und die Schweiz bis nach San Francisco ergeben sich Einblicke in Kulturen, Gesellschaften, Traditionen, etwa in Migrationsgeschichten über mehrere Generationen. Auf einmal stehen lebensentscheidende Momente im Mittelpunkt: der Tod der Großeltern, Eltern oder Freunde, Apartheid in Südafrika, von der glücklichen Kindheit bis zum Bruch mit der Familie.

Der Fokus weitet sich, Erinnerung, Identitätsprozesse und Selbst-Erklärungen in Selbst-Bespiegelungsverfahren sind nun die Themen: wie wir vielleicht zu dem geworden sind, was wir zu sein glauben – das Medium der Fotografie als ein Mittel zur Erfindung des eigenen Selbst, immer verbunden mit der Skepsis, ob das denn auch stimmt, was die Fotos zeigen: war ich ein glückliches Kind, sind die Geschichten über die Großeltern wahr?! Und das alles in Performance und Tanz ganz Macras-Typisch in einer Verbindung aus Tragik und Komik, aus überdrehter Groteske und intimem Drama – da wird im Teich gebadet, auf dem Rasen getanzt, in der Erde gewühlt, auf Betonstelen balanciert, still aus dem Fenster gestarrt.

Emotionale Achterbahnfahrt, Kuriositätenposse, Tragik und Komik

Das ist ein an Geschichten übervoller, ein erschöpfender und anregender Trip und eine emotionale Achterbahnfahrt: viele Dutzend autobiographische Erzählungen der grandiosen Performer, allesamt ungewöhnliche Persönlichkeiten, der kraftvolle wuchtige Tanz von Constanza Macras, die nicht wirklich notwendigen kunstgeschichts-theoretischen Reflektionen zu Bild und Abbild und Bedeutung der Fotografie – alles extrem assoziationsreich, voller Andeutungen und Anspielungen.

Das Zwischenfinale im Großen Saal, in dem Macras das Thema Selbstdarstellung durch den Wolf dreht, weitere viele Dutzend Szenenmomente sekundenkurz aneinander reiht, in dem sie die Posen-Techniken aus Film, Tanz, Theater, Bildender Kunst, Fotografie, Showbusiness in eine karikierende Kuriositätenposse treibt, hätte so ausufernd nicht sein müssen. Nicht alle Kurzperformances tragen wirklich, die Dramaturgie ist etwas schematisch, wie auch der Wechsel zwischen Ernsthaftigkeit und unterhaltungsorientierter Scharmützel-Burleske.

Insgesamt jedoch ist "The Pose"  nach den selten überzeugenden großen Bühnenstücken der letzten Jahre, die sie in Berlin kaum noch zeigen kann, endlich wieder ein eindrucksvoller und konsequent durchdachter Abend, eine Rückkehr zu den Happening-Anfängen an ungewöhnlichen Orten (2004 "Back to the Present", Kaufhaus Jandorf) hier mit einem furiosen Finale mit Tanz in den Gartenanlagen und auf der Straße vor dem Akademie-Gebäude. Am Ende durchaus berechtigter Jubel.

Frank Schmid, kulturradio

Weitere Rezensionen

La Bettleropera, © Matthias Heyde
Neuköllnische Oper, © Matthias Heyde

Neuköllner Oper - La BETTLEROPERa

Sicherlich stellt die Verballhornung von John Gays "Bettleroper" zu "La BETTLEROPERa" (O Graus!) den Versuch dar, der Händel-Travestie einen italienischen Drill und Dreh zu geben.
Zugleich haben wir es mit einer Jubiläumsproduktion zu "40 Jahre Neuköllner Oper" zu tun. Mitbegründer Winfried Radeke hatte schon 1986 eine eigene Version der "Beggar’s Opera" vorgestellt.

Bewertung:
Szenenfoto: Sunset Boulevard - Staatstheater Cottbus
Marlies Kross

Musical nach dem Film von Billy Wilder - Staatstheater Cottbus: "Sunset Boulevard"

Das Staatstheater Cottbus hat sich in den letzten Jahren eine
Musicaltradition aufgebaut. Die Spielzeit wurde mit  "Sugar" ("Manche
mögen's heiß") eröffnet, jetzt wird nachgelegt. Martin Seiffert, der
auch schon bei "Sugar" Regie führte, hat Andrew Lloyd Webbers "Sunset
Boulevard" inszeniert. Und wieder gab es stehende Ovationen…

Bewertung:
Pelléas et Mélisande, © Monika Rittershaus
Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin - "Pelléas et Mélisande"

Um das Positive vorwegzuschicken: Barrie Kosky hat sein Haus lässig genug im Griff, um ein recht langes, nein: ein recht sehr langes Stücke in einen anscheinenden Premieren-Erfolg zu verwandeln.

Bewertung: