Tugan Sokhiev dirigiert das Deutsches Symphonie-Orchester Berlin; © Kai Bienert
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Philharmonie Berlin - Deutsches Symphonie-Orchester Berlin unter Tugan Sokhiev

Bewertung:

Das Deutsche Symphonieorchester Berlin sitzt grade ein wenig zwischen Stühlen: Der neue Chefdirigent ist noch nicht ganz da, der alte, Tugan Sokhiev, ist noch nicht ganz weg. Eigentlich hat er sein Abschiedskonzert schon längst gegeben, aber für ein großes russisches Konzert zum Saisonabschluss arbeitet er nun erneut mit dem DSO zusammen.

Sokhiev hat in seinen Jahren als Chef mit dem DSO intensiv die russische Musik gepflegt. Am Freitag war denn auch all das zu hören, wofür der Name Sokhiev steht: selten gespielte russische Stücke, Neue Musik, plus, und das war sicherlich wirklich eine Art (letzte?) dicke  Abschiedstorte an die Berliner, ein echter Hit, Tschaikowskis Vierte.

Firssowas Doppelkonzert: Nicht schön, aber klug

Dass keine echte Abschiedsstimmung aufkam, dafür sorgte die Vorstellung ganz neuer Klänge;  uraufgeführt wurde ein Konzert für Violine und Violoncello von Jelena Firssowa. Ein schwieriges Stück, nicht so sehr für den Kopf, eher ein schwerer Klumpen für Herz und Magen. Firssova, 1979 in der Sowjetunion von Komponistenverband ausgeschlossen wegen ihrer Offenheit dem Westen gegenüber, ist trotzdem (oder grade deshalb?) mit allen Fasern der russischen Musik verbunden geblieben.

Das heißt, sie hat ein Konzert für Violine und Cello geschrieben, das zwar in vielen oberflächlichen Zügen formal den klassischen Standards annähert: mehrsätzige Struktur, Dialoge zwischen Orchester und Solisten, einer Kadenz und sogar erkennbaren motivischen Anlehnungen an Tschaikowsky, Prokovjew und Schostakowitsch. In Wirklichkeit zerfällt es aber in sehr skelletöse aphoristische Fragmente, deren Essenz von extremer Herbheit geprägt ist. Da gibt es nichts Sinnliches zu entdecken, nichts Versöhnliches, das den Hörer zum Zurücklehnen und Genießen einlädt. Insgesamt ein sehr scharfkantiges, aggressives Statement, das mich eher ver- als aufschließt angesichts der akustischen Bitterkeit des Gesagten. Ich mochte keinen einzigen Takt. Doch es ist wie nach der Diskussion mit einem klugen Gegner: Auch wenn mir nicht gefällt, was er sagt, respektiere ich den Scharfsinn, technische Finesse und eine starke Individualität.

Jelena Firssova hat hier nichts Schönes, doch Wichtiges zu sagen, und das wurde von den Solisten - Geiger Vadim Gluzman und Cellisten Johannes Moser - auch grandios gedolmetscht. Der lange Applaus galt sicherlich nicht zuletzt auch diesen beiden Musikern.

Französischer Tschaikowsky

Sokhiev treiben seit langem zwei Sehnsüchte um: Russland und die Oper. Und das Opernhafte war gestern in Tschaikowskis Vierter fantastisch zu hören. Eine frappierende Interpretation: Die Sinfonie ist unmittelbar nach einem Parisbesuch zu entstanden, der Tschaikowsky sehr geprägt hat, und während die meisten Dirigenten gern den großen Kampf des Schicksals mit dem Individuum in dieser Sinfonie herausarbeiten, nähert sich Sokhiev dem Ganzen das etwas augenzwinkernd und arbeitet die französischen Einflüsse, vor allem Bizet und Delibes (den Tschaikowsky mehr schätzte als Brahms) heraus. Eine ganz delikate, luftige Angelegenheit, manchmal, wie in den apart zelebrierten Walzerrhythmen im 1. Satz und dem schaumigen Pizzicato-Scherzo, sogar balletös, ohne je die Bodenhaftung zu verlieren und das Werk unbedeutend zu machen. Eine echte Tschaikowsky-Sternstunde!

Auch Rimskis Osterouvertüre – glasklar, fast kammermusikalisch, rauschhaft russisch  ohne die klischeehafte slavische Schwere, die manch andres Orchester in diese Musik schon hineingedichtet hat – erneut wurde mir klar, dass Rimski-Korsakov zu Recht als einer der genialsten Orchestrierer seiner Zeit galt.

Eins der kostbaren Konzerte in diesem Jahr, die in mir noch lange nachklingen werden.

Matthias Käther, kulturradio

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