Eddie Izzard
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Quatsch Comedy Club - Eddy Izzard: "Force Majeure"

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"Force Majeure" ("Höhere Gewalt")  ist der Titel des Programms, mit dem der englische Stand-up-Komiker Eddie Izzard zurzeit durch die Welt tourt. Es könnte die längste Tournee aller Zeiten werden – fünf Kontinente und 45 Länder hat Izzard schon abgearbeitet. Erst kürzlich ist er in allen 50 Bundesstaaten der USA aufgetreten. Jetzt ist er in Deutschland und spielt auf Deutsch.

Die Sprache ist das größte Wagnis. Es hat Charme, wenn sich ein Brite bemüht, Deutsch zu sprechen, und bei Eddie Izzard ist auch eine politische Aussage damit verbunden - er ist ein vehementer Kritiker des Brexit und tritt für ein vereintes Europa ein – aber für einen Comedy-Abend, der von sprachlicher Brillanz und Leichtigkeit lebt, ist es doch eine ziemliche Hürde. Izzard muss immer wieder nach Wörtern suchen und auch seine Aussprache ist so, dass man sich schon konzentrieren muss, um ihn zu verstehen. Trotzdem ist der Abend sehenswert.

Balance zwischen Blödelei und Tiefsinn

Izzard verbindet Humor mit politischem Anspruch. Wenn es nicht zu Deutsch klingen würde, könnte man ihn als Kabarettisten bezeichnen. Er balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Blödelei und Tiefsinn und hat keine Angst wichtige Themen anzusprechen. Es geht um Glauben und Machtmechanismen, um Politik und Moral. Das deutet schon der Titel an – "höhere Gewalt" sind für Eddie Izzard religiöse Überzeugungen, die Menschen dazu veranlassen, sonderbare Dinge zu tun – zum Beispiel andere Menschen zu töten.

Im Himmel funktionierte das Wlan nicht

In vielen alten Kulturen wurden Menschen geopfert, um Götter gnädig zu stimmen. Warum sollte man das nicht auch heute tun? Izzard schlägt seinen Assistenten Steve als Opfer vor, was zunächst wie eine billige Pointe wirkt - schließlich ist es leicht, sich über den Aberglauben vergangener Zeiten lustig zu machen. Doch dann bindet Izzard die Szene ins Heute ein.

Vom Menschenopfer kommt er zu Karl I., der 1649 in England geköpft wurde, obwohl er sich darauf berief, ein König von Gottes Gnaden zu sein. Warum hat Gott die Hinrichtung also nicht verhindert? – Weil mit anderen Dingen beschäftigt war. Im Himmel funktionierte nämlich gerade das WLAN nicht. Es war von irgendjemandem gehackt worden – "wahrscheinlich von Nordkorea". – Izzard mag solche Pointen. Sie wirken im ersten Augenblick wie Kalauer, sind aber doppelbödig. Da wird aus dem alten Aberglauben schnell ein zeitgenössischer.

Mit Humor Grenzen niederreißen

Um Izzards Leben als Tranvestit geht es in "Force Majeure" nicht. Er tritt zwar in Highheels und mit lackierten Fingernägeln auf, aber das ist nicht das Thema, sondern einfach sein Outfit. Man merkt, dass er ganz bei sich ist – in seinem Spiel gibt es keine falsche Tuntenhaftigkeit. Seine Direktheit lässt selbst das Sprachproblem vergessen.

Er hat das Programm schon auf Englisch, Französisch und Spanisch präsentiert und ist dabei, eine russische und eine arabische Version zu erarbeiten. Er wurde im Jemen geboren, wo sein Vater als Buchhalter für einen britischen Konzern arbeitete, und will, wie er sagt, dem Land etwas zurückgeben. Er will mit Humor Grenzen niederreißen, die zurzeit ja überall auf der Welt neu entstehen. Da ist der Brexit, da sind überall aufkeimende nationalistische Strömungen – gegen die kämpft er an.

Jubel schon bevor er etwas sagt

Er hat schon in 45 Ländern gespielt, auf fünf Kontinenten. Eine Erfahrung, die er dabei immer wieder machte ist, dass es keine nationalen Besonderheiten in Bezug auf Humor gibt. Darüber berichtet er, als ihm das Publikum nach dem eigentlichen Programm Fragen stellt. Es gebe überall auf der Welt Menschen, die ihn verstehen, aber auch den nationalistischen Mainstream, der mit seinem Humor Schwierigkeiten hat – selbst in England. Da hätte er erst vor kurzem einen Auftritt gehabt, der gar nicht gut gelaufen sei. Aber das ist natürlich nicht die Regel. Zu ihm kommen in erster Linie seine Fans.

Das war auch beim Auftakt seiner Deutschlandtournee im Quatsch Comedy Club so. Da jubelten die Leute schon, bevor er überhaupt etwas sagen konnte. Die Sprachschwierigkeiten störten das Publikum nicht im Geringsten – und mich im Verlauf des Abends auch immer weniger. Man hört sich ein. Wenn Englisch und Deutsch vermischt werden, kann das ebenso witzig sein, wie wenn Izzard einen "Guten Fuckin' Abend" wünscht oder den Satzbau verdreht. Auf Nachfragen des Publikums gab er zu, dass er die Artikel der/die/das eher nach dem Zufallsprinzip verteilt. Er steht also auf sympathische Weise zu seinen Schwächen. Außerdem hat er vor, seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Man wird also auch in Zukunft einiges von ihm auf Deutsch zu hören bekommen.

Oliver Kranz, kulturradio

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