"Il Viaggio a Reims"
UdK/Daniel Nartschick
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UNI.T - Theater der UdK Berlin - Giachino Rossini: "Il Viaggio a Reims" ("Die Reise nach Reims")

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Jährlich im Juli inszeniert die Berliner Universität der Künste eine Oper mit ihren besten Gesangsstundenten. Diesmal wars Rossinis  "Il Viaggio a Reims" ("Die Reise nach Reims") eine der ambitoniertesten Opern des Komponisten.

Rossinis "Viaggio" ist die frechste Krönungsoper, die je geschrieben wurde: für den unglücklichen Karl den X von Frankreich, einen der ungeliebtesten der Geschichte. Aber das konnte bei der Premiere 1825 in Paris niemand wissen, am allerwenigsten der frischgebackene Neu-Pariser Rossini.

Doch dessen Frechheit wirkt aus dem Rückblick fast erlösend: Anstatt eine ernste Repräsentationsoper zu schreiben, präsentierte er eine Buffa, ein Stück, das in einem drittklassigen Hotel spielt, wo viele Beteiligte auf die Weiterreise nach Reims zur Krönung warten. Doch alle Pferde sind vermietet, die Reisenden aus aller Welt bleiben stecken und amüsieren sich bei einem selbstarrangierten Festessen. Und das ist auch schon die ganze Handlung.

Rossini hat alles gegeben, was er konnte: gigantische Ensembles, große Duette und eine hinreißende Buffo-Musik, die manchmal sogar den "Barbier" toppt. Der "Viaggio" ist eins der aufwändigsten Werke des Belkanto überhaupt, man braucht nicht weniger als 14 Solisten.

"Il Viaggio a Reims"
© UdK/Daniel Nartschick

Profioper wird Studentenwerk

Claudio Abbado hat diese verrückte Oper in Berlin  bereits 1992 an der Philharmonie vorgestellt, allerdings konzertant, und so hat die UdK nicht so unrecht, wenn sie ihre Fassung als die erste inszenierte Version in Berlin etikettiert hat.

Die Hochschule hat damit eine ebenso erfreuliche wie symbolische Wahl getroffen und der Deutschen Oper Berlin einen Leckerbissen (vor)weggeschnappt (die mit ihrer Premiere 2018 ein Jahr hinterherhinkt). Lange galt der "Viaggo" als der Heilige Gral des Belcanto schlechthin – mitsingen durfte nur, wer ein Superstar war. So umgab das Werk der Nymbus der Edel-Profi-Oper. Nur was für Kenner vor und auf der Bühne. Bis Gesangsstudenten in Rossinis Geburtststadt Pesaro den Bann brachen und zeigten, das dies ganz im Gegenteil DIE ideale Oper für junge Belcanto-Sänger schlechthin und ein Publikumskracher ist. Seitdem läuft sie jährlich beim Rossini-Festival.

Wie ist dieser Prestigewandel möglich? Gerade dadurch, dass es so viele Solisten sind, kann ein schwächerer Sänger nicht alles zerstören, er kann von andern aufgefangen werden. Es gibt wenige Solonummern, und selbst die werden ständig vom Ensemble unterbrochen. Nur eine einzige Rolle muss wirklich tragen durch das ganze Werk, das ist die Partie der Gesangsdiva Corinna, und die war wirklich souverän bis betörend besetzt mit der spanischen Sopranistin Natalia Labourdette, die gestern aus diesem Riesenensemble auch hörbar herausragte.

"Il Viaggio a Reims"
© UdK/Daniel Nartschick | Bild: UdK/Daniel Nartschick

Pure Spielfreude

Hochschul- und Gesangsabsolventenopern sind fast immer vergnüglich für den, der nicht pedantisch verlangt, das alles so klingt wie auf seiner Lieblingsgesamtaufnahme. Denn diese Aufführungen bieten etwas, das die Platte und viele etablierte Opernhäuser nicht bieten können – ganz unverstellte Spielfreude. Und auch diesmal war es ein echtes Vergnügen zu hören und zu sehen, mit welcher Begeisterung sich die jungen Sänger in die Inszenierung gestürzt haben. Klar, da stolpert schon mal einer über die eigenen Füße, ein Dekorationsteil fällt krachend in Orchestergraben, aber keinen kümmerts, die Show geht weiter.

"Il Viaggio a Reims"
© UdK/Daniel Nartschick

Was mich gestern am meisten überrascht hat, war die Tatsache, dass diese neue Sängergeneration mit der komplizierten Rossini-Gesangstechnik sehr gut zurechtkommt; stilistisch war das alles sehr anständig; die Schwierigkeit besteht für viele eher darin, sich gegen das große Orchester stimmlich durchzusetzen: Da muss noch einiges wachsen – Kraft vor allem. Die zuweilen unstimmige Dynamik Orchester/Solisten kann auch etwas vom Orchester mitverschuldet gewesen sein; so feurig das Symphonierorchester der Udk unter Errico Fresis auch  war, manchmal schlugen die Flammen-Wogen dann doch zu lärmend über dem Ensemble zusammen.

Bleischweres Regiekonzept

Frank Hilbrichs Inszenierung schien mir in vielen Details gelungen, in der Gesamtkonzeption missglückt.

Das Hotel als Haus Europa, in dem alle vergeblich warten und in dem nichts passiert außer Banalitäten, ein Haus, das am Ende buchstäblich zerfällt, im Chaos versinkt: Das ist eine hübsche Idee. Nur leider viel zu gewichtig für diese leichtgeschäumte Musik. Das schwere politologische Gewicht zerrt das Werk nach unten wie ein Senkblei. Der zweite Teil war schroff gegen die Musik inszeniert.

Die Gäste als Nationalisten, die aus Frust über ihr Steckenbleiben in der Provinz immer gewalttätiger werden und sich am Ende alle umbringen? Zu diesen optimistischen, fast triumphal lebensfrohen Klängen? Zu viel der Tiefe! Rossinis Librettist Balocchi ist eben nicht Beckett, so sehr dieser Eindruck gestern auch fast krampfhaft erweckt werden sollte.

Auch wenn mir der Schluss schwer im Magen lag – er hat mir den sehr charmanten und kurzweiligen Abend nicht wirklich vermiesen können. Denn ansonsten versteht Frank Hilbrich sein Handwerk durchaus und wartet mit vielen kleinen hübschen Einzeleinfällen auf.

Matthias Käther, kulturradio

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