Jochen Kowalski als Tucholskys Alter Ego - und seine Frauen Helen Schmidt als Hedwig Müller, Felicitas Brunke als Mary Gerold und Lisa Ströckens als Else Wei
Kammeroper/Uwe Hauth
Bild: Kammeroper/Uwe Hauth

Kammeroper Schloss Rheinsberg - James Reynolds: "Tucholskys Spiegel" (UA)

Bewertung:

Diese neue Oper ist zwar keine Offenbarung, aber handwerklich absolut gut gemacht und auch perfekt umgesetzt. Ich empfehle den Besuch.

Die Meldung erregte Aufsehen vor einer Woche: Frank Matthus, der künstlerische Leiter der Kammeroper Schloss Rheinsberg wirft das Handtuch. Nach der Saison 2018 möchte er sich anderen Aufgaben widmen. Stellung nehmen zu seinem Abgang wird er aber erst im September, am Ende dieser Saison. Und die hat nun am Samstag Abend ihren ersten Höhepunkt erreicht, es gab die Uraufführung einer Oper von James Reynolds, einem amerikanischen Komponisten der in Berlin lebt. Titel "Tucholskys Spiegel". Das Libretto stammt von Christoph Klimke, Robert Nemack führte Regie, die Kammerakademie Potsdam spielte unter Leitung von Marc Niemann. Und mitgewirkt haben - wie bei der Kammeroper Tradition ist  - Nachwuchssängerinnen und -Sänger. Aber auch ein altgedienter seines Fachs, Jochen Kowalski, der sich selbst gern als "Männer-Alt" bezeichnet.

Das Leben Tucholskys in einzelnen Szenen

Die Oper erzählt die Lebensgeschichte des Schriftstellers Kurt Tucholsky. Mit seiner leichten, sommerlichen Novelle "Rheinsberg – Ein Bilderbuch für Verliebte" landete er 1912 einen Bestseller, sein erster literarischer Erfolg. Wenig später avancierte er dann bekanntlich zu einem der bedeutendsten gesellschaftskritischen Publizisten der Weimarer Zeit. Vieles schrieb Tucholsky ja unter Pseudonym, vier Decknamen hat er verwendet: Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser.

Und fünf Charaktere standen dann auf der Bühne: Eben Kurt Tucholsky plus seine vier Alter Pseudonyme, getreu dem Motto des Populärphilosophen Richard David Precht: "Wer bin ich und wenn ja wieviele". Dazu kamen noch drei Frauen, die im Leben des Schriftstellers eine Rolle spielten. Jochen Kowalski verkörperte Tucholsky "Alter Ego", das im silbernen Anzug durch das ganze Stück geistert. Er war immer wieder präsent, mal auf der Galerie, mal auf der Bühne, sprach, sang und kommentierte das Leben des Schriftstellers.

Und diese Figur ist dramaturgisch auch geboten, es braucht so einen personifizierten roten Faden, denn das Libretto von Christoph Klimke ist kein klassisches Drama, Vielmehr sind es literarische Momentaufnahmen aus Tucholskys Leben, die quasi aufblitzen und aneinandergereiht werden. Die Oper beginnt mit seinem Tod in Schweden 1935 und es läuft dann sein Lebensfilm ab - in Form einzelner Szenen.

Im Varieté - Cornelius Lewenberg als Tucholsky, Felicitas Brunke, Helen Schmidt, Lisa Ströckens (im Hintergund)
Im Varieté - Cornelius Lewenberg als Tucholsky, Felicitas Brunke, Helen Schmidt, Lisa Ströckens (im Hintergund); © Kammeroper/Uwe Hauth

Eine Revue

Regisseur Robert Nemack macht aus dem Ganzen eine Revue! Was geboten und schlüssig ist. Die Revue war ja die populäre Unterhaltungskunst der zwanziger Jahre und Kurt Tucholsky ein Fan dieses Genres. Und so nutzt Robert Nemack auch nicht primär die Mittel der schauspielerischen Personenführung, sondern er kreiert Bilder, sehr kunstvolle Bilder, die im Kopf hängen bleiben.

So sieht man Tucholsky im Ausgehanzug mit einer verpackten Schreibmaschine unterm Arm vor drei Tänzerinnen, die ein Ballett mit Regenschirmen aufführen - das wirkt fast wie ein Gemälde. Dann gibt es auch sehr plakative Szenen, wenn z.B. Rosa Luxemburg im roten Kleid vor Tucholskys Augen erschossen wird.  Das ist natürlich so nicht passiert, hier sollte aber wohl gezeigt werden, wie Tucholsky diese unruhigen politischen Zeiten in Deutschland verarbeitet hat.

Die Szenen lässt Regisseur Robert Nemack übrigens in einem Boxring abspielen. Tucholsky hat auch leidenschaftlich gerne Boxkämpfe verfolgt. Und sogar eine Glosse über diesen damaligen Modesport verfasst, in der er ironisch das Leben als Kampf stilisiert. Dieses Bild  passt hervorragend zu seinem Leben, zu seinen Depressionen, zu seiner Unstetigkeit, seinen unglücklichen Liebschaften usw..

Felicitas Brunke, Cornelius Lewenberg, Gerd Jaburek
Felicitas Brunke, Cornelius Lewenberg, Gerd Jaburek; © Kammeroper/Uwe Hauth | Bild: Kammeroper/Uwe Hauth

Die Musik: gutes Handwerk, aber ohne Wiedererkennungswert

Der Komponist der Oper James Reynolds kommt vom Jazz. Er hat bei John Adams studiert und viel Filmmusik und Hörspielmusik komponiert. Da hört man ganz hervorragendes Handwerk. Wenn Rosa Luxemburg erschossen wird, gibt es schrille Geigenreibungen, wie in Psycho bei Alfred Hitchcock. Die acht Sänger lässt Reynolds oft auch im Ensemble singen, das gibt dann regelrechte vokale "Klangwolken".

Dann wird zweimal eine Jazzband hereingefahren, bestehend aus Musikern des Orchesters. Die spielt allerdings eher den Jazz der Sechziger Jahre als den Zwanziger. Reynolds hat auch etliche neue Motive komponiert, die variiert werden und wie Minimal Music klingen. Es ist also eine enorme musikalische Bandbreite zu hören, der Komponist beherrschte alle diese Klaviaturen virtuos. Die Kehrseite ist aber, dass man da keinen Personalstil erkennen kann - gutes Handwerk, aber ohne Wiedererkennungswert.

Hervorragende musikalische Leistungen

Die musikalischen Leistungen waren ausnahmslos hervorragend! Die acht Nachwuchssängerinnen und -Sänger sangen mit perfektem Timbre und absolut klarer Diktion. Die Partien waren allesamt nicht leicht, da mussten gegenseitig die Bälle zugespielt werden - der eine sang eine Phrase, die die andere ergänzte, dann agierten wieder alle zusammen im Chor, das einzustudieren war eine absolute Sisyphusarbeit, und es klappte perfekt! Auch die Musiker der Kammerakademie Potsdam spielten präzise. Dirigent Marc Niemann hatte immer die Fäden voll in der Hand.

Der absolute Star des Abends war aber Kammersänger Jochen Kowalski! Er hatte als Tucholskys Alter Ego viele Sprechpassagen, aber zum Glück auch einige Phrasen zu singen. Und da ging wirklich die Sonne auf: Seine Altstimme sitzt nach wie vor perfekt und hat auch noch den typischen Schmelz. Schon dafür hat sich der Abend gelohnt! Fazit: Diese neue Oper ist zwar keine Offenbarung, aber handwerklich absolut gut gemacht und auch perfekt umgesetzt. Ich empfehle den Besuch.

Claus Fischer, kulturradio

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