Tanzfabrik Berlin: "At Close Distance"
Tanzfabrik Berlin/ Tobias Lehmann
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Tanzfabrik Berlin | Open Spaces Festival - Christina Ciupke & Ayse Orhon: "At Close distance"

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Zwei Menschen, die sich einander annähern und sich wieder voneinander entfernen. Nähe und Distanz, überwältigendes Nah-Sein und zurückbleibende Eindrücke nach einer Begegnung. Das sind die Themen der neuen Choreographie von Christina Ciupkes "At close Distance". Das neue Tanzstück der Berliner Choreographin mit ihrer neuen Partnerin Ayse Orhon wurde gestern beim Open-Spaces-Sommerfestival der Tanzfabrik in den Uferstudios in Berlin-Wedding uraufgeführt.

Ein Abend, in dem beide sich sehr nah und sehr fern sind und dies in jeweils höchstmöglicher Intensität. Ein Abend in zwei Teilen, zunächst als Neubearbeitung eines sechs Jahre alten Duos, damals mit Christina Ciupkes langjährigem Bühnenpartner Nik Haffner, danach als Präsentation des neuen Materials, entstanden aus der Begegnung von Ciupke, seit 1989 in der Berliner Tanzszene unterwegs, seit Jahren an der Spitze und von Ayse Orhon, in Berlin weniger bekannt, Tänzerin und Choreographin, die in Berlin und Istanbul lebt. Der zweite Teil dieses Abends ist persönlicher und eindringlicher als der stärker formal ausgerichtete erste Teil.

Sachlich, sinnlich, feinnervig – Wirkmächte zwischen Menschen

Nähe und Distanz, das zentrale Thema in jedem Tanz-Duo-Stück, geht Christina Ciupke mit ihrer neuer Partnerin in ihrem sachlichen und sinnlichen und feinnervigen Stil an, interessiert am Fragilen und Unsicheren und auf den ersten Blick Unscheinbaren und interessiert an den Wirkmächten zwischen Menschen und zwischen Mensch und Raum. So wie hier in der enormen, völlig leeren Weite des Studios, dessen Dunkelheit durchschnitten wird von nur einem schmalen an den Rändern ausfransenden Lichtkorridor – ein Schattenreich im Dämmerlicht, in dem beide sich hin und wieder aufzulösen scheinen.

Distanzen und ungewöhnliche Begegnungen

Im ersten Teil steht das Aufbauen, Aushalten und Überwinden von Distanzen im Mittelpunkt, im zweiten das harte Aufeinanderprallen zweier Körper im wortwörtlichen Sinn. Im ersten Teil stehen Ciupke und Orhon oft geschätzte 20 Meter voneinander entfernt, sind immer in Verbindung und haben doch selten direkten Kontakt, der, wenn er geschieht, in ungewöhnliche Aktionen mündet. Wenn etwa die eine die andere am Fuß packt und über die Bühne schleift oder das Schienbein in den Leib der anderen am Boden liegenden rammt und deren Körper mit sich schleppt oder wenn die eine kopfunter zwischen den Knien der anderen steckt und beide sich so weit wie nur möglich auseinanderlehnen, zur auseinanderstrebenden Skulptur werden.

Jeweils nur kurze Begegnungen, wie ein Aneinander-Abschmirgeln, aus denen sie etwas mit sich nehmen, eine kleine Geste oder auch nur eine Erinnerung an das soeben Geschehene. Ein reiner Tanz, ohne Performance-Anteile, nicht psychologisch, nicht erzählerisch, sanft und ernst, fokussiert auf kleinste Bewegungsdetails und deren Veränderungen, alles in Stille, ohne Musik, nur manchmal dringt eine Außenwelt in Form sekundenkurzer Lautfetzen in die Intimität des Duos.

Uferstudios mit der Tanzfabrik Berlin im Wedding
Uferstudios mit Tanzfabrik im Wedding ©imago/Peter Meissner

Anrennen, Anspringen, Aufprall-Energien

Im zweiten Teil zeigt Christina Ciupke ihre große Stärke: sie kann aus minimalen formalen Bewegungen über diverse Variationen einen sich immer mehr weitenden, einen immer wieder überraschenden Kosmos entwickeln – so wie hier aus dem Motiv des Anrennens und Anspringens. Ciupke geht und rennt auf die am anderen Ende der Bühne stehende Orhon zu und knallt mit voller Wucht in sie hinein, Brust an Brust oder Brust an Rücken – ein wuchtiger, harter Aufprall mit Nachbeben in beiden Körpern, die ohnehin wie durch Gravitationskräfte gebunden sind, wie in einer Gummiband-Beziehung gefangen.

Einfache Bewegungsabfolge in Variationen und überraschender Ausweitung

Eine einfache Bewegungsfolge, variiert in Kürze und Länge der Wege, im Tempo der Läufe und in den unterschiedlichen Aufprall-Energien, eine Abfolge, aus der plötzlich Dominanzverhalten entsteht. Die kleine drahtige Ciupke umklammert die angesprungene, einen Kopf größere, athletischere Orhon und schleudert sie durch den Raum – Macht und Ohnmacht, Formen von Übergriff und Gewalt werden zum Thema - Bewegungs-Freiheit, Gestaltungs-Freiheit, Abhängigkeit, Einschränkung, Unterdrückung – wobei beide die Positionen der passiv Erduldenden und aktiv Ausführenden tauschen.

Gegen Ende ist die Frage, wer hier wen führt, nicht mehr zu beantworten: die Bewegungsimpulse gehen von beiden aus in ihrem eng umschlungenen Über-Die-Bühne-Kreiseln – die Aufprallenergie nach Überwindung der Distanz wird umgewandelt in ein Paarverhalten, in dem beide Einzelne bleiben und doch ein Paar bilden – ein faszinierende Entwicklung.

Spannungsreiche Choreographie in klarer Ästhetik – Neue Fragestellungen

Eine insgesamt wieder einmal packend spannungsreiche Choreographie von Christina Ciupke, in ihrer klaren Ästhetik, nahezu perfekt durchkomponiert, sehr reduziert und sehr präzise, bei aller Abstraktion doch zart und feinsinnig. Ein Abend, der sich an ein eher tanzerfahrenes Publikum wendet und der entscheidende Fragen der Duo-Praxis im Tanz neu ausrichtet und beantwortet: welches sind die intensiveren Momente, die Annäherung, das Beieinandersein oder doch das Trennungserlebnis?

Wie nehmen wir andere wahr, wie verändern sich Körper und Wissen über uns selbst und die anderen durch Erlebnisse von Nähe und Distanz? Fragen und Antworten - formvollendet und zugleich dramatisch in Choreographie gesetzt.

Frank Schmid, kulturradio

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