Maxim Gorki Theater; Foto: Gregor Baron
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Gorki-Theater - Orit Nahmias ("Female Shit") und Jilet Ayşe

Bewertung:

Ein Frauen-Doppel am Gorki, bei dem jede ihr eigenes Programm präsentiert. Beide mit gewaltiger feministischer Power.

Dass die Schauspielerin Orit Nahmias Comedy kann, hat sie bisher noch in jeder Inszenierung von Yael Ronen am Gorki-Theater bewiesen. Und weil sie auf der Bühne am liebsten ihre eigenen Texte spielt, hat sie sich ein Solo-Programm geschrieben: "Female Shit" heißt es und läuft im Gorki-Studio. Für ihren jüngsten Auftritt hat die Israelin sich zum ersten Mal mit einer Frau zusammengetan, die genau so gern scharf, laut und komisch Tabus bricht: Idil Baydar – besser bekannt als Jilet Ayşe, "Deutschlands Integrationsalbtraum Nummer Eins". Auf YouTube und mehr und mehr auch in Fernseh-Comedy-Shows und auf Kabarett-Bühnen gibt sie in dieser Rolle das Klischee der Kreuzberger Teenie-Türkin.

Feministische Power

Ein Frauen-Doppel am Gorki also, bei dem allerdings jede ihr eigenes Programm präsentiert. Inhaltlich haben die Stand-up-Shows wenig gemeinsam – und trotzdem passen die Frauen gut zusammen. Weil sie beide mit gewaltiger feministischer Power Dinge sagen, über die man eigentlich nicht spricht: Orit Nahmias nimmt bei den typischen Frauenthemen kein Blatt vor den Mund, Jilet Ayşe poltert los, wenn es zum Zusammenleben von Migranten und Bio-Deutschen kommt. Eine einzige kleine Übergangsszene spielen sie gemeinsam, wenn die eine die Bühne verlässt und die andere auftritt, das war’s dann aber auch an Überschneidung.

Orit Nahmia

Mit "Female Shit" zeigt zuerst Orit Nahmias ihr Bühnenprogramm. Die Israelin steht dabei als sie selbst auf der Bühne und erzählt – auf Englisch – aus ihrem Leben. Schwarzes, sexy Kleid, ein Holzkreuz in der Hand: die Frau zwischen Hure und Heilige. Nahmias macht normal weibliche, aber sehr intime Erlebnisse hochkomisch zum Thema: ihre Schwangerschaft, die Geburt des Kindes, der erste Sex nach der Geburt verhandelt sie in allen Einzelheiten, bis hin zu den Flüssigkeiten, die beim Gebären aus ihr herausströmten, wie sich ihre Vagina währenddessen angefühlt hat und wie sie danach ihre Plazenta verspeist hat (roh! Und nicht als Partysnack mit Freunden, wie ihr Ehemann vorschlug). Auch ihr dementer Vater spielt eine große Rolle. Für dessen geplanten Suizid besorgte sie einst die Medikamente – tags darauf hatte er sein Anliegen aber schon vergessen und siechte in Demenz dahin.

Gruppentherapie

Auch gesellschaftspolitische Themen geht Nahmias offen an: der Streit mit der jüdischen Familie etwa, weil sie ihren Sohn nicht beschneiden lassen mochte. Der Wunsch, mal als Sexsymbol auf der Bühne zu stehen – und nicht als Jüdin, die vom Holocaust erzählt. Das alles liest sich exzentrischer, als es live tatsächlich ist. Orit Nahmias gelingt es, eine Nähe zu den Zuschauern aufzubauen, die einem das Gefühl gibt, zusammen mit guten Freunden an einer Gruppentherapiestunde teilzuhaben. In welcher Beiläufigkeit sie von diesen Intimitäten erzählt, hat auch etwas Befreiendes.

Jilet Ayşe

Idil Baydar dagegen (Deutsche übrigens, in Celle geboren), tritt als die Klischee-Türkin Jilet Ayşe auf, in hautengem, glamour-trashigem Jogginganzug. Mit ihr bekommt der Abend einen neuen Drive. Während Nahmias ein festes Programm durchläuft, ist Jilet Ayşe konstant mit dem Publikum im Gespräch, reagiert spontan auf alles, was da kommt.

Während Nahmias die Zuschauer zur Gruppentherapie drängt, gibt Jilet Ayşe einen Kurs in Völkerverständigung. Als Abziehbild der prolligen Türkin darf sie politisch inkorrekt sein: die Türken und Araber tituliert sie Kanaken, die Deutschen sind die Almanys – aber alle sind ihre "Schwestern" und "Brüder". So führt sie wütend und zugleich empathisch die Stereotype nicht nur einer, sondern beider Seiten vor.

Herzlich, komisch, anrührend

Zunächst geht es auch in ihrer Show um Beziehung, Liebe und darum, wie viel leidenschaftlicher Türken doch flirten können. Aber von hier ist es für Jilet Ayşe ein kurzer Weg zur Rolle der Frau, zur Leitkultur, zu Thomas de Maizière, zur AfD und zur Kölner Silvesternacht. Wie sie diese Themen erst entschärft, herumdreht und dann wieder zuspitzt, ist schon sehr gut durchdacht.

Jilet  Ayşe macht kein feines, intellektuelles Kabarett, sondern unterhaltsame, rotzige Polit-Comedy – im Fernsehen und auf YouTube mögen einem die Gags zu flach erscheinen, zu vorhersehbar, der durchgängige Aggressionston zu anstrengend. Doch auf der Bühne hat das eine ganz andere Emotionalität: Idil Baydar hat ein starkes Anliegen, eine Power, eine Herzlichkeit – das zu erleben ist, bei aller Komik, auch sehr anrührend.

Nur strahlende Gesichter

Die Zuschauer jedenfalls waren Feuer und Flamme. Erst schüchtern, dann immer fröhlicher ließen sie sich von der lauten Proll-Türkin ins Gespräch verwickeln. Das kleine, intime Gorki-Studio mit seinen Bänken, auf denen dicht an dicht nur etwa 150 Zuschauer Platz finden, ist dafür bestens geeignet.

Am Ende noch ein Geschenk für Idil Baydar: Beim Schlussapplaus traten spontan ein paar junge Lehrer von der Neuköllner Rütli-Schule auf die Bühne und überreichten der Comedy-Lady Bilder, die Schüler von der Kunstfigur Jilet Ayşe aus Bewunderung gemalt hatten. Darüber, dass ihre Clips gerade bei so jungen Leuten derart gefeiert werden, war Baydar schwer ergriffen.

Nichts als strahlende Gesichter also am Ende dieses Abends.

Barbara Behrendt, kulturradio

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