"Revue" am Theater Thikwa
Bild: Theater Thikwa/Dominik Fornezzi

Theater Thikwa - "Revue"

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Revueshows sind Shows großer Ensembles in vielvältigen Kostümen. SIe laden zur Entspannung ein und zum Konsumieren. Nicht so beim Theater Thikwa. Nur drei PerformerInnen braucht es hier, um die erwartete Show zu sprengen.

Das Wort "Thikwa" kommt aus dem Hebräischen und beutetet "Hoffnung". Und Hoffnung will auch das Theater Thikwa machen, bei dem behinderte und nicht-behinderte Menschen gemeinsame Erfahrungen und Experimente im Bereich Schauspiel und Musik, Tanz und Performance machen können. Das Theater Thikwa, das nach dem Motto arbeitet: "Der Geist lässt sich nicht behindern", wurde 1990 gegründet und unterhält - gemeinsam mit dem "Engish Theatre Berlin" - seit 2006 in der Kreuzberger Fidicinstraße eine feste Spielstätte. Gestern Abend hatte dort - im "Studio F 40" - eine neue Produktion Premiere. Sie trägt den Titel "Revue", Regie und Konzept: Jana Blöchle und Dominik Fornezzi. 

Mensch-Maschine

Der Titel "Revue" ist pure Ironie, denn natürlich kann man in diesem Mini-Zimmertheater keine große "Revue" mit Tanz und Trallala, mit märchenhaften Kostümen und ausgelassenem Gesang auf die Bühne zaubern. Die Ideengeber, Jana Blöchle und Dominik Fornezzi, haben etwas ganz anderes im Sinn: sie wollen den menschlichen Körper als entstelltes Kunstwerk vorführen, den Körper zur Installation und zur Ausstellungsfläche des blanken Horrors machen, sie wollen zeigen, wie der technisch hochgerüstete moderne Mensch zu einer Maschine im Cyberspace mutiert, wie er mit computergesteuerten Hilfsmitteln und seltsamen Prothesen sich immer weiter optimiert, wie der Mensch, egal ob behindert oder nicht-behindert, zu einem Maschinen-Monster einer Freak-Show und einer Fantasie-Revue entartet: Denn der Mensch darf heute scheinbar nicht mehr unvollständig, krank oder behindert, sondern muss sich immer weiter an die moderne Arbeitswelt anpassen, allseits bereit und immer schön und funktionsfähig sein; die "Revue" ist also als eine Anti-Revue mit Anti-Helden gemeint, die uns in den Abgrund unserer Körperwelten führen und uns demonstrieren, wie schaurig und schön es sein kann, wenn wir den Körper mit bizarren Objekten bestücken und zum Helden einer grotesken Show machen.

Körper und Bewegung im leeren Raum

Wir sehen drei geistig behinderte Darsteller, eine Frau, zwei Männer, alles andere als eitle Schönheiten, sondern eher dickbäuchige, etwas ungelenke Alltagswesen, die ihre unübersehbare Verkehrtheit selbstbewusst ausstellen; halbnackt fläzen sie sich auf dem kahlen Boden der kleinen Spielfläche, lächeln kokett, demonstrieren, wie beklemmend die Stille und das Warten sein können; erst nach einer gefühlten Ewigkeit des süßen Nichts beginnt dann das stumme Spiel; einer klebt Folien auf den Boden, Markierungen für ihre ritualisierten Bewegungsabläufe; dann schreiten und tänzeln die drei immer an den Markierungen entlang, trippeln und trappeln, stampfen und stolzieren, posieren und posen, deuten eine Chorus-Line an, einen griechischen Sirtaki und einen russischen Säbeltanz, verbeugen sich im imaginären Applaus - und schweigen still, fast eine Stunde lang kein Wort, keine Musik, kein Gesang, nur Körper und Bewegung im leeren Raum.

Verfremdete, entfremdete Menschen

Die Handlung und die Geschichte besteht darin, dass Handlung und Geschichte, Revue und Show verweigert und durch ritualisierte Wiederholungen ad absurdum geführt werden; nach einer lockeren Aufwärm-Phase werden die immer gleichen Bewegungs-Muster mit wechselnden Kostümen wiederholt und allenfalls minimal variiert; einmal legen die stummen Mimen bizarre Rüstungen aus Filz, Plastik und Federn an; einmal verkleiden sie sich mit circensischen Kostümen, einem Zylinder, einem Zauberer-Umhang; und dann, zum Schluss, betrachten sich die drei satirischen Revue-Monster in blauen Plastik-Spiegeln, die den Körper verzerren verdünnen und verdicken: verfremdete,  entfremdete Menschen auf der Suche nach sich selbst und einer eigenen Identität.  

Revue-Satire und Zeitgeist-Kritik

Erst, wenn das stumme Spiel beginnt und keinen rechten Anfang nehmen mag, reagiert die Zuschauer mit beklemmendem Schweigen, dann, wenn die Revue-Rituale fließbandartig wiederholt und veralbert werden, mit unsicherem Kichern; und zum Schluss, wenn die Spiegel uns die Schönheit des entstellten Körpers vor Augen geführt haben, mit befreitem, langem Applaus, so wie es Freude des Hauses und der Darsteller ebenso tun. Als außenstehender, distanzierter Beobachter, fühlte ich mich dagegen etwas unwohl: fast eine Stunde lang behinderten Menschen dabei zusehen, wieviel Kraft und Konzentration es sie kostet, sich einigermaßen an die vorgegebenen Choreographien der Regie zu halten und ihre halbnackten Körper im Namen einer Revue-Satire und Zeitgeist-Kritik ungelenk zu verbiegen, habe ich teilweise als peinigend und peinlich empfunden.  

Unfreiwillig komisch

Das Regie-Duo Jana Blöchle/Dominik Fornezzi hat in Gießen am "Institut für Angewandte Theaterwissenschaft" studiert, das ist seit Jahren ein Hort für den performativen Theater-Zeitgeist, auch "Rimini-Protokoll" und "SheShePop" haben da ihr Handwerk gelernt, zwei Theater-Kollektive, die einen sehr weit gefassten Kunst-Begriff haben und gern Laien auf die Bühne bringen, um aus dem vermeintlich miefigen Alltag der kleinen Leute auf das große Ganze der Gesellschaft zu schließen; und Blöchle/Fornezzi gehen einen ähnlichen Weg, lassen sich für ihre Projekte in Berlin, Basel und Zürich stark vom Ort der Inszenierung inspirieren und arbeiten gern mit unfertigen, laienhafte - und in diesem Falle auch behinderten - Darstellern; doch bei ihrer "Revue" weiß ich einfach nicht recht, was sie mir eigentlich erzählen wollen und warum sie mich zum Voyeur von behinderten Menschen machen, die sich wie fremdgesteuerte Mutanten bewegen und zum unfreiwillig komischen Kunstwerk mutieren.  

Frank Dietschreit, kulturradio

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