Vegard Vinge/Ida Müller: "Nationaltheater Reinickendorf"
Nationaltheater Reinickendorf
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"Nationaltheater Reinickendorf" - Vegard Vinge und Ida Müller: "Nationaltheater Reinickendorf"

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Nach vier Jahren sind Vegard Vinge und Ida Müller zurück in Berlin und haben für die Berliner Festspiele ihr "Nationaltheater Reinickendorf" im Norden Berlins aufgebaut.

Der norwegische Regisseur Vegard Vinge und die deutsche Bühnenbildnerin Ida Müller gelten seit ihrem Totaltheater-Spektakel "John Gabriel Borkman" an der Berliner Volksbühne, das 2012 zum Theatertreffen eingeladen wurde, ihren Fans als die wahnsinnigsten, extremsten und provokantesten Theatermacher der Welt. Ihre Vorstellungen dauern gern mal zwölf Stunden – von denen das Publikum mehrere Stunden vor der Tür ausharren muss, bis es eingelassen wird.

Vinge schaffte es in die Boulevard-Presse, weil er sich selbst in den Mund pinkelt, mit seinen Exkrementen Bilder malt und Zuschauerbänke einreißt. Die Arbeiten von Vinge/Müller werden vom Publikum als Kult gefeiert und vom Feuilleton als "Revolution" bejubelt. Nach vier Jahren Pause sind Vinge und Müller nun zurück – für die Berliner Festspiele haben sie ihr "Nationaltheater Reinickendorf" in einer ehemaligen Munitionsfabrik im Norden Berlins aufgebaut.

Zwölf Stunden Performance

Damit ist auch der große Event-Kult um die Theatermacher zurückgekehrt: Die Wartelisten sind lang, die Freude scheint groß, wenn Zuschauer stolz berichten, die ganzen zwölf Stunden der Performance "durchgehalten" zu haben. Der Hype um dieses Theater kann einem schwer auf die Nerven fallen. Was bringt erwachsene Menschen dazu, stundenlang wie Lemminge vor einer Tür zu stehen, um "dabei gewesen" zu sein?

Es greift zu kurz, Vinges Theater auf diese Art von Provokation zu reduzieren. Ja, es ist widerlich und vulgär und eine Zumutung, dass einem schlecht wird – aber es zeigt gleichzeitig eine ästhetisierte Welt, die verstörend schön ist, bildgewaltig, leidenschaftlich, auch bedeutungsvoll, ein skurriles Kindertheater. Nimmt man die kalkulierten Provokationen (die nicht eben neu sind) nicht so ernst, hat Vinges Theater geradezu traditionelle Seiten.

Vegard Vinge/Ida Müller: "Nationaltheater Reinickendorf"
"Nationaltheater Reinickendorf"

Eine Mischung aus Zirkus und Geisterbahn

Denn Ida Müller hat in die Reinickendorfer Halle ein komplettes Theater eingebaut, das zwar so bunt und grell ist wie eine Mischung aus Zirkus und Geisterbahn – aber letztlich schauen die Zuschauer von ihren Bänken aus auf eine klassische Guckkasten-Bühne. Auf dieser Bühne und in den Logen rechts und links wird gespielt oder werden Videos projiziert.

Inhaltlich arbeitet sich Vinge außerdem auch diesmal am Theaterbetrieb und an den großen Klassikern der Dramengeschichte ab. In der Ankündigung heißt es, im "Nationaltheater Reinickendorf" stünde Ibsens "Baumeister Solness" auf dem Spielplan. Neben dem Baumeister, der hier als Intendant und Theater-Diktator auftritt, werden aber auch Szenen aus Othello, aus Hedda Gabler, aus Tosca gespielt. Und vor allem: Hamlet. In den meisten der Aufführungen, die sich jede Nacht verändern, spielt Hamlet die zentrale Rolle.

Das Bühnenbild wird an die Zuschauer versteigert

In der drittletzten Vorführung hat Vinge nun außerdem begonnen, Teile des Bühnenbilds zu versteigern und zu verschenken – und wird damit vermutlich bis zur Dernière fortfahren. Das ist mehr als ein hübscher Gag: So verschwenderisch und ohne Rücksicht auf Verluste mit der eigenen Kunst umzugehen (eine eventuell erneute Einladung zum Theatertreffen müsste wohl ohne Bühnenbild auskommen), ist schon außergewöhnlich. Zudem treibt Vinge damit den Theater-Kult um seine Person auf die Spitze: Vinges live auf der Bühne ausgeschiedenen Exkremente, die er zu einem Herzchen geformt auf Briefpapier schmiert, gehen für einen Euro an eine junge Dame im Publikum.

Zum Vinge-und-Müller-Theater gehört, dass alle Schauspieler eine comicartige, stilisierte Gummi-Maske tragen und mit schrill verzerrter Stimme sprechen. Allein das, in diesem so detailreich, psychedelisch bemalten Theaterraum von Ida Müller stellt schon eine seltsame Verfremdung dar.

Vegard Vinge/Ida Müller: "Nationaltheater Reinickendorf"
"Nationaltheater Reinickendorf" | Bild: Nationaltheater Reinickendorf

Hamlet wirft mit Torten

Viele Szenen werden per Live-Video von hinter der Bühne eingespielt: Hamlet zum Beispiel als depressiv-melancholischer Teenager, der sich mit kiloweise Nutella und labberigen Toast-Bergen einen Nutella-Turm baut, den er dann mit leeren, glasigen Augen in seinen Mund schiebt. Wahnsinnig traurig. Später hängt er sich unter Plakaten von Depeche Mode und Joy Divison an einem Strick auf.

Auf der Bühne ist ebenfalls eine Hamlet-Szene zu erleben, die sich einbrennt. Hamlets Mutter und der neue König sitzen an einer Tafel voller Sahnetorten und feiern Hochzeit, nachdem Hamlets Vater ermordet worden ist. Hamlet, dieses narzisstische, aber auch trauernde Kind, nimmt eine Torte nach der anderen und wirft sie der Mutter, dem König, allen Hochzeitsgästen ins Gesicht, später natürlich auch ins Publikum. Danach bricht er zusammen, heult und singt eine halbe Stunde lang davon, wie gemein das Leben ist. Zuerst wirkt diese Tortenschlacht vorhersehbar und infantil. Aber dann wird erkennbar, wie starr die Figuren auf der Bühne bleiben, wie regungslos sie sich von Hamlet bewerfen lassen. Hamlet ist der einzig Lebendige und Fühlende in seiner Welt. Die Einsamkeit dieses nervtötenden Jungen, der übrigens von Ida Müller selbst gespielt wird, ist anrührend.

Die Festspiele sahnen mit Vinge ab

In einer späteren Vorstellung wurde dieselbe Szene vollkommen anders erzählt und gespielt – aber alle Szenen funktionieren ähnlich: Sie sind ewig zerdehnt und entfalten ihre Wucht erst über die Länge der Zeit. Deshalb ist dieses Theater auch fast nie langweilig, sondern öffnet sich mehr und mehr. Letztlich geht es immer um so große Themen wie Macht, Liebe, Begehren, Eifersucht, Einsamkeit, Verlust.

Dass es den Berliner Festspielen geglückt ist, Vegard Vinge von Castorfs Volksbühne ans eigene Haus zu holen, ist ein interessanter Fall. Ausgerechnet Vinge, der immer auch den hierarchischen, oberflächlichen Theaterbetrieb karikiert und vorführt, wechselt von der subversiven Volksbühne ans internationale, schicke Performance-Haus. Damit sahnen die Berliner Festspiele ab. Was allerdings nicht heißt, dass die Intendanten Thomas Oberender und Frank Castorf bei Vinge gut wegkämen, im Gegenteil: Den Theater-Direktoren und Künstlerischen Leitern wird in Reinickendorf blutig der Schädel eingeschlagen. Das aber sehr kunstvoll.

Barbara Behrendt, kulturradio

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