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Tempelhofer Feld - 3. Berlin Circus Festival

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Kurzstücke beim Berlin Circus Festival zeigen Vielfalt der Zirkuskunst

Zur Halbzeit des Berlin Circus Festival auf dem Tempelhofer Feld 3 Kurzstücke, die deutlich machten, wie neuartig, gegenwärtig und künstlerisch ausgefeilt Zirkustechniken einsetzbar sind: Die Spannweite zeitgenössischer Zirkuskunst an einem Abend. Von der brachial-komischen Straßenshow, "Motosikai" der finnischen Gruppe "Race Horse Company" bis zu intimeren Artistenduos: "Lazuz" aus Israel mit dem gleichnamigen Stück und "Justine & Frederi" mit ihrem Stück "Noos".

Shows mit grossem und kleinem Namen

Die "Race Horse Company" ist eine Company, die international im Bereich Neuer Zirkus schon recht bekannt ist, sonst aber eher große Shows präsentiert. "Motosikai" ist eine eher kleinere Show, gemacht für Straßenfestivals und wurde deshalb auf dem "Berlin Circus Festival" auch im Freien gezeigt.

Ironisierte Männlichkeit

Und das sind echt Typen, die da aus ihrem Van steigen: Tätowiert, ziemlich brachial-männlich  - na ja fast: denn sie brechen dann schnell so fast mit jedem Klischee, während sie sich in Unterhosen auf dem Schleuderbrett gegenseitig in Luft katapultieren, mit Äxten oder Messern jonglieren -  immer von männlichen Siegerposen begleitet. Sie müssen aber nur ihre Sonnenbrille aufsetzen, grinsen und im Technobeat völlig übertrieben die Arme  kreisen und jede Siegerpose wird zum guten Witz! Oder sie stemmen schwere Gewichte, zertrümmern ein  Betonstück auf ihrem angespannten Bauch, fegen dann aber seelenruhig fast pedantisch die  Bühne und stemmen am Ende auch den Besen mit wildem Gebrüll in die Luft.

Auf Skiern jonglieren, Gymnastikbälle auf der Stirn balancieren und sie dann zu akrobatischen Saltosprüngen benutzen - das hat Tempo, wahnsinnig viele schnelle Brüche, viel  Humor, einen großen Hang zur Selbstironie, der mir auch schon beim weiblichen, finnischen Pendant, "Sisus Sirkus" so gut gefallen hat. Hier also die männliche Variante.

Jongleure und Tänzer

Im Zelt dann die zwei Artisten-Duos, die sich sehr unterschiedlich mit  zwischenmenschlichen Beziehungen auseinander setzen. Bei "Lazuz" sind das  ein Jongleur und ein sehr tänzerischer Akrobat, die nicht zueinander finden:

Der Jongleur, absolut auf sich konzentriert, zeigt keinerlei Interaktion, will nicht durch Berührung oder spielerisches Lächeln des Tänzers abgelenkt werden – nahezu autistisch. Der Tänzer kann sich an ihn klammern, um ihn herum bewegen, in seine Keulen oder Bälle hinein rennen – sein Gesicht bleibt ausdruckslos. Der Jongleur vermag den Tänzer nur in seine Jonglage einzubinden, in dem er zum Beispiel seine Hand oder seinen Arm mit in die Höhe wirft. Auf Störungen reagiert er aber Aggression, sogar mit einem Keulenschlag. Es folgt ein artistisch sehr ausgefeilter Wiederbelebungsversuch und am Ende die Annäherung.

Gelungene Hand-zu-Hand-Artistik

Das ist sehr glaubhaft und zärtlich und leicht gut auf eine allgemein menschliche Ebene zu heben. Und es ähnelt im Ansatz dem zweiten Duo "Justine & Frederi", die Hand-zu -Hand- Akrobatik machen. Auch hier geht es um ein wirkliches Miteinander, was man sich schwer erarbeiten muss: Hand-zu-Hand-Artistik kann sehr technisch sein, ist körperlich höchst anstrengend und man ist als Paar stark aufeinander angewiesen. In dem Fall ringen Justine&Frederi aber darum, menschlich zueinander zu finden, nicht wie leblose Puppen hin und her geworfen zu werden, sondern wirklich zu spüren, zu reagieren. Das ist sehr weich, grazil, eben nicht turnerisch-akrobatisch, wie diese Technik ansonsten ist. Erst nach langem Ringen, wie ein Triumph der Annäherung, kommt es zu diesen akrobatischen Bewegungen: wenn Justine dann im einarmigen Handstand auf Frederis Händen ihre Beine kraftvoll in die Lüfte spreizt.

Die Vielfalt zeitgenössischer Zirkuskunst an einem Abend!

Sowohl "Noos" als auch "Lazuz" sind zwei sensible Darbietungen, die sehr leicht und weich mit ihren artistischen Disziplinen spielen und spielerisch Bewegung in allgemein menschliches Thema übersetzen und ein extremer Kontrast zu der wild- ironischen Straßenshow der finnischen "Race Horse Company". Die Vielfalt zeitgenössischer Zirkuskunst an einem Abend! Gut waren die längeren Pausen zwischen den Stücken, denn sonst wäre ein so rasanter Wechsel schwierig, außerdem geben sie Zeit, nachzuspüren und das Festivalgelände mit Blick über die Weite des Tempelhofer Feldes zu genießen.

Frauke Thiele, kulturradio

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