Barenboim und das West-Eastern-Divan Orchestra in der Waldbühne © Claudia Ingenhoven
Claudia Ingenhoven
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Waldbühne Berlin - Das West-Eastern-Divan Orchestra unter Daniel Barenboim

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Das West-Estern Divan Orchestra gehört zu den erstaunlichsten Klangkörpern überhaupt – hier spielen Musiker aus Ländern des nahen Ostens friedlich zusammen, deren Regierungen oft erbitterte Feinde sind. Seit einigen Jahren ist es eine feste Tradition, dass das Orchester in der Waldbühne auftritt.

Die politisch-kulturelle Bedeutung ist enorm, ganz egal, wie hoch oder niedrig man am Ende die künstlerische Leitung des Abends einschätzt. Dieses Waldbühnenkonzert wird immer bedeutender durch die politische Lage im Nahen Osten, die sich eben nicht entspannt, und damit ein solches Orchester auch immer kostbarer macht. Jetzt hat sich auch noch die Kanzlerin selbst in dieser Angelegenheit zu Wort gemeldet und sich zur Schirmherrin des Abends erklärt, was diese Berliner Veranstaltung natürlich noch mal zusätzlich gewichtet.

Diese symbolische Strahlkraft spiegelte sich gestern auch wider in der massierten Prominenz, die ich in dieser Quantität selten erlebt habe in der Waldbühne; die halbe Regierung war da plus jede Menge andere Stars aus Film, Kunst und Politik, von Schäuble und Joschka Fischer bis hin zu Uwe Ochsenknecht und Katja Riemann schien sich de das ganze ViP-Berlin hier versammelt zu haben. Fast hatte ich das Gefühl, der West-Estern-Divan-Abend könnte zu einer Art Anti-Bayreuth entwickeln, was gar keine schlechte Idee wäre, wenn nun auch noch die Qualität der Darbietung auf gleichem Niveau läge.

Visionsloser Tschaikowsky

Und das war gestern Abend nicht durchgängig der Fall. Das sage ich in tiefstem Bedauern, denn erstens lege ich mich ungern mit der Kanzlerin an, und zweitens bin ich ja auch hingegangen wie 16.000 andere Berliner mit dem ganz großen Wunsch, den Abend zu genießen, ein russischer Abend mit Musik von Glinka, Schostakowitsch und Tschaikowsky. Und doch habe ich mich über weite Strecken sehr gelangweilt, und das ist in der Waldbühne gar nicht so einfach. Ich denke, das Problem ist Daniel Barenboim und seine nicht vorhandene Affinität zu russischer Musik.

Es gehört schon Mut dazu, in einer Stadt, in der mit Dirigenten wie Petrenko und Sokhiev echte Visionäre der russischen Klassik und Moderne zuhause sind, anzutreten mit einer völlig visionslosen Interpretation, die bei Barenboim zu reiner Plakatmalerei erstarrt.

Das war nicht mehr als solide, was da gestern zu hören war - insgesamt bestürzend phantasiearm, mit lähmend zögerlichen Tempi und einer Kurzatmigkeit, die den Werken es Tumb-Holpriges verlieh; Glinkas Ruslan-und Ludmila-Ouvertüre hinkte ächzend und eleganzlos wie ein angeschossener Elefant über die Bühne und ließ schon zu Beginn einen eher drögen Abend befürchten, der auch eingelöst wurde durch eine zähe, in pathetische Einzelmomente zerböselnde Fünfte von Tschaikowsky, bei denen nur die kantablen Themen gelangen, die aber leider in ihrer saftigen Opernhaftigkeit eher klangen wie Mascagni. Zugegeben: Solche Musik duftig und seidig zu spielen mit Riesen-Verstärkern unter freiem Himmel vor einem fünftstelligen Publikum ist eine gigantische Aufgabe, aber genau dafür ist eben ein Maestro wie Barenboim da. Gestern stand da ein sehr guter reifer Dirigent am Pult, der sein Handwerk versteht. Aber kein Weltklassedirigent.

Martha Argerich rettet den Abend

Aber da war ja noch Martha Argerich! Sie konnte den Abend eindeutig retten und sorgte dafür, dass niemand enttäuscht nach Hause gehen musste. Sie hat Schostakowitschs 1. Klavierkonzert als Grande Dame des Klaviers so hingelegt, wie man das von diesem Werk erwartet und noch Schippe draufgelegt: präzise-bissiger Anschlag, trocken-frecher Schwung, und keine Spur sentimental im Mittelsatz. Übrigens hat das durchsichtiger instrumentierte Konzert auch gezeigt, dass es nicht an den Mitgliedern des Orchesters lag, wenn Glinka und Tschaikowsky dröge klangen; die einzelnen Musiker waren exzellent, wie etwa Bassam Mussad an der Trompete. Und die Zugabe von Martha Argerich hat mich dann fast wieder versöhnt, ein Ravel (La mére l'oye) vierhändig, gespielt mit dem Dirigenten - die beiden Argentinier gäben ein fantastisches Klavierduo ab!  Argerichs pointiertes, Barenboims eher atmosphärisches Spiel ergänzen sich wunderbar. Kurz, der Pianist Barenboim war für mich gestern trotz seines kleinen Parts bei weitem aufregender als der Orchesterleiter.

Matthias Käther, kulturradio

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