Nir de Volff: "Come as you are # Berlin"
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DOCK 11 & Eden - "Come as you are # Berlin"

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Drei junge Tänzer aus Syrien, die erst vor kurzem als Flüchtlinge nach Berlin gekommen sind und die nun hier einen Neuanfang versuchen. Was sie in Syrien zurücklassen mussten, was sie nun in Berlin zu finden hoffen, all das steht im Mittelpunkt von "Come as you are", dem neuen Tanzstück des Berliner Choreographen Nir de Volff.

Dieser ist voller Respekt und sehr humorvoll mit den Lebensgeschichten der drei umgegangen. Es geht nicht um ihre Fluchtgeschichten, die zum Teil dramatisch sind, sondern um ihr Ankommen in einer neuen Welt, um die Erfahrungen, die sie mitbringen und die Neuorientierung, vor der sie nun stehen. Nir de Volff hat eine Choreographie kurzer Charakterstücke entworfen, kleine Einblicke in ihre Leben: Syrien und Damaskus, das Ankommen in Berlin, ihre Suche als Künstler - erzählend und tanzend zeigen sie die Brüche, in denen sie leben, den Transformationsprozess, in dem sie sich befinden.

Künstlerische Herkunft und Schock des Neubeginns

Da sie ausdrücklich als Künstler und nicht als Geflüchtete wahrgenommen werden wollen, geht es in ihren Texten v.a. um ihr Ankommen in Berlin und um ihre Ausbildung. Alle drei, einer Anfang 30, die anderen Anfang 20, sind am Higher Institute of Dramatic Arts in Damaskus ausgebildet worden, eine offensichtlich strenge, fast ausschließlich am Klassischen Ballett und am folkloristischen Tanz orientierte Ausbildung. Der Tanz gelte in Syrien, so erzählen sie, als effiminiert, als nicht männlich, würde nur als Hobby, nicht als Beruf wahrgenommen, außer in der Unterhaltungsindustrie.

Und so waren die ersten Erlebnisse in der Berliner Tanzszene offensichtlich ein Schock: Konzepttanz und Performance, Nacktheit auf der Bühne, Tänzer, die sich berühren, Haut an Haut, Männer, die mit Männern, Frauen, die mit Frauen tanzen und eine selbstverständlich ausgelebte Individualität – da seien Gefühle des Ungenügens, der Scham aufgekommen, der Angst, als Tänzer nicht gut genug zu sein. Um diese Erfahrung der Irritation und wie sie diese konstruktiv nutzen können, kreist diese Choreographie auf Basis von Improvisationen.

Bruchlinien in den Körpern – Sinnlichkeit und Intensität

Von ihrer Irritation erzählen sie, von ihrer Verwunderung und Ratlosigkeit in ersten Berliner Tanzworkshops und sie zeigen sie in ihrem Tanz, indem sie die Bruchlinien, die durch ihre Körper verlaufen, ausdrücken: dann zittern und krampfen sie, beben in Erschütterungen, der Atem gepresst, die Körper blockiert. Ironisch und vergnügt zeigen sie Bauchtanz und traditionellen Dabke-Tanz, den folkloristischen Männer-Stampf-Reigen-Tanz, das, was sie loslassen, von dem sie sich befreien wollen, ohne die eigene künstlerische Herkunft völlig aufgeben zu wollen.

Und auch wohin ihre Suchbewegung sie führen könnte, zeigen sie: einen sehr expressiven und eruptiven Tanz, wie eine leidenschaftliche Befreiung des Körpers, sehr emotional bis hin zu einer inbrünstigen Sinnlichkeit und Intensität, die im Berliner zeitgenössischen Tanz derzeit eher verpönt ist – was ihre Verwunderung nach den ersten Begegnungen damit noch verständlicher macht.

Ehrlich und authentisch

Darin liegt eine große Qualität dieser Choreographie. Nir de Volff hat nicht versucht, die alten Zwänge, denen sie als Tänzer unterworfen waren, nun in der Anpassung an den zeitgenössischen Tanz Berliner Prägung durch neue Zwänge zu ersetzen. Er hat sie ermutigt, ehrlich und authentisch zu zeigen, woher sie kommen, wo sie derzeit stehen und wonach sie sich sehnen, er hat sie als Künstler ernst genommen.

Aufeinanderprallen zweier Welten als Chance zu Neuem

Zugleich ist diese Choreographie ein Sinnbild des Aufeinanderprallens zweier Welten, zweier Kulturen sogar, hier am Beispiel der unterschiedlichen Tanzkünste ausgedrückt. Ein Aufeinanderprallen, das allerdings als Chance zu Neuem verstanden wird, wie z.B. auch in dem recht abenteuerlichen Musikmix, in dem Nir de Volff Klassik, Pop, Techno und orientalische Folklore ineinander blendet, eine Synthese entstehen lässt.

Insofern haben die drei Tänzer mit Nir de Volff den richtigen Choreographen gefunden. Er selbst hat, wenn man so will, ebenfalls eine Migrationsgeschichte, stammt aus Tel Aviv, lebt seit 2003 in Berlin, hat oft mit Constanza Macras und zuletzt v.a. mit Falk Richter gearbeitet und sein Tanzstil ist sehr energetisch und physisch, weniger von der Virtuosität ausgehend, sondern eher theatral und figural, auf der Basis von Emotionen, immer verknüpft mit sozialen und politischen Themen und immer humorvoll und ernst zugleich.

Komik und Ernst – Offenbarung der Lebenssituationen

Auch in "Come as you are" gibt es einige kuriose Momente: "Do I look like fucking Malakhov?", fragt etwa einer der Tänzer, als er von seiner Ausbildung im Klassischen Ballett erzählt. Ernst werden sie, wenn sie ihre Albträume andeuten, "Ich habe die Hölle überlebt", sagt einer, und wenn sie die Angst um ihre Familien in Syrien ausdrücken, wenn sie fordern, dass Deutschland keine Waffen mehr in die Krisenregion verkaufen dürfe, wenn sie von der Hilfsbereitschaft in Deutschland erzählen und davon, wie sie hier auch betrogen wurden. Und wenn sie von ihren Träumen berichten, sich das Jahr 2027 vorstellen: eine eigene Familie, ein neuer Pass, uneingeschränkte Reisemöglichkeiten, vom Tanzberuf leben können, Frieden in Syrien.

Drei junge Künstler, sehr wahrhaftig in der Offenbarung ihrer gegenwärtigen Lebenssituation – eine sehr überzeugende Arbeit von Nir de Volff, noch unvollendet, aber unverfälscht glaubwürdig.

Frank Schmid, kulturradio

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