Kalakuta Republik © Sophie Garcia
Sophie Garcia
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Hau 1 und Hau 2 - Eröffnung Tanz im August

Bewertung:

24 Compagnien aus aller Welt, 4 Uraufführungen, 13 Deutschlandpremieren. Der "Tanz im August" hat begonnen. Gestern Abend wurde die 29. Ausgabe des Internationalen Tanzfestes im Hebbel am Ufer eröffnet, mit Choreographien aus Burkina Faso, Kamerun und der Schweiz.

Die Eröffnungspremiere durfte in diesem Jahr Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso bestreiten mit seiner Choreografie "Kalakuta Republik".

Kalakuta Republik © Doune Photo
© Doune Photo | Bild: Doune Photo

Serge Aimé Coulibaly: "Kalakuta Republik" – Niedergang in Party-Dekadenz

Eine Choreografie, in der Coulibaly das Thema des politischen Aktivismus aufgreift, indem er den Niedergang, das Ersticken von politischem Engagement und Revolte in Party-Dekadenz zeigt. Inspiration für dieses Stück war der nigerianische Musiker Fela Kuti, als Begründer des Afrobeat ein Ikone Afrikas, nicht unumstrittener Aktivist gegen den Kolonialismus und das Militärregime in seinem Heimatland Nigeria, in den 70ern Gründer der Künstler-Kommune "Kalakuta Republik" in seinem Nachtclub in Lagos. Coulibaly hat jedoch keine biografische Choreografie entworfen sondern eher eine Reflexion zu Formen des Widerstands, die direkten Ausdruck in der Körperlichkeit der sieben Tänzer, darunter Coulibaly selbst, finden.

Afrobeat und pure Tanzlust

Im ersten Teil des Abends zeigt sich dies im Tanz zu einem vielleicht 25 Minuten langen Afrobeat-Song, einer deftig rhythmisch vorantreibenden Fusion aus Funk, Jazz und Percussion. Musik und Tanz haben hier starke Sogwirkung. Coulibaly zeigt eine Mischung aus klarer abstrakter Gestik und expressiv-impulsiven Bewegungen, sehr funky und sehr gut Choreografiert im Wechselspiel aus Soli und Gruppenformaten. Das ist pure Tanzlust ohne im Funk-Rhythmus aufzugehen und doch trotz aller Energie und allen Aufbegehrens untergründig gezeichnet von Unruhe und Schmerz, von Verzweiflung und Trauer, von einer Anmutung innerer Lähmung, die im zweiten Teil deutlicher wird.

Absturz in die Dekadenz des Feierns, des Vergessen-Wollens

Dieser zweite Teil spielt in einer Art Nachtclub nach einer langen Partynacht. Stühle liegen herum, Betrunkene torkeln, es wird geraucht, getrunken und selbstvergessen vor sich hin getanzt. Dies ist ein Absturz in die Dekadenz des Feierns und des Vergessen-Wollens, ein Absturz in Angst und Frustration, die sich nur im Party-Exzess auflösen können – hier wirkt jede Protest-Gestik schal und leer. Und damit stellt Coulibaly an uns alle, über die afrikanischen Kontexte hinaus, eine der wesentlichen Fragen unserer Zeit: wofür seid ihr bereit, zu kämpfen, euch einzusetzen oder reicht es euch, zu feiern und das Leben zu genießen?

Zu zaghaft in Analyse und Kritik

Serge Aimé Coulibaly war im November 2016 zu Gast im HAU mit seiner wütenden, bitter-rohen Tanz-Rap-Performance "Schlaflose Nächte in Ouagadougou". An dessen brillante Schärfe und Radikalität reicht "Kalakuta Republik"  nicht heran, hier bleibt er zu zaghaft in seiner Analyse und Kritik, verharrt im Ungefähren und in einer alles lähmenden Trauer um vertane Chancen. Dennoch ein guter Auftakt für das Tanzfest: ein kraftvolles Tanzstück, explizit politisch, mit grundsätzlichen Fragen ans Menschsein heute

Lea Moro: Fun © Urs Althaus
© Urs Althaus | Bild: Nelly Rodriguez

Lea Moro: "Fun", Deutschlandpremiere

Als Deutschlandpremiere hat anschließend die Berliner Choreografin Lea Moro ihr Stück "Fun" gezeigt, eine Auseinandersetzung mit der Vergnügungslust, reizvoll in der Kombination, in der Korrespondenz mit Coulibalys Choreografie, auch weil Lea Moro erneut mit ihrer Methode aus Analyse, Offenlegung und Übertreibung an ihr Thema herangeht. Die Schweizerin Lea Moro gehört seit wenigen Jahren zu den interessantesten Künstlern der Berliner Tanzszene, seit ihrem "Sacre"-Solo 2013 bei den Berliner Tanztagen, sie allein mit Strawinskys "Sacre du printemps", den sie mit wehenden Haaren im Headbanging-Stil getanzt hat.

Lea Moro: Fun © Nelly Rodriguez
© Nelly Rodriguez

Sezierender Blick auf die Vergnügungs-Kultur

Nach ihrer sehr gelungenen Auseinandersetzung im letzten Jahr mit Musical- und Popkultur-Phänomenen hat sie nun ihren sezierenden Blick auf die Vergnügungskultur geworfen, versucht in einer Mischung aus Labor und Vergnügungspark dem auf die Spur zu kommen, was Spaß macht und wie Spaß gemacht wird.

Und so hoppeln sie selbst und ihre fünf Performer wie die Teletubbies über die Bühne, mit Konstruktionen aus Pappe und Schaumstoff auf den Köpfen, poltern eine Rutsche herunter, wälzen sich E-Zigaretten rauchend auf dem Boden, erzählen schlechte Witze und im Soziale-Medien-Stil, wieviel Spaß in ihrem Leben sie mit Partycrashen und Radfahren haben. Sie zeigen kuriose kleine Zaubertricks, spielen mit Socken-Handpuppen, spielen Fernsehballett und Varieté-Girlsreihe und singen einem Zuschauer ein Geburtstagsständchen. "Happiness is our Business" heißt es da, wobei das "Business" wie ein Echo vielfach wiederholt wird.

Lea Moro: Fun © Nelly Rodriguez
© Nelly Rodriguez | Bild: Nelly Rodriguez

Bloßlegen der Mechanik, Entblößen des Vergnügungs-Imperativs

Clownerie, Schabernack und Spektakel-Unfug dienen zum Bloßlegen der Mechanik. Unterhaltung, Spaß, Vergnügen nutzt Lea Moro als Techniken, die sie bis aufs Skelett entblößt. Mit ihren kleinen Possen saugt sie dem Spaß- und Vergnügungs-Imperativ das Knochenmark aus und zurück bleiben hohle Reste, die leicht zerbrechen – so jedenfalls die Idee, die immer wieder zart durchschimmert.

Aber so richtig zünden will diese Choreografie nicht, denn auch Lea Moro will unterhalten, will amüsieren, bleibt viel zu nett und harmlos und als Kritik reichen die Überdehnungen der Komik, die Übertreibungen, das groteske Dauerlächeln, das Hineintreiben des Schelmenstreichs in unfrohe Obsession und unbefriedigten Stillstand nicht aus – es bleibt beim Kratzen an der Oberfläche, einem viel zu sanften Sarkasmus.

Aber immerhin - eine junge Berliner Künstlerin gleich zum Auftakt des Tanzfestes, das sehr viele internationale Künstler und auch deutlich mehr Berliner Tanzkünstler als in den Vorjahren präsentiert – das war eine gute Entscheidung der Tanzfest-Kuratorin Virve Sutinen. Keine großen internationalen Stars zur Eröffnung – das ist auch ein klares und gutes Statement.

Frank Schmid, kulturradio

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