Tanz im August, "El Baile", © Christophe Martin
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HAU im Haus der Berliner Festspiele - Tanz im August: "El Baile" von Mathilde Monnier und Alan Pauls

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Choreographien mit griechischem Volkstanz, amerikanischem Hoochie Koochie, einer Art erotischem Burleske-Tanz, mit Flamenco und japanischem Butoh gab es bereits beim diesjährigen Tanz im August, dem Internationalen Tanzfest Berlin. Gestern Abend stand nun im Haus der Berliner Festspiele argentinischer Tango auf dem Programmzettel mit der Choreographie "El Baile“, dem Stück der französischen Choreographin Mathilde Monnier in Deutscher Erstaufführung.

Interessanterweise vermeidet Mathilde Monnier den Tango. Nur einmal wird in diesem heruntergekommenen Tanzlokal, das auch wie ein Sportplatz aussieht, klassischer Tango getanzt und das in ironischer Brechung. Ein Mann führt gleich sieben Frauen und drei Männern, die ihm in langer Reihe ergeben folgen, wobei er die Führung bald an eine junge Frau abgibt, die den Reigen dann einfach auflöst, als wäre diese Tango-Übung für sie nicht länger reizvoll oder interessant.
Mathilde Monnier lässt den Mythos Tango, die Klischee-Vorstellungen von großen Gefühlen und Leidenschaften im engen Paar-Tanz-Wirbel nur in skeptisch distanzierten Andeutungen zu. Das mag für alle jene eine Enttäuschung sein, die den Tango als Tanz der Erotik, der Lebensfreude und Trauer, als Lebensgefühl und Lebenshaltung lieben und sehen wollten – aber Monnier geht es um anderes.

Tanz im August, "El Baile", © Christophe Martin
© Christophe Martin | Bild: Tanz im August/HAU, © Christophe Martin

Geschichte Argentiniens und Psychogramm

Mathilde Monnier hat gemeinsam mit dem argentinischen Journalisten und Autor Alan Pauls nicht weniger versucht, als die Geschichte Argentiniens im 20. Jahrhundert zu erzählen und das in einer Art Psychogramm. Die grausame Militärdiktatur Ende der 70er Jahre mit Folter, Mord und 30.000 sogenannten „Verschwundenen“, das Auf und Ab der demokratischen Erneuerungsversuche, die Wirtschaftskrisen, die ganze Instabilität des Landes, natürlich auch den Fußball lässt sie von 12 jungen Tänzerinnen und Tänzern aus Buenos Aires tanzen und singen. Und das in hart aneinander gesetzten Szenen die zwischen Lebenslust und Erstarrung, zwischen Vitalität und Depression hin und her pendeln.

Willenlose Opfer und ekstatische Besessene

Da sitzen die Tänzer etwa apathisch-stumpf und infantil vor sich hin glotzend herum, wie willfährige, kraftlose Opfer ohne Widerstandsgeist, lassen sich wie Kühe an den Haaren herumzerren und als Ausdruck völliger Unterwerfung Beine in den Nacken stellen – das Bild einer gelähmten Gesellschaft, antriebslos, der Gewalt unterworfen und später auch dem Hedonismus ergeben.
Oder sie tanzen ekstatisch in Urban Dance, in Pop- und HipHop- und winzigen Tango-Elementen und teilweise improvisiert stampfend und die Glieder werfend, tanzen wie Besessene, der Ekstase hingegeben und dem Vergessen, einem Nicht-Sehen-, Nicht-Wahrnehmen-, Nicht-Erinnern-Wollen hingegeben. Dies sind immer Szenen extremer Zustände, die Tänzer sind Getriebene, überwältigt von hitzigen Leidenschaften oder abgründiger Apathie und fatalem Hang zur Selbstzerstörung.

Kritik an Machismo, aufgesetzter Erotik, marktkonformer Leidenschaft

Die Choreographie ist in sich schlüssig, auch wenn nicht alle Andeutungen verständlich sind, da oft die Kontexte fehlen. Die Lieder und Schlager, die die Tänzer singen, die Popsongs und Balladen, die erklingen, verweisen sicherlich auf bestimmte Zeiten und Geschehnisse, sind konkrete Lebenserinnerungen der Tänzer, für das Berliner Publikum aber kaum zu entziffern, zumal es auch keine Übersetzung gibt.
Andere Szenen sind hingegen überdeutlich: die Kritik an Machismo, aufgesetzter Erotik und marktkonform eingesetzter Leidenschaft, wenn sie die Hüften kreisen lassen, ihre Körper in sexualisiertem Posieren anbieten, wenn sie wie in einer Castingshow ihre Künstlerseelen darreichen und alle, ohne Ausnahme aussortiert und weggeschickt werden, wie überflüssiger Ballast, wie Abfall, an den Rand getrieben. Ihr seid nicht gewollt, ist hier die Botschaft.

Tanz im August, "El Baile", © Christophe Martin
© Christophe Martin | Bild: Tanz im August/HAU, © Christophe Martin

Überzeichnung, Übertreibung und Dechiffrierung

Mathilde Monnier, eine der bedeutendsten französischen Choreographinnen, arbeitet hier v.a. mit den Mitteln der Überzeichnung und Übertreibung und Dechiffrierung, so wie sie einzelne Tango-Elemente isoliert in endlosen Folgen absolvieren lässt oder eben den Tango als Paartanz auflöst und einen Mann mit zehn Partnerinnen und Partnern tanzen lässt. Das ist plausibel und konsequent gestaltet, das ist in eindringliche Bilder gepackt und von den jungen Tänzern voller Hingabe umgesetzt.

Griechischer Tanz, Hoochie Koochie, Butoh und Flamenco

Im Vergleich zu all den Ausflügen beim Tanz im August in Tanzformen, die sonst im Zeitgenössischen Tanz eine randständige Rolle spielen, ist diese Choreographie durchaus gelungen. Im Vergleich zum griechischen Tanz von Alexandra Bachzetsis ("Private: Wear a mask when you talk to me“), bei dem man wissen muss, dass ihn eigentlich nur Männer tanzen dürfen, zu der Hoochie-Koochie-Burleske von Trajal Harrel ("Caen Amour“), die leider selten mehr war als eine weitere seiner Dragqueen-Shows, im Vergleich zu der detailversessenen historischen Rekonstruktion des Butoh-Tanzes bei Takao Kawaguchi ("About Kazuo Ohno“) - im Vergleich zu all dem, ist dieser sogenannte Tango-Abend von Monnier durchaus überzeugend, wenn auch nicht ganz so vielgestaltig, differenziert und mitreißend wie die furiose Flamenco-Show von Rocio Molina ("Caida del Cielo“), die den Flamenco völlig neu interpretiert hat und ihm dennoch in intimer Nähe treu geblieben ist.

Frank Schmid, kulturradio

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