Manual Cinema: "ADA/AVA" ©Murdo Macleod
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Admiralspalast - Manual Cinema: "ADA/AVA"

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Schattentheater, Overheadprojektoren und Puppenspiel – zusammengenommen klingt das nach bildstarkem, aber auch etwas altmodischem Theater. Die Chicagoer Künstlergruppe "Manual Cinema", auf Deutsch "handgemachtes Kino", hat mit diesen Bestandteilen allerdings eine ganz eigene Kunstform zwischen Theater und Kino entwickelt.

Mit Musikern und Puppenspielern auf der Bühne lässt die Gruppe eine Art "Live-Kino" entstehen. Die Amerikaner sind damit schon rund um die Welt getourt und haben einige Puppentheater-Preise eingeheimst. Nun waren sie zum ersten Mal in Deutschland zu sehen: im Studio des Berliner Admiralspalasts präsentierten sie die Show "ADA/AVA".

Die Schatten von zwei alten Damen

Im Fall von "Manual Cinema" bedeutet "Live-Kino": Die Zuschauer sehen auf der Leinwand keinen vorher abgedrehten und zurechtgeschnittenen Film, sondern das, was in genau diesem Moment live entsteht – dafür braucht es die Theaterbühne. Auf ihr sitzen die Musiker, in diesem Fall drei, die die Filmmusik produzieren, zum anderen stehen da (mit dem Rücken zum Publikum) die Künstler, die mithilfe von Scherenschnitten, Masken, altmodischen Overheadprojektoren und vielen Folien für diese Projektoren den Stummfilm über ihnen entstehen lassen.

Wenn auf der Leinwand die Schatten von zwei alten Damen zu sehen sind, über deren Köpfen ein Gewitter tobt, kann man unterhalb der Leinwand sehen, wie zwei Frauen sich eine Plastikmaske aufstecken, die ihr Schatten-Profil schärft und in die Projektion treten, während die Künstler an den Projektoren Folien mit ausgeschnittenen Blitzen auflegen, die Lichter flackern lassen und jemand zeitgleich vom Laptop Donnergeräusche abspielt.

Manual Cinema: "ADA/AVA" ©Murdo Macleod
Manual Cinema: "ADA/AVA" ©Murdo Macleod

Poetische, gefühlvolle Bilder

Es geht "Manual Cinema" also hauptsächlich um die Produktion von poetischen, gefühlvollen Bildern – gleichzeitig wird aber auch eine Geschichte erzählt, in diesem Fall jene von Ada und Ava. Wir lernen die Zwillingsschwestern als alte Damen mit krummem Rücken und omahaftem Haarknoten kennen. Sie haben ihr ganzes Leben miteinander verbracht und wohnen jetzt in einem abgeschiedenen Häuschen neben einem Leuchtturm, in dem sie stets das Licht kontrollieren müssen – ein solches Setting bietet sich beim Schattenspiel selbstverständlich an.

Mitten im Schachspiel fällt Ava dann eines Tages plötzlich tot um und lässt ihre Schwester mutterseelenallein zurück. Der Großteil der kurzen Stunde, die die Performance dauert, handelt nun davon, wie Ada mit diesem Verlust zurechtkommt. Sie träumt sich zurück in ihre Kindheit, als die beiden Mädchen sich auf dem Jahrmarkt um einen Ballon stritten und am Strand um eine Muschel.

Der Versuch, den Tod zu besiegen

Irgendwie findet Ada einen Weg, die tote Schwester zurück auf die Seite der Lebenden zu ziehen. Ein schönes Bild, wie Ada als winzige Schattenfigur eine endlos lange Treppe in die dunkle Tiefe hinabsteigt und gemeinsam mit Ava den Weg wieder nach oben ans Licht erklimmt. Doch können beide letztlich den Tod nicht besiegen, Ava verwandelt sich Körperteil für Körperteil zum gruseligen Skelett – und Ada merkt, dass sie ihre Schwester gehen lassen und sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen muss.

Ein herbstliches Thema, das nicht ganz zum schwülen Sommerabend am Tag der Deutschlandpremiere passen wollte. Kaum verwunderlich also, dass viele Stühle an diesem Abend leer blieben. Die Zuschauer, die gekommen waren, schienen jedoch fasziniert von der Technik und den Bildern – es gibt vieles zu bestaunen bei diesem Live-Kino. Die Künstler zeigten sich sympathisch nahbar und luden die Besucher nach dem Schlussapplaus auf die Bühne ein. Hier konnte man die Crew ausfragen, Masken aufsetzen und sich die detailreich, mit vielen Klapp- und Drehfunktionen ausgestatteten, Folien genauer ansehen.

Manual Cinema: "ADA/AVA" ©Murdo Macleod
Manual Cinema: "ADA/AVA" ©Murdo Macleod

Was im Live-Kino alles möglich ist

Die New York Times schreibt, diese Chicagoer Gruppe zaubere "zum Sterben schöne Traum- und Trugbilder" hervor. Die Chicago Tribune meint, Manual Cinema nur "Schattentheater" zu nennen sei, als sage man, die Oscar-prämierte Produktionsfirma Pixar würde schlicht Comics machen. Ganz so euphorisch kann man den ersten Aufschlag der Künstler in Deutschland nicht bewerten. Schließlich arbeitet die kleine, kurze Produktion letztlich mit durchaus überschaubaren, sich wiederholenden Mitteln. Die Bilder, die entstehen sind schön, aber sie brennen sich nicht ein, dafür ist die Produktion zu konventionell, zu brav.

Wer je eine Inszenierung von der in Deutschland sehr erfolgreichen englischen Theaterregisseurin Katie Mitchell gesehen hat, der weiß, was im Live-Kino alles möglich ist: Bei Mitchell wird jedes Geräusch auf der Bühne von Hand erzeugt und nicht einfach vom Laptop eingespielt, mehrere Kamera-Teams filmen aus unterschiedlichen Perspektiven die Schauspieler. Natürlich hat Katie Mitchell an den großen Theatern andere finanzielle Möglichkeiten. Doch etwas mehr verrückte Experimentierfreude, mehr anarchisches Kindertheater, mehr Witz – statt der durchgängig getragenen, pathetischen Tonart, in der die Geschichte erzählt wird, hätte man sich durchaus gewünscht.

Barbara Behrendt, kulturradio

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