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Erlöserkirche Potsdam - Potsdamer Orgelsommer 2017: Mami Nagata

Bewertung:

Frischer Wind beim Potsdamer Orgelsommer - unter dem neuen künstlerischen Leiter Johannes Lang hat das Festival eine deutlich jüngere Anmutung bekommen. So sind in diesem Jahr eine ganze Reihe spannender Nachwuchskünstler im Programm vertreten.

Sie müssen sich inhaltlich dem immer noch alles beherrschenden Thema "Reformation" stellen, d.h. an der Orgel Programme präsentieren, die einen Bezug dazu haben. Gestern Abend gastierte die 30-jährige Japanerin Mami Nagata in der Potsdamer Erlöserkirche am Instrument der Firma Schuke aus den 1960er Jahren.

Die in Tokio aufgewachsene Organistin, die in Stuttgart studiert und gerade erfolgreich ihr Konzertexamen bestanden hat, ist mir schon von knapp zwei Jahren, im September 2015 sehr positiv aufgefallen. Damals hat sie den internationalen Gottfried-Silbermann-Orgelwettbewerb in Freiberg in Sachsen gewonnen. Ich kam etwas später in den Dom und habe nicht gewusst, wer spielt - hörte einen ziemlich zupackend gespielten Bach, sehr akzentuiert mit viel Kraft, und ich  dachte: "OK, da spielt ein etwas stämmiger junger Mann" - und dann war es eine absolut zierliche, schlanke junge Frau!

Eindrucksvoll

Mit einem Werk von Bach begann sie das Konzert, Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur WV 564. Und da war sie wieder da, diese herrlich zupackende Interpretation! Es ist ja ein kontrastreiches Werk - und die Kontraste hat Mami Nagata auch ganz hervorragend herausgearbeitet, dabei aber den barocken Fluss der Musik nicht verlassen, das war sehr rund. Ein, zwei kleinere Fehlgriffe haben da auch absolut nicht gestört, man spürte, dass alles "live" und echt war.

Im weiteren Verlauf des Abends folgten dann fast nur noch Werke aus dem 19. Jahrhundert - und das war schon ein ziemliches Wagnis an dieser Schuke-Orgel aus den 60er Jahren in der Erlöserkirche. Der Klang ist neobarock, sehr scharf, sehr spitz im Charakter, es gibt kaum Streicherstimmen oder sphärisch-schwebende Register - da muss man ganz schön tricksen beim Einregistrieren. Aber Mami Nagata hat das großartig gemeistert und Klänge kreiert, von denen ich nie gedacht hätte, dass man sie aus dieser Orgel erzeugen kann. Eindrucksvoll das Allegro assai aus der ersten Suite in a-Moll von Max Reger mit sehr gefühlvolle Passagen.

Zupackende Nüchternheit ohne Zuckerguss

Danach spielte Mami Nagata eine ganz wunderbare Miniatur, kaum länger als drei Minuten, überschrieben mit "Gebet", vom jungen japanischen Komponisten Asahi Matsuoka - sehr zarte, zerbrechliche Musik, in der die Orgel wie eine Art Windspiel klingt. Und aus diesen luftigen Flötenklängen formt sich dann eine Melodie, der Lutherchoral "Christ unser Herr zum Jordan kam". Das Stück ist eine absolute Entdeckung ibd.  das aufgrund des zugrundeliegenden Textes des Chorals auch gut für Taufgottesdienste geeignet.

Und dann - als Höhepunkt in ihrem Programm - spielte Mami Nagata die sechste Orgelsonate von Felix Mendelssohn Bartholdy über Luthers Choral "Vater unser im Himmelreich", eines der meist gespielten Orgelwerke überhaupt. An der neobarocken Schuke-Orgel der Potsdamer Erlöserkirche ist aber auch das ein Wagnis.

Bei dieser sehr kontrastreichen Musik, die vom Wechsel der Klangfarben lebt, ist eine durchdachte Registrierung gefragt. Und die war bei Mami Nagata perfekt. Und sie hat es verstanden, Spannung aufzubauen, Bögen zu spannen, das war wirklich nie langweilig. Und das Finale der Vater-Unser-Sonate, das innige Andante zum Schluss, das wird bei so manchem Organisten bisweilen kitschig. Hier zahlte sich ihre zupackende Nüchternheit aus, das hat schon berührt, aber ohne Zuckerguss.

Und am Schluss des Konzerts gab es dann noch eine spannende Überraschung! Da kam der Ehemann von Mami Nagata, Kensuke Ohira, ebenfalls Preisträger mehrerer Orgelwettbewerbe mit an den Spieltisch - und beide spielten eine eigene Bearbeitung des Finales aus Mendelssohns "Reformationssinfonie" für vier Hände und Brief Füße! Auch hier waren wieder  großartige orchestrale Klangfarben zu hören, die man in diesem Instrument nicht vermutet. Der Applaus am Ende des gut besuchten Konzerts war entsprechend lang und euphorisch - ein absolut erfüllender, schöner Orgelabend!

Claus Fischer, kulturradio

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