Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker mit Haydns Schöpfung © Monika Rittershaus
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Philharmonie Berlin - Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker mit Haydns "Schöpfung"

Bewertung:

Es ist die letzte Saison von Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Und da er sich vorgenommen hat, noch einmal seine Lieblingsstücke zu präsentieren, durfte die "Schöpfung" natürlich nicht fehlen. Trotzdem ein eher holpriger Start.

Saisoneröffnungen dürften für Simon Rattle schon Routine sein – bei den Berliner Philharmonikern hat er das seit anderthalb Jahrzehnten geleitet. Diesmal war es offenkundig anders: Es war das letzte Mal als Chefdirigent des Orchesters – und Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" ist nicht nur für Sir Simon etwas Besonderes.

Entsprechend hat man den Ehrgeiz des Dirigenten gespürt, die Ecken und Kanten, vor allem die Pointen des Werkes herauszuschälen. Vielleicht wirkte es deswegen etwas übermotiviert, leicht über das Ziel hinausgeschossen. Zudem schien das Orchester teilweise gedanklich noch in der Sommerpause zu stecken. Da war viel verwaschen, manches ist danebengegangen.

Das Vorspiel – symphonischer Urschlamm

Ganz zu Beginn gab es jedoch noch eine Uraufführung: Georg Friedrich Haas neues, kaum mehr als fünf Minuten dauerndes Orchesterstück "ein kleines symphonisches Gedicht" mit dem Untertitel "für Wolfgang". Haas erklärt das nicht; man kann allerdings vermuten, dass diese Widmung an seinen schwer erkrankten Kollegen Wolfgang Rihm geht. Und das Werk hat mit seinen harten Schlägen und seinem Flimmern etwas von der Ausdrucksintensität von Rihms Musik.

Es lässt sich aber auch ganz einfach als Vorspiel zu Haydns "Schöpfung" deuten. Es verlangt fast die gleiche Besetzung wie das Haydn-Orchester, und manchmal hat man das Gefühl, dass sich in den dichten Passagen der Urschlamm vor der Erschaffung der Welt träge vorbeiwälzt. Das ist sicher kaum mehr als eine Handgelenksübung, aber doch immerhin ein sehr assoziationsreiches Stück.

Der Eindruck des Unfertigen

In Haydns "Schöpfung" schließlich versucht Simon Rattle, jedem Geistesblitz des Komponisten Raum zu verschaffen. Hier ein besonders scharfer Akzent, dort ein herausgehobenes originelles Motiv. Das macht es sehr unruhig, zumal der Dirigent versucht, durch ein sehr gedrängtes Tempo alles zusammenzuhalten. Selten hat man das mal so durchgepeitscht gehört.

Sicher gibt es beeindruckende Momente: Der Sonnenaufgang wird vom Orchester ganz aus dem Nichts in einer immer raumfüllender werdenden Steigerung zum Höhepunkt geführt – bis es leider wieder, wie so oft an diesem Abend, zu laut wird und man einen akustischen Sonnenbrand bekommt. Man spürt, wie Rattle alles aus dieser Musik herauskitzeln will, aber dafür müsste das alles noch viel abgestimmter und pointierter gespielt werden. Der Eindruck bleibt, dass man in den Proben nicht ganz fertig geworden ist.

Überzeugende Debütantin

Der Abend war auch der Einstand des Tenors Mark Padmore als Artist in Residence der Berliner Philharmoniker in dieser Saison. Leider hat der Sänger einen unglücklichen Start hingelegt. Gilt Padmore als einer der gegenwärtig kultiviertesten Sänger, war davon hier wenig zu spüren: Auch er war viel zu laut, zu vordergründig, dazu mit unschön bebendem Vibrato und teilweise splissiger Höhe, wenngleich im zweiten Teil deutlich geschmeidiger. Der Bariton Florian Boesch hat den gut gelaunten Märchenonkel gegeben, der unterhaltsam schilderte, was Gott nun schon wieder Nettes erschaffen hat. Manchmal war es allerdings auch etwas übertrieben comedyhaft, etwa wenn er das Wort "Insekten" mit allzu summendem s versah.

Am überzeugendsten war die Einspringerin für die erkrankte Genia Kühmeier. Die junge Sopranistin Elsa Dreisig verbindet Klarheit mit gutem Fundament und einer angenehmen Wärme. Vor allem kann sie gestalten: in einer Arie das Majestätische des Adlers ebenso wie das putzig Verliebte der Turteltauben. Ihre Gestaltung wirkt unglaublich reif, und dabei ist sie gerade einmal Mitte 20. Aber so gut, dass sie ab dieser Saison fest im Ensemble der Staatsoper hier in Berlin singt – wo man sie auch schon zuvor einige Male herausragend erleben durfte. Ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern war ein voller Genuss.

Generalprobe für Salzburg und Luzern

Beim Rundfunkchor kann eigentlich nichts schiefgehen – zumal die Chorpartien vom Chefdirigenten Gijs Leenaars einstudiert wurden. Und doch ließ sich der sonst so zuverlässige Chor von der Lautstärke des Orchesters und vom verschärften Tempo des Dirigenten hörbar verunsichern. Das war erstaunlich abgehackt, wie man es sonst von diesem Spitzenensemble nicht kennt. Erst im zweiten Teil fand der Rundfunkchor zur gewohnten Stärke zurück, wirkte homogener, transparenter und gerade im leisen Bereich beeindruckend.

Trotz vieler schöner Stellen hinterließ dieser Abend den Eindruck des Unfertigen. Man hatte das Gefühl, einer Generalprobe für die anstehende Tournee nach Salzburg und Luzern beizuwohnen.

Andreas Göbel, kulturradio

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