Christiana Morganti: Jessica and me © Virginie Kahn
Bild: Virginie Kahn

Tanz im August - "Jessica and me" und "Tropheé"

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Die Erinnerungen einer früheren Pina-Bausch-Tänzerin und ein Ausflug ins Grüne, auf einen Bauernhof in Berlin-Gatow – das war mit den Gastspielpremieren an diesem Wochenende beim Tanz im August zu erleben, bei den beiden Deutschlandpremieren beim Internationalen Tanzfest.

Christiana Morganti: "Jessica and me"

Die Tänzerin und Choreographin Christiana Morganti war 22 Jahre lang Mitglied des Tanztheaters Wuppertal, war zu Recht gefeierte Solistin bei Pina Bausch und erinnert sie sich nun in ihrem autobiographischen Stück "Jessica and me" an ihre jahrelange Arbeit mit Pina Bausch.

Erinnerungen allerdings nicht in der Form, die derzeit im Zeitgenössischen Tanz gängig ist, nicht als eine Art Lecture Performance, wie etwa bei den berühmten Selbst-Porträt-Stücken von Jerome Bel, der vor Jahren u.a. den früheren Pina-Bausch-Tänzer Lutz Förster von der Arbeit mit Pina Bausch hat erzählen lassen – Erzählen vom Zustandekommen einer Szene und Vorzeigen dieser Szene. Christiana Morganti hat ihren eigenen Weg gefunden und ist der Falle ausgewichen, mit ihrer Pina-Bausch-Geschichte hausieren zu gehen. Sie gibt kleine Einblicke in ihr Inneres, ihre Biographie, ihr Künstlerin-Leben, hat kurze erzählerische Tanz- und Performance-Szenen entwickelt und geht nur nebenbei auf Pina Bausch ein, ohne einen vermeintlichen Blick hinter die Kulissen anzubieten.

Erzählen, Selbstgespräch, Interview – Humor, Charme, ironische Koketterie

So erzählt sie z.B. wie sie mit fünf Jahren zum Ballett gekommen ist und wie ihre Ballett-Lehrer immer ihren Körper bemängelt hätten: zu stämmig, zu ausgeprägte Oberweite und dass sie mit den zu engen Korsetts, um beides zu verbergen, kaum noch atmen konnte. Von ihrem durchaus interessanten Weg zu Pina Bausch und den Schwierigkeiten ins Ensemble zu kommen, davon, wie die Arbeit mit Pina Bausch tatsächlich war, berichtet sie leider nicht, das muss man in diversen Interviews nachlesen.

Sie will sich zeigen, wie sie nun mit 50 Jahren tanzt und denkt und so erklingt vom Band ein vermeintliches Selbstgespräch während sie tanzt: "Warum mache ich das hier eigentlich? Oh Gott, wer sitzt denn da in der ersten Reihe? Du musst jetzt mit Bedeutung laufen, das müsstest du doch besser können. Ohje, gleich kommt das Aufstehen vom Boden…"

Sie kokettiert also charmant mit ihren Altersproblemen, zeigt, in einem Video wie man sich die etwas zu breit gewordenen Hüften schmal schminken kann, sie macht sich lustig über ihre Versagensängste und offensichtlich erlebte Interview-Situationen. Von einem Kassettenrekorder erklingt die Stimme der vermeintlichen Journalistin "Jessica", die Morgantis Namen ständig falsch ausspricht und nur ihre Vorurteile und Klischee-Vorstellungen bestätigt haben möchte: Italienerin in Deutschland, die Psychotherapie bei Pina-Bausch-Proben, der Narzissmus der Tänzer – auch das alles sehr komisch erzählt.

Unterhaltung mit Witz und Charme - Arbeit am Pina-Bausch-Denkmal

Christiana Morganti will unterhalten, mit Selbstironie, Witz und Charme, mit Hang zur Gefallsucht, alles ironisch gebrochen. Auch die wenigen Beispiele ihrer Arbeit mit Pina Bausch sind immer lustig. Von der Entwicklung der Stücke, den Schwierigkeiten dabei, von Skepsis, Zweifeln, Ängsten oder Konflikten gibt es hier keine Spuren. In den kurzen autobiographischen Geschichten und in ihrem Tanz, indem sie nur ansatzweise Pina Bausch zitiert: Szenen in viel zu großen roten Pumps oder im bauschigen weißen Brautkleid, bleibt sie immer nett und unterhaltsam. Das kommt beim Publikum gut an, Gelächter erschüttert den Saal, am Ende gibt es bis auf einen Buhrufer nur jubelnden Applaus.

Wirklichen Einblick in ihre Arbeit als Künstlerin gibt sie jedoch nicht, im Prinzip ist dieses Stück ein weiterer Baustein für ein ideelles Pina-Bausch-Denkmal, das auch gern errichtet werden kann, dessen Fundament aber nur dann Bestand haben wird, wenn man der Person und dem Erbe von Pina Bausch gerecht wird und wahrhaftig vom Leben und seinen Existenzbedingungen erzählt. Das hier ist gute Unterhaltung einer immer noch grandiosen, begeisternden Tänzerin, aber doch sehr harmlos.

Rudi van der Merwe: Tropheé © Dajana Lothert

Rudi van der Merwe: "Tropheé" – Krieg und Tod

Auf unerwartet eindringliche Weise hat Rudi van der Merwe seine Performance "Tropheé" auf die Bauernhofwiese gebracht. Auf einer riesigen Wiese des Vierfelderhofes, dem Kinder- und Familien-Bauernhof in Berlin-Gatow, bewegen sich drei Performer in prächtigen Barock-ähnlichen Gewändern und mit weißen Masken und Helmen mit Tarnmustern über eine Distanz von 200 Metern auf die Zuschauer zu und stellen weiße Grabkreuze zu einem Gräberfeld zusammen, viele weiße Grabkreuze in langen Reihen.

Die drei Performer sind Klageweiber und Trauernde, sind Erinnyen und Furien, die griechisch-römischen Rachegöttinnen, sind Walküren, die die Seelen der auf dem Kampfplatz Getöteten einsammeln, sind über die Schlachtfelder der Menschheits-Geschichte wandelnde Geisterwesen, sind Qual und Schmerz, Schrecknis und Wut. Das ist inmitten dieser idyllischen Natur mit Kirche im Hintergrund ein irritierender und schmerzvoller Anblick, als ritualhafte Zeremonie auf ungeheuerliche Weise traurig und schön – eine einfache, unmittelbar wirkmächtige Performance zu Krieg und Tod.

Frank Schmid, kulturradio

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