Michael Clark Company; © Hugo Glendinning
Hugo Glendinning
Bild: Hugo Glendinning

Tanz im August - Michael Clark Company - "to a simple, rock 'n' roll ... song"

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Der Ballett-Prinz, der keiner mehr sein wollte und lieber dem Punk gefolgt ist, Michael Clark, der britische Choreograf, jahrelang ein Provokateur, ein Herausforderer der Tanzwelt, nicht nur des Klassischen Balletts, Michael Clark ist nun mit seiner neuen Choreografie zu Gast beim Tanz im August, dem Internationalen Tanzfest. Gestern Abend war Premiere seiner neuen Choreografie "to a simple rock'n'roll ... song", u.a. mit Musik seines Idols David Bowie.

Ein Punk in seiner klassischen Phase

Und noch immer steckt mehr als genug vom Punk in Michael Clark, obwohl er jetzt mit Mitte 50 endgültig in seiner klassischen Phase angekommen zu sein scheint. Die Zeiten der Provokationen, mit angedeutetem Sex auf der Bühne, ausgestreckten Mittelfingern und Entblößen dessen, was sonst verdeckt bleibt, sind vorbei.

Das war schon bei seinen letzten Berliner Gastspielen 2009 und 2014 zu sehen und ist mit dieser neuen Choreografie endgültig klar. Und dennoch kommen hier der Punkrock von Patti Smith und die chamäleonhafte Musik von David Bowie zum Einsatz und mit ihr kann Clark auch heute, wie schon in den 80er Jahren, die formalen Grenzen sprengen, der Tanzgeschichte seinen eigenen Stil abringen.

Formstrenge Exerzitien zu Erik Satie

Zunächst sieht das nach Exerzitien aus, denn der erste "Rock'n'Roller", dessen Musik erklingt, ist Erik Satie, die "Ogive"-Kompositionen vom Ende der 1880er Jahre für Klavier Solo, hart geschlagene Tonfolgen, die sich befreit von Melodie und simplem Rhythmus  rigoros anti-romantisch aufeinanderstapeln. Eine klare Klang-Architektur, aus der Michael Clark eine ebenso klare und strenge Tanz-Architektur entwickelt.

Gerade Linien, geradlinig gestreckte Arme und Beine, geometrische Formen der Körper und der Choreografie – eine Reminiszenz an das Klassische Ballett, in dem Clark und auch seine Tänzer ausgebildet sind und v.a. an den postmodernen Tanz, eine Erinnerung an die Workshops, die Clark in jungen Jahren bei Merce Cunningham, John Cage oder Yvonne Rainer genommen hatte, um seine Befreiung in deren Abwandlungen des Klassischen Balletts zu erleben. Vor monochronen Lichtwänden tanzen hier die Tänzer barfuß auf Spitze, in engen schwarz-weißen langärmligen Kostümen, explizit puristisch, in rational-sachlichen Ordnungssystemen, in abstrakter Strenge und Disziplin.

Punkrock und strikter Formalismus zu Patti Smith

Im zweiten Teil lässt Michael Clark dann den rumpelnden Punkrock von Patti Smith und seinen strikten Formalismus aufeinander donnern, das Funken sprühen. Hier prallen Energie-Wellen aufeinander, die kraftvoll vorantreibende Musik und die elegante Strenge des Tanzes und auf der Leinwand im Hintergrund eine animierte Zahlenorgie. Die Zahlen-Video-Installation "Painting by Numbers" des Amerikaners Charles Atlas: Zahlen in Reihen, Kreisen und Spiralen, pulsierend, flackernd und fliegend, unüberschaubare Formen und Muster, immer schneller und hektischer.

Die voran polternde Musik, der Zahlen-Rausch, die immer fieberhafter werdende Strenge des Tanzes, in dem Clark die Bewegungen immer drastischer dynamisiert – das hat gerade wegen der Gegensätze eine geradezu hypnotische Wirkung und war doch nur Vorbereitung auf den dritten Teil, die Hommage an David Bowie, der für Michael Clark seit Jugendzeiten ein Idol war und dessen Musik er auch immer wieder in seinen Choreografien eingesetzt hat.

Eine Art David-Bowie-Denkmal und Persiflage des eigenen Stils

Hierfür Clark hat den wehmutsdurchwehten Song "Blackstar" vom letzten David-Bowie-Album und frühe Stücke aus den 70er Jahren gewählt und schickt seine Tänzer in silbern-anthrazitfarbenen Ganzkörperanzügen wie Aliens auf die Bühne oder wie Astronauten, die über einen fremden Planeten wackeln – dieser Teil hat eine spacige androgyne Trance-Atmosphäre.

Die noch immer puristischen Bewegungen lösen sich zunehmend auf, Köpfe und Schultern kreisen, die Becken rotieren, die Körper werden von Wellen überrollt, die Schritte werden trippelig, staksig, zu unbeholfenem Watscheln, die Sprünge mit angewinkelten Beinen vollzogen. Langsam gerät alles außer Form und entwickelt sich zu einer Persiflage des eigenen Stils, zu einer Clownerie der Förmlichkeit – das ist frisch und unkonventionell, ein geradezu sarkastisches Zerschlagen der eigenen Künstlichkeit.
Und da ist der Punk in Michael Clark zu sehen: nonkonformistisch Regeln und Konventionen brechend, das Gewohnte ablegend, selbst den eigenen Stil anarchisch zerschreddernd.

Der Erik-Satie-Teil ist in seiner Formstrenge faszinierend wie der Patti-Smith-Teil im drastischen Aufeinanderprallen-Lassen. Im David-Bowie-Teil kommt das schillernd Glamouröse, das Extravagante, die Sexyness des Michael-Clark-Stils auf den Punkt, fabelhaft fantasievoll, sehr gelungen und beeindruckend.

Frank Schmid, kulturradio

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