Christina Caprioli, ccap: A Line up © Alexander Kenney
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Tanz im August - Christina Caprioli, ccap: "A Line up"

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Cristina Caprioli gilt sie als eine der führenden Choreografinnen Schwedens. Schon in den 80er Jahren gründete die gebürtige Italienerin ihre Produktionsstätte ccap in Stockholm. Ihre jüngste Produktion "A Line_up" hatte gestern Deutschlandpremiere.

"A Chorus Line" ist eines der berühmtesten Musicals der Broadwaygeschichte. Vielfach ausgezeichnet, 15 Jahre lang auf dem New Yorker Broadway ununterbrochen auf dem Spielplan, später auch verfilmt von Richard Attenborough und mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Die Geschichte der Musical-Tänzer und -Darsteller, die sich einem erbarmungslosen Wettbewerb stellen, um eine Rolle zu ergattern, war Ausgangspunkt für die italienisch-schwedische Choreografin Christina Caprioli, für ihr neues Stück "A Line up". Gestern war Deutschlandpremiere beim Tanz im August, dem Internationalen Tanzfestival.

Ein Anti-Musical – keine Nachahmung oder Neuinszenierung

Christina Caprioli hat einige Motive aus "A Chorus Line" genommen, etwa die Castingszene, in der sich die bei ihr 10 Tänzer frontal an der Bühnenrampe in Linie aufstellen, nervös und befangen, die Körper in schüchternen oder betont auftrumpfenden Haltungen verdreht oder jenes Element, das "A Chorus Line" zum Erfolg gemacht hat: die persönlichen Geschichten, die die Bewerber von sich preisgeben müssen, um den erbarmungslosen Regisseur für sich zu gewinnen. Mehr Ähnlichkeiten und Anknüpfungen gibt es nicht, denn Caprioli hat ein Anti-Musical entworfen, ohne Handlungsrahmen, ohne Figuren und Charaktere, ohne Musical-Dramaturgie, ohne Highlights, dramatische oder komische Szenen - gesungen wird wenig, auch die Figur des Regisseurs gibt es nicht.

Eine Nachahmung oder Neuinszenierung des Musical-Klassikers mit den Mitteln des Zeitgenössischen Tanzes soll das nicht sein, das ist schnell klar – leider dauert diese Choreographie eindreiviertel Stunden.

Negation und Dekonstruktion auch in fiktiven persönlichen Geschichten

Christina Caprioli zeigt in präziser analytischer Negation eine Dekonstruktion des Musical-Genres – keine Show, kein Entertainment.

Etwa bei den persönlichen Geschichten, bei denen es hier keine Offenbarungen oder Geständnisse gibt, kein Buhlen um Aufmerksamkeit oder Liebe. Hier lesen die Tänzer betonungslos vom Blatt ab.

Einer erzählt in allen Details die Ehe- und Scheidungsgeschichten seiner Großeltern, Geschichten ohne Relevanz. Ein anderer berichtet von der antisozialen Persönlichkeitsstörung seiner Mutter und dass er zu früh Verantwortung übernehmen musste, eine Erzählung immerhin mit dramatischem Potenzial, sie endet jedoch im Nirgendwo. Ein anderer vermag immerhin einige komische Funken zu schlagen, in dem er erzählt, wie er seinen mehr oder minder gleichaltrigen Freunden Familienfunktionen zuordnet, sie und sich selbst zu Eltern, Kindern, Großeltern usw. erklärt, je nach Situation, denn seine Herkunftsfamilie sei dysfunktional – auch diese Erzählung endet im Nichts.

Mit der Technik des völlig unterspannten Vom-Blatt-Ablesens verdoppelt Caprioli das szenische Mittel der fiktiven Autobiografie, seit Jahrzehnten in Tanz und Performance genutzt, und sie entzieht ihm zusätzlich jede vermeintliche Wahrhaftigkeit oder Bedeutung.

Zu alldem gibt es zumeist keine Musik, einmal singt eine junge Tänzerin leider unverständlich einen dieser derzeit auch in Pop-Deutschland so beliebten melancholischen Balladen-Rap-Songs.

Auf Dauer beliebiger Tanz

Auch beim Tanz selbst geht Christina Caprioli nicht in Richtung Musical-Tanz sondern lässt ihren eigenen Stil tanzen, von Ballett und Postmodernem Tanz inspiriert, sehr kleinteilig und solistisch, nicht in Raum oder Gruppe wachsend sondern immer um die eigene Achse drehend. Ein Tanz, der im impulsiven Schwungholen in Hüften, Schultern, Armen entsteht, was zu kurzen oder weiten Schritten führt und den sie dynamisch gestaltet mit Abbremsen und Beschleunigen und einem Herauskippen der Körper aus den Achsen.

Das wirkt zunächst recht attraktiv, wird aber auf Dauer und ohne Weiterentwicklung zunehmend beliebig und v.a. manieristisch. Die Tänzer und Tänzerinnen können einem leidtun, denn zumindest der Mehrheit von ihnen ist anzusehen, dass sie hervorragend ausgebildet sind und deutlich mehr könnten als sie hier dürfen.

Christina Caprioli, ccap: A Line up © Alexander Kenney
© Alexander Kenney | Bild: Alexander Kenney

Langweile dein Publikum nicht

Alles in allem ist dies ein unerfreulicher Abend. Christina Caprioli scheint sich gedacht zu haben, wenn sie schon ein Anti-Musical inszeniert, müsse sie auch eine der Entertainment-Grundregeln nicht befolgen: Langweile dein Publikum nicht. Vielleicht hat sie sich als Ergebnis ihrer Verweigerung Erkenntnisgewinn und Reibung versprochen, im Bloßlegen der Formen, Mittel und Techniken von Musical und Unterhaltungsindustrie, im Offenlegen der Klischees und Stereotype, die dort immer wieder vorgeführt und bestätigt werden, in der berechtigten Kritik an der Kommerzialisierung von Kunst und im Bestehen auf ihrer Zweckfreiheit. Vielleicht hat sie diese Choreografie auch als Bestandsaufnahme gemeint, als einen Zustandsbericht zur gegenwärtigen Situation des Zeitgenössischen Tanzes und der zumeist als Freelancer freischaffenden Tänzer/Innen und Choregrafen/Innen und dem Anpassungs- und Finanzierungsdruck, dem sie ausgeliefert sind.

All das ist jedoch hinlänglich bekannt und es reicht nicht, mit den seit Jahren abgestandenen Mitteln der Konzeptkunst, Kritik üben zu wollen, wenn die eigene Kunst doch nur in lähmende Leere mündet.

Die Einladung dieser Choreografie zum Tanz im August ist nicht nachvollziehbar, man muss sie als eine Fehlentscheidung der Tanzfest-Kuratorin Virve Sutinen bezeichnen.

Frank Schmid, kulturradio

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