Uferstudios - Ausufern: Monstrator; © Philipp Weinrich
Bild: Philipp Weinrich

Ufer_Studios - Festival AUSUFERN: "Monstrator"

Bewertung:

Die Uferstudios im Wedding gelten als Knotenpunkt der freien Berliner Tanzszene: Choreografen können in Ateliers proben und auftreten, das Zentrum Tanz Berlin bildet hier seine Künstler aus, die Tanzfabrik und das Tanzbüro sind hier zuhause. Ein angesagtes Kunsthaus also, das sich nun schon den zweiten Sommer beim Festival "Ausufern" der Weddinger Nachbarschaft öffnet.

Bis Oktober kann man sich jeweils Anfang des Monats an Workshops, Quiz-Shows und Tänzen von rund 40 Künstlern beteiligen ­– Eintritt frei. Gestern dufte man ausnahmsweise einmal nur zuschauen: Die portugiesische Performerin Helena Botto präsentierte ihr neues Stück "Monstrator", mit dem sie den schmalen Grat zwischen Mensch und Monster erforschen wollte.

Das Fremde beängstigt uns stets

Das mag zunächst sehr allgemein klingen, doch Helena Botto hat ein konkretes Thema vor Augen: die Freak-Shows und Völkerschauen in Zeiten des Kolonialismus. Die Freak-Shows rückten das Exotische, das vermeintlich Monströse eines Menschen in den Blick. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden dabei im Zirkus, auf Jahrmärkten und im "Kuriositätenkabinett" sogenannte "Missgeburten" ausgestellt, vor denen die Zuschauer sich gruseln sollten. Zum Beispiel extrem groß oder klein gewachsene Leute, Siamesische Zwillinge oder Menschen mit starkem Haarwuchs.

Die Völkerschauen machten genau das Gegenteil: Sie stellten im 19. Jahrhundert normale Menschen aus – aber aus fernen Teilen der Welt: Native Americans, Schwarze, Lappländer, die dann wie Tiere im Zoo dem weißen Europäer oder Nord-Amerikaner präsentiert wurden. Helena Botto beschäftigt sich also nicht mit dem bösartigen Monster im Menschen, sondern mit dem Andersartigen. Und mit unserem Umgang mit dem Fremden, das uns stets beängstigt.

Groteske Show-Master des Abends

Auf der Bühne wählt die Choreografin den erwartbaren Zugang: Sie betrachtet diese Völker- und Monsterschauen kritisch – und hinterfragt zudem den Blick des Zuschauers. Botto tritt zusammen mit dem Performer Marc Philipp Gabriel aus dem hinteren Teil des Zuschauerraums auf die rabenschwarze Bühne, beide sind ganz in weiß gekleidet, mit weißen Perücken und weißer Schminke und lachen verzerrt ins Mikrophon wie zwei Horror-Clowns. Diese beiden Freaks entpuppen sich dann als die grotesken Show-Master des Abends, die immer wieder mechanisch wie Aufziehpuppen sagen: "We are here to entertain you!"

Sie sind aber gleichzeitig auch Zuschauer und Zur-Schau-Gestellte. In einer Szene sitzen beide ewige Minuten lang auf glänzenden Pracht-Sesseln und kichern hämisch ins Publikum, als seien die Zuschauer die eigentlichen Ausstellungsstücke. In einer anderen Sequenz rutscht Botto oben ohne und Gabriel unten ohne brabbelnd in Richtung Publikum, wie eben jene würdelos zur Schau gestellten Menschen damals.

Elemente aus der Pantomime

Helena Botto fungiert hier als Choreografin und Performerin gleichermaßen. Die Portugiesin lebt seit einigen Jahren in Berlin und hat am Zentrum für Tanz hier an den Uferstudios ihren Abschluss gemacht hat – mit dem Haus ist sie also gut vernetzt.

In ihrer Heimat hat sie als Performerin, Choreografin, Tänzerin und Regisseurin gearbeitet und kommt ursprünglich aus dem Bereich des "physischen Theaters" – eigentlich eine Methode für Schauspieler, den Körper stark als Träger der Handlung einzubeziehen. Das merkt man Helena Botto insofern an, da sie oft auf eine narrative Handlung und auf bestimmte Charakter-Typen zurückgreift; auch Elemente aus der Pantomime spielen eine Rolle. Zu Recht ist der Abend als Performance und nicht als reines Tanz-Stück ausgewiesen.

Wer oder was ist das Monster?

Die im Programmheft gestellte Frage "Wer oder was ist das Monster?" beantwortet die Performance dann aber viel zu einfach und eindeutig: Die Monster, wer hätte das gedacht, sind die weißen Kolonialherren und die Europäer von heute, die sich noch immer die Welt auf Kosten der anderen Nationen einverleiben. Natürlich: Tanz ist kein Medium, mit dem man differenzierte politische Aussagen zu treffen imstande ist – aber man könnte durchaus weniger plakative Mittel verwenden, als die Performer mit gierigen Machtgesten die Weltkarte aus Tigerfell auffressen zu lassen, die auf dem Bühnenboden liegt.

Eine Videosequenz zeigt später eine weiße Figur, die in weißem Papierboot über eine Weltkarte segelt – und überall dort, wo sie den Fuß aufsetzt, die Erde in Brand setzt. Diese Bilder sind so unzweideutig, dass sie kaum etwas im Betrachter auslösen. Das ist schade, denn kein zweites Medium wäre wie der Tanz dazu in der Lage, in Gefühls- und Bewusstseinszwischenräume vorzudringen, die eben nicht durch den Intellekt erreichbar sind. Helena Bottos Versuche in diese Richtung sind schlicht eine Spur zu harmlos und erwartbar.

Kostenlose Uraufführung

Man sollte trotzdem nicht zu streng sein: Die kostenlose Uraufführung "Monstrator" kann streckenweise durchaus unterhaltsam und komisch sein und ist Teil eines Festivals im Weddinger Kiez, das angenehm niedrigschwellig in die Nachbarschaft rund um die Tanzhäuser "ausufert".

Barbara Behrendt, kulturradio

Weitere Rezensionen