Christoph Eschenbach; Foto: Gregor Baron
Gregor Baron
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Konzerthaus Berlin - Young Euro Classic – Eröffnungskonzert mit dem Schleswig-Holstein Festival Orchester

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Young Euro Classic ist jetzt auch offiziell eröffnet, und das gleich mit einem der besten Jugendorchester weltweit: Das Schleswig-Holstein Festival Orchester hat unter seinem Chefdirigenten Christoph Eschenbach Maßstäbe gesetzt.

Nach der Festival-Hymne, die bei Young Euro Classic am Anfang jedes Konzerts steht (und die man nach so vielen Jahren nicht mehr hören kann), gab es zunächst einmal eine Schweigeminute für die Terroropfer von Barcelona. Berlines Kultursenator Klaus Lederer ist in seinem Grußwort direkt darauf eingegangen, indem er Kunst und Kultur als Antwort auf den Terror bezeichnete.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters verwies in ihrer Ansprache auf Leonard Bernstein. Der hat nicht nur vor dreißig Jahren das Schleswig-Holstein Festival Orchester gegründet, sondern auch Olivier Messiaens "Turangalîla-Sinfonie", die auf dem Programm stand, uraufgeführt. Und er sagte einmal: "Let’s make music as friends." Das sagt alles; ein schönes Zitat.

Cellist mit großer Zukunft

Bruno Philippe ist Mitte 20 und ehrgeizig. Der französische Cellist präsentierte sich in Joseph Haydns C-Dur-Cellokonzert. Er will etwas daraus formen, hat sich hörbar bei jeder Phrase etwas gedacht, prescht mal nach vorne, spielt danach sofort wieder nachdenklich. Das hat keine Ruhe, steht unter unglaublicher Hochspannung. Das hört man gerne – aber passt das zu Haydn?

Man muss der Jugend zugestehen, dass sie auch mal über das Ziel hinausschießen darf. Bald hatte es sich auch eingependelt: Im langsamen Satz gelangen Bruno Philippe traumhaft schöne Melodien, und im Finale stimmte dann auch die Balance mit dem Orchester. Der junge Cellist muss sich noch ein wenig die Hörner abstoßen, wirkt auf dem Podium mitunter etwas zu unruhig. Ein Riesentalent ist er aber auf jeden Fall, und unter behutsamer Anleitung hat er sich eine große Zukunft vor sich.

Man vergisst das Jugendorchester

Das Schleswig-Holstein Festival Orchester ist seit vielen Jahren eines der weltweit besten Jugendorchester überhaupt. Das merkt man immer daran, dass man im Publikum sitzt und automatisch Profimaßstäbe anlegt. Man kommt gar nicht auf die Idee, etwas mit der Jugend der Mitglieder entschuldigen zu wollen.

Da fällt dann auch auf, dass die Begleitung des Cellokonzerts von Haydn am Beginn etwas verwaschen klingt. Aber Haydn ist auch nun wirklich nicht der Leib-und Magenkomponist von Christoph Eschenbach. Ihm liegen Spätromantik und Moderne sehr viel mehr.

Präzisionsmaschine

Olivier Messiaens "Turangalîla-Sinfonie" ist für jedes Orchester eine Herausforderung, und das Schleswig-Holstein Festival Orchester hat das nicht schlechter gespielt als manches Profiorchester. Das ist ein gigantisches Werk für eine Riesenbesetzung. 80 Minuten Hochspannung mit kompliziertesten Rhythmen und Klangorgien bis an die Schmerzgrenze. Und das mit einem Jugendorchester, das sich naturgemäß jedes Mal neu zusammensetzt? Man hat das nicht gemerkt. Das war ein Zusammenspiel, als wenn man seit Jahrzehnten in derselben Besetzung spielen würde.

Christoph Eschenbach arbeitet mit dem Orchester seit fast zwei Jahrzehnten zusammen. Er weiß, wie man erfolgreich mit Jugendlichen arbeitet und hat aus diesem Klangkörper eine Präzisionsmaschine geformt. So viele Details hört man sonst selten bei diesem Werk in einer Aufführung. Eschenbach hält alles mit eisernen Dirigierbewegungen zusammen. Das geht ein wenig auf Kosten der Sinnlichkeit – vieles ist klanglich doch sehr ähnlich. Aber was verlangt man da – es ist eine Sensation, dass ein Jugendorchester dieses Werk auf diesem Niveau präsentieren kann. Auch in diesem Jahr spielt das Orchester beänstigend gut.

iPad statt Papiernoten

Der Klangpart in der „Turangalîla-Sinfonie“ ist einschüchternd schwer. Das, wofür man sonst nur Messiaen-erfahrene Interpreten einlädt, spielte die junge chinesisch-amerikanische Pianistin Di Wu mit Leichtigkeit. Sie meißelte die Tonkaskaden in die Tasten, vollführte die wildesten Sprünge auf der Tastatur. Noten aus Papier hatte sie übrigens keine auf dem Pult, sondern ein iPad – auch hier beginnt mehr und mehr das digitale Zeitalter. Di Wu ist ein technisches Genie, mehr kann man aus diesem Part nicht herausholen. Sie lässt es glitzern und donnern und absolviert das alles, als wäre es nichts.

Eine insgesamt sehr gelungene Eröffnung von Young Euro Classic mit einem Konzert, das vor Ohren geführt hat, auf welchem Niveau die besten Jugendorchester der Welt heute spielen. Jetzt muss das Festival nur noch so weitergehen.

Andreas Göbel, kulturradio

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