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Zitadelle Spandau - Patti Smith & Her Band

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Der Spiegel nannte sie "Poetin des Punkrock",  das Time Magazin zählt Patti Smith zu den 100 wichtigsten Menschen unserer Zeit. Gestern war die amerikanische Musikerin, Lyrikerin und Performerin in der Zitadelle Spandau zu erleben.

Die Ikone des Punk ist nun 70 Jahre alt aber leisere Töne muß man nicht erwarten. Patti Smith, ein Urgestein, eine der Überlebenden der Kunst – und Avantgarde-Szene New Yorks der 70er Jahre hatte geladen und alle waren gekommen: Diejenigen, die sie schon seit 40 Jahren kennen, aber auch junge Leute, viele Eltern waren mit ihren jugendlichen Kindern da. Die Zitadelle Spandau wirkte wie bei einem Gottesdienst des Rock´n´Roll und der Rebellion, keine nostalgische Feier einer fernen Vergangenheit:  Ihre Lieder wurden wie Hymnen mitgesungen. Hits: wie "Gloria", Wing oder "Because the Night" waren sehr lebendig  und Patti Smith hatte sofort einen Draht zum Publikum. Als sie Wim Wenders zum Geburtstag gratulierte, der auch als Freund unter den Zuschauern war, sang das gesamte Publikum: "Happy Birthday, Wim!" – auch da merkte man das Bühnentier Patti Smith, sie hatte die Zuschauer von Anfang an auf ihrer Seite.

Musikerin und Dichterin

Ich bin keine Musikerin, sagt Patti Smith von sich selbst. Sie kommt von der Literatur: Ihre Inspiration fand sie schon als Jugendliche bei  John Bunyan, Willam Blake,  bei französischen Dichter wie Baudelaire, Rimbaud. Das ist keine Aufzählung einer Belesenheit, sondern Ausdruck ihrer inneren Besessenheit: Es sind die Quellen, aus denen Patti Smith auch mit 70 Jahren noch schöpft. Als Dichterin, Autorin ist  Schreiben ist ihr tägliches Brot:  Daher gibt es in vielen Liedern immer wieder "Spoken Word"- gesprochene Passagen. Ihre Lieder sind eindringliche Poeme zur treibenden Musik von Schlagzeug, Bass uund Gitarren. Ihre Kunst ist ein Mix – aus Worten und  wilden, hypnotischen Rhythmen. Dabei wollte sie nie Rocksängerin sein, hat eher die Oper bewundert, Maria Callas oder die "Mystische Lethargie", wie sie sagt der großen Jazzsängerinnen – doch sie selbst versprüht keine Lethargie – sie ist ein Bündel voller Freude und Wut. 

Ihre langen Bögen, musikalische Crescendi aus Blues und und Rock,  mit der Intensität des Punk  tragen die Zuschauer durch den Abend. Patti Smith' markante Stimme, mal schmeichelnd, mal heiser- wütend ist immer noch betörend,  beschwörend – man spürt ihr langes, auch zehrendes Musikerleben mit vielen Verlusten und Abschieden. Denn Patti Smith war eng befreundet mit Künstlern wie William Burrouhgs, Robert Mapplethorpe, oder auch Sam Shepard, dem sie gestern das Lied "Beneath the Southern Cross" gewidmet hat.

Politische Aktivistin

Patti Smith hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, seit den 70er Jahren. Und auch gestern gab sie sich ausgenommen politisch, nennt Ross und Reiter, in ihren Liedern und auch in ihren Ansagen während der Show. "We are in a Time of strife" sagte sie gestern, wir leben in einer Zeit des Streits, und erwähnte natürlich auch den bösartigen Präsidentendarsteller in ihrem Heimatland USA.  Doch während die Kriegstreiber dieser Welt immer lauter mit den Säbeln rasseln und Hass verbreiten, stellt Patti Smith eine praktische Utopie dagegen:  Ihre Ermutigung als Zugabe: "People have the Power" - Wir Menschen haben die Kraft, Dinge zu verändern!

Beeindruckend. Inspirierend. Mitreißend!

Geboten wurde gestern kein hohles Pathos  sondern eine gute Schaufel Leben - von einer Künstlerin, die Gemeinschaft stiftet durch ihre Musik, über Generationen hinweg. Nach dem Konzert, in der U Bahn war die Luft erfüllt von Gespräch, nicht nur Paare oder Freunde, auch wildfremde Menschen tauschten sich lebhaft aus über das Gehörte, eine solch gelöste, fröhliche Atmosphäre nach einem Konzert ist wirklich selten zu erleben. Viele waren gestern gekommen wegen einer Legende – und erlebt haben sie einen aufrechten, quicklebendigen  Menschen von 70 Jahren. Beeindruckend. Inspirierend. Mitreißend!

Holger Zimmer, kulturradio

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