Das Stück "Caligula" feiert am 29.09.2017 Premiere im Berliner Ensemble. (Quelle: Berliner Ensemble/Julian Röder)
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Berliner Ensemble - "Caligula"

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Es ist so weit: Das Berliner Ensemble startet mit seinem neuen Intendanten Oliver Reese in die Spielzeit. Antú Romero Nunes eröffnet den Inszenierungsreigen mit seiner Version von Albert Camus' Drama "Caligula".

Nach 18 Jahren am Berliner Ensemble musste sich Claus Peymann im Sommer vom Brecht-Theater am Schiffbauerdamm verabschieden – er tat es ungern und nicht, ohne seinen Nachfolger, den aus Frankfurt kommenden Oliver Reese, "eine Nummer zu klein" fürs BE zu schmähen. Mit drei Premieren startet das Haus unter Reese nun in die neue Spielzeit, die erste: Albert Camus' "Caligula" in der Regie des jungen Regisseurs Antú Romero Nunes.

"Caligula" ist der römische Tyrann, der sich frei macht von moralischen Werten und die Macht und Freiheit seines Amtes dazu missbraucht, willkürlich zu herrschen. Da mag man sogleich an manchen Diktator der heutigen Weltpolitik denken. Antú Romero Nunes transferiert das Stück aber zum Glück nicht mithilfe von Erdoğan-Videos und Trump-Tolle in die heutige Zeit – das würde dem scharfsinnigen, intellektuellen Denker Caligula nicht gerecht.

Die Inszenierung ist in keiner konkreten Zeit verankert, sie bildet keine realistische Welt ab, sondern eine abgehalfterte Zirkuswelt. Alle Figuren tragen schäbige Clownskostüme, treten in staubigen Pluderhosen oder im Harlekin-Anzug auf, mit weißer Schminke und rot verschmierten Lippen.

Zunächst stehen sie vor dem geschlossenen, samtroten Theatervorhang, bis der schließlich eine Bühne voller Nebel, Licht und Getöse freilegt. Ganz eindeutig: Hier wird gespielt – so wie Caligula (nicht das historische Vorbild, sondern die Figur in Camus' Stück) seine Regentschaft als Spiel begreift und die Menschen darin als gesichtslose Spielfiguren.

Wenn alles egal ist

Dieses erste Stück, das Camus mit 25 Jahren geschrieben hat, ist ein Gedankenspiel, ein Experiment, ein philosophisches Ideenstück, das man ohnehin schwer in eine realpolitische Welt überführen könnte. Als Caligulas Geliebte stirbt, fühlt er: "Die Welt, so wie sie gemacht ist, ist nicht zu ertragen." Die fundamentale Wahrheit für ihn bleibt: "Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich."

Aus dieser Gewissheit heraus, dass es keinen Sinn, auch keinen Überirdischen gibt, nimmt er sich die absolute Freiheit, über Leben und Tod zu regieren. Wenn alles egal ist, dann kann sich der Herrscher zum Gott erheben und tun, was er will.

Die Vertrauten in seinem Umfeld repräsentieren jeweils einen gegensätzlichen Standpunkt. Der wichtigste: Richtig, letztlich ergibt nichts einen Sinn – trotzdem muss man weiterleben und versuchen, glücklich zu sein. Caligula aber lebt seine Freiheit auf Kosten der Freiheit der anderen aus und wird so zum Verursacher von Unrecht und Unmenschlichkeit.

Berliner Ensemble: Caligula mit Constanze Becker; © Julian Röder
Constanze Becker (Caligula); © Julian Röder

Ein starker Auftritt

Nunes hat ihn mit der großen Constanze Becker besetzt, die nach Berlin zurückgekehrt und nun einer der Stars des BE-Ensembles ist. Ihr Geschlecht bleibt in der Inszenierung nebensächlich. Mit ihrer künstlichen Glatze und dem beigen Nachthemd, das sie trägt, sticht sie aus dem Clowns-Ensemble heraus. Sie wirkt geschlechtslos, androgyn, blass – manchmal wie ein Kind, dann wie ein uralter Greis. Etwas Hartes, Kaltes, Zynisches ist an ihr.

Ein starker Auftritt, als sie in einem roten Königsumhang regungslos, düster, majestätisch auf der Bühne im kalten Scheinwerferlicht dunkel und schwer Friedrich Holländers "Wenn ich mir was wünschen dürfte" singt – einer der seltenen Momente, in denen unter der Leblosigkeit eine Verzweiflung hervorsteigt und in dem zu spüren ist, dass hier etwas untergründig brodelt.

Die meiste Zeit aber deklamieren die Schauspieler, auch Constanze Becker, bewusst künstlich und pathetisch – ein Mittel, das den Zuschauer auf große Distanz hält. Nur selten wird es ironisch gebrochen.

Berliner Ensemble: Caligula mit Felix Rech (Cherea), Aljoscha Stadelmann (Helicon), Annika Meier (Patrizier), Patrick Güldenberg (Scipio), Constanze Becker (Caligula); © Julian Röder
Felix Rech, Aljoscha Stadelmann, Annika Meier, Patrick Güldenberg, Constanze Becker; © Felix Röder | Bild: Julian Röder

Die Figuren um Caligula mutieren zu grotesken Horror-Clowns, die sich mit viel Theaterblut niederstechen. Nichts als dumme Witzfiguren, die sich dem Tyrannen nicht in den Weg stellen – so wie wir dummen Clowns uns gefallen lassen, dass die Herrscher die Welt zunichte machen, zu nichts als einem Spiel machen.

Das Konzept ist deutlich. Nur führt es dazu, dass einen diese hilflosen, harmlosen Harlekins, die da so viel überkünstlich aufsagen, die weder psychologisch verstehbar sind, noch als philosophische Ideenträger taugen, wenig interessieren. Was sie sagen, zieht häufig an einem vorbei und regt weder zum Nachdenken noch zum Nachfühlen an.

Einzelne Bilder sind eindringlich

Nunes, eigentlich ein spielvernarrter, erfreulich uncooler Regisseur, setzt hier viel zu selten auf seine sonst so kindlich leichten, anrührenden Ideen und Interpretationen, die einen ins Herz treffen können. Einzelne Bilder sind trotzdem eindringlich: Etwa, wenn ein riesiges Kreuz von der Decke herabfährt, an dem ein Mädchen in gelbem Tutu Bachs "Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder" singt. Oder wenn Caligula seine Mätresse umbringt, indem er sie einen Herzluftballon aufpusten lässt, bis der in tausend Teile zerplatzt.

Am Ende liegt Caligula niedergestochen auf dem Cembalo, der Vorhang senkt sich, nur Constanze Beckers blutbeschmierter Kopf schaut die Zuschauer noch an und sagt: Caligula ist nicht tot. Von solchen prägnanten, unheimlichen Szenen hätte man sich noch viel mehr gewünscht.

Barbara Behrendt, kulturradio

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