Der kaukasische Kreidekreis mit Stefanie Reinsperger (Grusche Vachnadze); © Matthias Horn
Matthias Horn
Bild: Matthias Horn

Berliner Ensemble - "Der kaukasische Kreidekreis"

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Den dreiteiligen Eröffnungsreigen unter der neuen Intendanz von Oliver Reese schloss das Berliner Ensemble ausgerechnet mit Bertolt Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" ab – in der Regie des neuen Hausregisseurs Michael Thalheimer.

Dass Reese mit einem Brecht-Stück eröffnet, das auch bei Claus Peymann auf dem Spielplan stand, wirkt merkwürdig und alles andere als programmatisch. Schließlich wird der neue Intendant nicht müde zu erwähnen, dass er in dieser Spielzeit ganze 16 Premieren präsentieren wird – 13 von ihnen liegen Stücke von noch lebenden Autoren zugrunde. Nun aber Brecht, zwei Tage zuvor Camus – beide tot.

Reese will, so sagt er in Interviews, den Start mit Brecht als Verneigung vor diesem früheren Hausherrn verstanden wissen. Brecht hat sein Stück 1954 hier selbst uraufgeführt. Und Reese betont auch, dass im "Kreidekreis" hoch aktuelle Fragen gestellt würden – etwa: Wem gehört heute die Welt? Was ist Besitz? Was ist Eigentum? Nur: Genau diese Fragen interessieren Michael Thalheimer überhaupt nicht.

Eine Rahmenhandlung und eine Fabel

Brechts "Kaukasischer Kreidekreis" besteht aus einer Rahmenhandlung und einer Fabel, die innerhalb dieser Handlung erzählt wird. Die äußere Geschichte spielt in Zeiten der stalinistischen Bodenreformen – zwei Kolchosen streiten sich um ein Tal. Um die Frage nach rechtmäßigem Eigentum mit einer sozialistischen Musterlösung zu beantworten, erzählen ein Sänger und ein Musiker im Legendenstil vom "Kaukasischen Kreidekreis".

Der kaukasische Kreidekreis mit Stefanie Reinsperger (Grusche Vachnadze), Tilo Nest (Azdak) und Sina Martens (Natella Abaschwilli); © Matthias Horn
Stefanie Reinsperger (Grusche Vachnadze), Tilo Nest (Azdak), Sina Martens (Natella Abaschwilli); © Matthias Horn

Diese Legende berichtet von der Magd Grusche, die im Bürgerkrieg das Baby annimmt, das ihre eiskalte Herrin bei der Flucht liegenlässt, um mehr kostbare Kleider wegtragen zu können. Grusche muss viel Leid und Entbehrungen ertragen, um das Kind durchzubringen. Letztlich landet sie vor Gericht, weil die Herrin das Kind, und damit den rechtmäßigen Erben des Landes, zurückverlangt. Der Richter macht eine Probe – wer die Kraft hat, das Kind aus dem aufgemalten Kreidekreis zu sich zu ziehen, der soll die wahre Mutter sein. Weil Grusche dem Jungen nicht wehtun will und nicht gewaltsam an ihm zerrt, wird sie zur rechtmäßigen Mutter ernannt.

Für das Kolchosental in der Rahmenhandlung bedeutet das: Besitz wird nicht mehr durch Erbschaft bestimmt, sondern durch den sozialistischen Staat, der sich im Zweifelsfall als fürsorglicher erweist.

Über heutige Besitzverhältnisse, etwa, was unsere Daten im Internet betrifft, denkt der Dramaturg Bernd Stegemann zwar ausführlich im Programmheft nach – auf der Bühne gibt es aber keinen Bezug zur Gegenwart. Thalheimer hat die antikapitalistische Rahmenhandlung komplett gestrichen. Er entwirft mit den neun Schauspielern lieber seine großen, blutigen, altmeisterlichen Tableaus auf der schwarzen, ganz nackten Bühne und unterlegt sie mit düster-atmosphärischem Live-Gitarrenspiel.

Ein simpler Ansatz

Der neue Hausregisseur lässt allein das Rührstück der liebenden Ersatzmutter spielen und verzerrt die umstehenden Figuren zu tumben, grausigen Karikaturen, die sich mit viel Theaterblut übergießen – ein arg simpler Ansatz.

Das Happy-End verdunkelt er: Grusche bekommt das Kind am Ende zwar zugesprochen – ihr Liebster aber geht ihr verloren. Stefanie Reinsperger (keine 30 und im Jahr 2015 schon zur Schauspielerin des Jahres gewählt) spielt diese Grusche mit Heulen und Zähneklappern, aber auch mit animalischer Zärtlichkeit. Zum paukenschlagenden Thalheimer-Theater passen die grob gezeichneten Großgefühle.

Insgesamt hat der Eröffnungs-Dreiklang am Berliner Ensemble eher solide statt überzeugende Arbeiten präsentiert. Und mit Antú Romero Nunes und Michael Thalheimer auch zwei Regisseure, die man in Berlin am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne schon besser erlebt hat.

Auffällig ist, dass bisher, abgesehen von der Deutschen Erstaufführung des Stücks von Arne Lygre, wenig von dem "Neuen" und der "Gegenwart" zu spüren war, die Reese auf leuchtenden Werbeplakaten groß postuliert hat. Aufwändige Kostüme, viel Schminke, Clownsmasken, Blut, Musik, Nebel, Donner – das sind genau jene ästhetischen Mittel, die man vom BE unter Peymann kennt.

Als großes Pfund dieses Hauses hat sich vor allem sein neues Ensemble erwiesen. In den ersten Premieren haben sich so viele starke, vielseitige, energetische, charakterstarke Schauspieler vorgestellt, dass man allein deshalb gespannt auf die nächsten 13 Premieren sein kann. Die Spieler sind es, die dem nahe gelegene Deutschen Theater und der Schaubühne derzeit die größte Konkurrenz machen.

Barbara Behrendt, kulturradio

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