Berliner Ensemble: Nichts von mir © Julian Röder
Julian Röder
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Berliner Ensemble - "Nichts von mir"

Bewertung:

Mit der Deutschen Erstaufführung von "Nichts von mir", einem Stück des norwegischen Dramatikers Arne Lygre, geht die zweite Premiere im dreitägigen Eröffnungsreigen am Berliner Ensemble über die Bühne.

Dass der neue Intendant Oliver Reese ausgerechnet das Stück eines Autors an den Anfang stellt, der dem deutschen Publikum weitestgehend unbekannt ist, muss man als programmatisch verstehen: Reese will das BE zu einem Ort machen, an dem die Gegenwart mit gegenwärtigen Stoffen im Zentrum steht.

Nicht nur mit deutschsprachiger Dramatik, wie es sich das Deutsche Theater 300 Meter weiter auf die Fahnen geschrieben hat, sondern mit internationalen neuen Texten.

Arne Lygre ist einer der bekanntesten Dramatiker Norwegens, der in Deutschland bisher nur selten gespielt wird. Was auch daran liegt, dass sich seine Stücke nicht sofort  erschließen und schwer zu inszenieren sind, ähnlich wie die von Jon Fosse, dem noch bekannteren norwegischen Stückeschreiber.

Die Dramen spielen auf mehreren Zeitebenen

Lygre schreibt lakonisch, in sehr kurzen Sätzen, manchmal auch nur Halbsätzen. Er ist ein formstrenger Autor, der seine Sprache einsetzt wie in einer Partitur, jeder Satz besitzt einen eigenen Rhythmus, lässt jedoch viel Leere, Luft, auch spielerische Freiheit. Das muss ein Schauspieler erst einmal greifen und sprechen lernen. Die Figuren sind zunächst abstrakt, sie bauen eine Distanz zu ihrer Rolle auf und werden erst nach und nach konkret und psychologisch nahbar.

Und: Die Dramen spielen auf mehreren Zeitebenen. Das klingt kompliziert, die Stücke kommen jedoch ganz einfach, manchmal sogar banal daher – nur, weil sie auch emotional erschüttern können, fängt man an, genauer hinzuschauen, welche Mechanismen sprachlich greifen. Inhaltlich stellen die Texte zentrale, auch philosophische Fragen: Einsamkeit ist ein zentrales Thema bei Lygre, Trauer, Liebe, Verlust, Verrat – und der Versuch der Figuren, sich zu behaupten, zu überleben. 

Was liest Koležnik aus dem Text?

Im Zentrum von "Nichts von mir" steht eine Frau, die ihren Mann und ihren Sohn verlässt, um ein neues Leben mit einem Jüngeren zu beginnen. Sie will ihr altes Ich, so, wie sie in dieser Beziehung gesehen worden ist, ausradieren. "Nichts von mir" soll übrig bleiben, daher der Titel. Und auch der junge Mann möchte wieder "neu" gesehen werden. Doch natürlich lassen sich die Erinnerungen an früher nicht so einfach auslöschen, ebenso wenig wie die Menschen aus dieser Zeit – die Mütter kommen zu Besuch, der Ex-Mann, der Sohn, die alten Traumata steigen an die Oberfläche, die Zuschreibungen der anderen, wer man "wirklich" ist. Ausgangsfrage ist, ob man im Leben noch mal ganz neu anfangen kann, was das eigentlich ist: die eigene Identität. Und auch, was es bedeutet, sich einem Menschen in einer Liebesbeziehung komplett auszuliefern. Wie viel Machtmissbrauch und Eigennutz dabei im Spiel ist.

Spannende Fragen, die die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik schematisch angeht, in einer Versuchsanordnung, die man durchaus aus dem Text herauslesen kann. Die Bühne im Kleinen Haus ist als kühles, modernes Appartement spärlich möbliert. Hier vollführen drei identisch aussehende Frauen und drei identisch gekleidete Männer die immer selben Alltagshandlungen: Sie wischen den Tisch, sie gehen unter die Dusche, essen Trauben, lassen eine Schachtel mit Streichhölzern fallen, gehen zum Rauchen auf die Terrasse. Immer wieder, in Endlosschleife. Zwischen Mann und Frau gibt es an diesem Abend keine einzige Berührung, alle Handlung findet allein in der Sprache statt.

Berliner Ensemble: Nichts von mir © Julian Röder
© Julian Röder

Für diese Setzung steht Mateja Koležnik ein Star-Ensemble zur Verfügung: Die Frauen werden von Corinna Kirchhoff, Anne Ratte-Polle und Judith Engel gespielt, von denen jede eine durch und durch charakterstarke Ausstrahlung hat. Und auch die männlichen Figuren sind mit Martin Rentzsch, Gerrit Jansen und Owen Peter Read stark besetzt. Doch an dieser Stelle wird die Inszenierung ungenau – einerseits versuchen alle sechs möglichst identisch zu sprechen, andererseits schlägt vor allem Corinna Kirchhoff oft einen emotional höheren, auch komischeren Ton an.

Welches genaue Konzept hinter der Verdreifachung steckt, die man im postdramatischen Theater der letzten 20 Jahren schon mehr als genug auf der Bühne erlebt hat, leuchtet nicht komplett ein. Was liest Koležnik aus dem Text? Dass man sich selbst nicht entkommen kann?

Berliner Ensemble: Nichts von mir © Julian Röder
© Julian Röder | Bild: Julian Röder

Empfehlenswert

Unterhaltsam ist der knapp anderthalbstündige Abend also nicht – man muss schon sehr wach und konzentriert sein, um die Nuancen der Sätze zu hören und sich davon in Bann ziehen zu lassen. Sonst wirken die Alltagshandlungen, die nie zum Ziel führen, sondern nur zur nächsten Repetition, gemeinsam mit dem Text, der sich ebenfalls selten in einer konkreten Handlung entlädt, banal und ermüdend.

Der Abend ist unsinnlich, sperrig, spricht vorrangig den Kopf an. Trotzdem ist er zu empfehlen. Bleibt man aufmerksam, sacken die Worte immer tiefer und beunruhigen mehr und mehr – nachzulesen sind sie übrigens im Programmheft, dort ist das komplette Stück abgedruckt.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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