Berliner Ensemble: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas © Birgit Hupfeld
Birgit Hupfeld
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Berliner Ensemble - "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas"

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Der Titel täuscht. Das Stück entwirft keine politische Utopie für das geteilte Korea, sondern erzählt in 19 jeweils für sich stehenden Szenen von der Vergeblichkeit menschlicher Liebe. Oliver Reeses Inszenierung hatte 2015 in Frankfurt am Main Premiere und wird jetzt in den Spielplan des Berliner Ensembles übernommen.

Gespielt wird vor einer holzgetäfelten Wand mit sechs Türen, die wie ein Hotelflur oder ein Wartezimmer wirkt. Ein Wandelement kann umklappen und verschiedene Innenräume zeigen – das ist durchaus raffiniert, aber auch etwas beliebig. Wir erfahren wenig über das Wann und Wo. Irgendwie heutig soll das Geschehen sein, irgendwie angesiedelt in der westlichen Konsumgesellschaft, wo Menschen einsam wie Houellebecqs "Elementarteilchen" umhertreiben und schier verzweifeln über die Lieblosigkeit ihrer Umgebung.

Berliner Ensemble: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas © Birgit Hupfeld
© Birgit Hupfeld

Hervorragende Schauspieler

Nicht alle Szenen, die Joël Pommerat geschrieben hat, sind wirklich gut. Da Oliver Reese kaum etwas gestrichen hat, gibt es in der mehr als dreistündigen Inszenierung einige hölzerne Dialoge und vorhersehbare Wendungen konfrontiert. Es ist den hervorragenden Schauspielern zu verdanken, dass der Abend nicht in Langeweile versinkt.

Der erste große Auftritt gehört Corinna Kirchhoff. Sie spielt eine Frau, die sich von ihrem Mann scheiden lassen möchte und einer anonymen Beraterin den Grund erklärt. Ihr Mann sei ein guter Mensch, sagt sie, sie hätte gemeinsam mit ihm drei Kinder großgezogen und auch ein gemeinsames Hobby – doch es gebe keine Liebe zwischen ihnen. Der Satz sitzt wie ein Schlag in die Magengrube.

Corinna Kirchhof spricht ihn ganz schlicht, doch auf ihrem Gesicht ziehen die Hoffnungen und Enttäuschungen vieler Ehejahre vorüber. Auf die Frage, wie sich das Fehlen der Liebe denn äußern würde, antwortet sie trocken: "Es äußert sich überhaupt nicht." Komik und Tragik liegen nah beieinander. Der Gag birgt eine wichtige Botschaft des Stücks: Liebe kann man nicht beschreiben. Jeder versteht was anderes darunter, doch man spürt, ob sie da ist oder nicht.

Zwiespältig

In einer anderen Szene spielt Josefin Platt eine Mutter, die aus allen Wolken fällt, als ihr Sohn sich freiwillig zu einem Kriegseinsatz meldet. Sie beschimpft ihren Mann, weil er nichts dagegen tut. Muss sie den Jungen aus Liebe gehen lassen? Der Mann sagt ja, sie nein – es ist klar, dass die beiden nie wieder zusammen kommen werden.

Viele Szenen sind derart tragisch, dass man froh ist, wenn es auch mal heiter wird - zum Beispiel wenn eine Hochzeit gezeigt wird, die auf dem Standesamt platzt, weil sich herausstellt, dass der Bräutigam nicht nur die Braut, sondern auch ihre Schwestern geküsst hat. Die Szene beginnt ernst, wird dann aber immer absurder. Wie bei einer Boulevardkomödie, folgt eine Enthüllung auf die nächste – bis am Ende ohne einen ernst zu nehmenden Grund das Glück des Brautpaars in Scherben liegt.

In Oliver Reeses Regie gerät die Szene sehr komödiantisch – doch da zu sehr auf Oberflächenhumor gesetzt wird, wirken die Figuren flach. Die über weite Strecken gut gemachte Inszenierung hinterlässt einen zwiespältigen Gesamteindruck.

Oliver Kranz, kulturradio

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