Berliner Philharmoniker unter Daniele Gatti, © Promo
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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter Daniele Gatti

Bewertung:

Seit einem guten Jahr ist Daniele Gatti Chefdirigent des Concertgebouw-Orchesters in Amsterdam. Vor gut zwei Jahrzehnten debütierte er bei den Berliner Philharmonikern – immerhin ein kleines Jubiläumskonzert, das künstlerisch jedoch leider enttäuschte.

Es ist gerade einmal gut drei Wochen her, da gastierte Daniele Gatti mit seinem Concertgebouw-Orchester beim Musikfest Berlin, und man konnte bzw. musste mitverfolgen, wie er wenig glücklich an Anton Bruckners neunte Sinfonie heranging.

Das war da von einer quälenden Langatmigkeit und klanglichen Armut. Man konnte das Concertgebouw-Orchester, immerhin doch eines der besten der Welt, kaum wiedererkennen. Es gab viele schöne Konzerte beim Musikfest – dieses zählte jedoch nicht darunter.

Kunst gegen Machtpolitik

Bei seinem Philharmoniker-Gastspiel setzte Daniele Gatti ganz auf Sinfonisches, kein Solokonzert. Offensichtlich wollte er sich ausschließlich auf die Arbeit mit dem Orchester konzentrieren. Wohin er allerdings mit den Stücken von Hindemith und Brahms wollte, wurde nicht ganz klar. Komplett ratlos blieb man mit seiner Umsetzung von Paul Hindemiths Sinfonie „Mathis der Maler“.

Die Uraufführung hatten damals ebenfalls die Berliner Philharmoniker gespielt. Das Werk war entstanden, als Hindemith an seiner gleichnamigen Oper arbeitete über den Renaissancemaler Matthias Grünewald und enthält analog zu Grünewalds Biographie eine versteckte Botschaft. Die Sinfonie entstand 1933/34, als Hindemith bei den Nationalsozialisten längst in Misskredit gefallen war. Nicht lange danach wurde ein generelles Aufführungsverbot für Hindemiths Werke erlassen. Die Sinfonie wie die Oper enthalten die widerständige Botschaft, dass sich Kunst selbst gegen widrigste machtpolitische Verhältnisse letztlich durchsetzen kann.

Routinekunst

Nur scheint von dem Daniele Gatti nichts wissen zu wollen. Es dominiert phasenweise eine gewisse Nachlässigkeit. Sicher, die Philharmoniker spielen das natürlich mit Leichtigkeit, aber was will Gatti mit dem Stück sagen? Da hört man weder die schroffe Schnoddrigkeit, die es bei Hindemith immer mal wieder gibt, noch die Erhabenheit der hymnischen Episoden in den Blechbläsern.

In langsamen Satz finden sich einige traumhaft schöne Soli von Flöte und Oboe, aber das liegt eher daran, dass die Berliner Philharmoniker so großartige Solisten in ihren Reihen haben. Daniele Gatti hat das ordentlich runterdirigiert, sehr aufmerksam, sicher, aber ohne Botschaft. Diese Art von Routinekunst haben sicher weder Matthias Grünewald noch Paul Hindemith gemeint.

Brahms

Immerhin ungewöhnlicher klang die zweite Sinfonie von Johannes Brahms. Aber wollte Daniele Gatti das wirklich so haben? Weder Glanz noch pastellfarbene Gedeckheit – beides wäre bei Brahms vorstellbar – zeigten sich am Beginn, dafür eher Lethargie und Appetitlosigkeit, so öde, hölzern und zusammengesetzt klang das.

Das zweite Thema des Kopfsatzes – eigentlich berührend melancholisch – war hier so verdeckt, als wollte es sich verstecken. Und bei den Höhepunkten klang es so schwerfällig wie ein Schwerlasttransport auf der Autobahn.

Gefragt, aber überschätzt

Die Berliner Philharmoniker waren durchaus sehr engagiert bei der Sache. Fast kann man sagen: Sie haben leider so gespielt wie Daniele Gatti dirigiert hat. Dabei wurde hörbar intensiv an dem Werk gearbeitet. Man sah das auch richtig, wie der Dirigent fast jede Phrase vordirigierte, mal zu einer Gruppe, dann zur anderen. Ihm entging wirklich nichts. Nur leider war das Ergebnis kein großer Bogen, sondern eine ziemliche Kleinteiligkeit. Ergänzt durch eine Trägheit, hervorgerufen durch die viel zu dicke Streicherbesetzung und die verschleppten Tempi. Im langsamen Satz bekam man das Thema richtiggehend vorbuchstabiert.

Es ging auch anders: Immer dann, wenn Daniele Gatti nicht oder nur wenig dirigierte, wenn er also das Orchester mal vom Gängelband ließ, bekam die Musik eine erholsame Leichtigkeit. Die Steigerungen jedoch enthielten so viel falsches Pathos, das gerade bei Brahms problematisch ist. Viel Arbeit für ein Missverständnis. Man wundert sich: Gatti gehört zu den derzeit gefragtesten Dirigenten, wohl aber auch zu den überschätztesten.

Andreas Göbel, kulturradio

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