'Parallax' mit dem DSO im Kraftwerk © Peter Adamik
Peter Adamik
Bild: Peter Adamik

Kraftwerk Berlin - DSO unter Robin Ticciati und 'Berlin Atonal': "Parallax"

Bewertung:

Mit einer Parallelwelt-Metapher verbindet das DSO-Event "Parallax" im Berliner Kraftwerk (Tresor) etliche intergalaktisch angehauchte Werke mit einem Gruß an die Berliner Off-Szene. Gewiss will man auch neues Publikum umwerben.

Ein Aufbruchs-Signal des neuen Chefs Robin Ticciati ist es auch. Bei dem bald drei Stunden dauernden, pausenlosen Konzert wird eine andere Hörbereitschaft eingefordert. Es gibt hauptsächlich Stehplätze. Der Raum ist meist abgedunkelt oder in Trockeneis vernebelt. Acht Werke gibt es. Vier zu viel.

Monotonie und Bombast

Dabei sind hier sogar drei Uraufführungen mit elektronischer Musik dabei, wofür die drei Komponisten an den Mischpulten Platz genommen haben. Sehr ehrgeizig. Leider lässt der "parallaktische" Zweck der Übung alle drei Werke in die nämliche, mal wabernde, mal hallige, mal wummernde Sphärensoße einmünden.

Am Schlimmsten bei Valerio Tricoli: Weltraumschamott und Space-Quark vom Feinsten. Das steigert sich zu einem Star Trek-Gewitter ohne wesentlichen musikalischen Niederschlag. Auch Paul Jebanasam neigt in "Cyclomorphia" zu Kitschentladungen auf dem Raketenwege. Einzig Moritz von Oswalds Unterwasserhupen in "La Reminiscenza" finden einen selbstständigen Bezug zum Universum. Um dann dennoch in Monotonie und Bombast zu versinken.

'Parallax' mit dem DSO im Kraftwerk © Peter Adamik
'Parallax' mit dem DSO im Kraftwerk © Peter Adamik | Bild: Peter Adamik

Der Raum ist die Show

Beim E-Dur-Violinkonzert von Bach – angeblich mit Alina Ibragimova als Solistin – klingt’s wie die Rückkehr von "I Musici di Roma"; so sehr verschwimmen die Konturen unterm halligen Fettfilm. Die anderen Werke, darunter Charles Ives’ "Unanswered Question" und Ligetis "Atmosphères", hätte ich unter den akustischen Bedingungen beinahe nicht erkannt. Schließlich peitscht auch noch Debussys "La mer" wie eine Springflut drüber hin. Von Ticciati grandios, aber auch pompös dirigiert.

Der Raum ist die Show. Und der hat – in Gestalt der riesigen Party-Ruine – natürlich auch seinen Charme. Mit Suchscheinwerfern werden ordentlich Light-Effekte addiert. Die Leute sind sehr gemischt: von echtem DSO-Publikum bis zum mehrheitlich hippen Club-Gesindel; ich meine es lieb und möchte mich nicht ausnehmen. Neu ist der Raum für Berliner Klassik-Veranstaltungen eigentlich nicht (auch die Berliner Staatsoper und der Rundfunkchor waren schon hier). Er überwölbt das musikalische Ereignis. Und verschlingt es auch.

'Parallax' mit dem DSO im Kraftwerk © Peter Adamik
Robin Ticciati mit dem DSO im Kraftwerk © Peter Adamik

Event mit Education-Wert

Und Ticciati? Frisch vom Friseur, macht er auch in diesem Ambiente fabelhaft gute Figur. Angestrahlt werden (zumindest zu Anfang) das Gesicht, nicht die Hände. Typisch das sich über alle Zeitalter hinweg spreizende Repertoire. Was hybride erscheinen mag (nach dem Motto: Ich kann alles!). Und zugleich den Eindruck erweckt, es käme auch eigentlich nicht so drauf an. Bedenklich vor allem: die völlige Geschmacksunempfindlichkeit in Bezug auf neue Werke. Ich leugne den Education-Wert solcher Events nicht. Vom musikalischen Ergebnis her gesehen dennoch: Für die Katz!

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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