Deutsches Theater: Amerika mit Marcel Kohler, Ulrich Matthes, Regine Zimmermann, Frank Seppeler; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Amerika"

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Amerika – da kommt einem heute zuerst ein blonder, polternder Politiker in den Sinn. Dabei war Amerika jahrhundertelang: Sehnsuchtsort, Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der Freiheit, der Träume, der Weite.

Auch für Franz Kafka, der um 1912 ein Romanfragment entwarf, das in Amerika spielt. Am Deutschen Theater brachte nun der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek seine Fassung davon auf die Bühne. Viele Regisseure haben diesen Stoff schon fürs Theater bearbeitet. In den letzten zehn Jahren gab es landauf, landab sicher ein Dutzend Inszenierungen – dabei ist der Roman weit entfernt von einer aktuellen Amerika-Bestandsaufnahme.

Kafka ist nie in Amerika gewesen (genauso wenig wie Karl May übrigens). Er setzt die Einzelteile, die er recherchiert hat, so zusammen, wie er das für richtig hält: Bei ihm trägt die Freiheitsstaue ein Schwert in der Hand, San Francisco liegt an der Ostküste. Zwar ist es ungewöhnlich für den Autor, seinen Text überhaupt in einem realen Land zu verorten. Trotzdem steht Amerika hier für den irrealen Sehnsuchtsort der Europäer, das Draußen, in das man sich flüchten möchte.

Vom Millionär zum Tellerwäscher

Dieses Traumland entpuppt sich für die Hauptfigur Karl Roßmann zum Albtraumland – es ist die Verkehrung des amerikanischen Traums, die hier erzählt wird: Karls Entwicklung ist die vom Millionär zum Tellerwäscher, nicht umgekehrt. Ein einziges Scheitern – an den Verhältnissen, aber auch an den Menschen.

Karl ist ein 16-jähriger Deutscher, dessen Eltern ihn auf ein Schiff nach New York verfrachten, weil er zuhause das Dienstmädchen geschwängert hat. Ein naiver, unschuldiger Junge, der von der doppelt so alten Frau mehr oder weniger vergewaltigt worden ist. Er hat ein großes Gerechtigkeitsempfinden, will aber auch geliebt und in der Gesellschaft anerkannt werden. Und er gerät, typisch Kafka, völlig unverschuldet in die seltsamsten Glücksfälle und Katastrophen.

Schuldlos in Schwierigkeiten

Noch auf dem Schiff trifft er zufällig seinen reichen Onkel, von dem er herzlich aufgenommen und in die kapitalistische Welt der Selfmade-Men eingeführt wird. Weil er diesen Onkel aber, ebenfalls sehr zufällig, verärgert, steht er schnell wieder auf der Straße. Er lässt sich von zwei Gaunern ausnutzen, lernt dann eine Oberköchin in einem großen Hotel kennen, die ihm eine Stelle als Liftboy verschafft.

Karl ist fleißig und will es zu etwas bringen – doch schuldlos gerät er wieder in Schwierigkeiten und wird gefeuert. Letztlich landet er in der schrecklichen Wohnung einer monströsen Sängerin, wo er von seinen früheren Kumpanen als Diener gehalten und misshandelt wird.

Kafkas unverwechselbarer Ton

Kafka erzählt die Geschichte eines gutartigen jungen Menschen, der an den modernen Verhältnissen scheitert, weil er sie nicht versteht – das ist das zeitlos Aktuelle an diesem Stoff. Von Kafkas unverwechselbarem Ton ist auf der Bühne allerdings wenig zu hören. Der Roman wird ausschließlich aus Karls Perspektive erzählt – für die Bühne hat Pařízek das Fragment in Dialoge übersetzt. Das ist lebendiger, als wenn der Roman nur episch nacherzählt würde. Doch Karls Gedanken werden hier plötzlich Wirklichkeit in den Worten des Gegenübers – dabei geht der unheimliche Kafka-Sog verloren.

Marcel Kohler spielt Karl anrührend rechtschaffen, ein großes Kind, und lässt ihn immer mehr in die Verzweiflung driften. Das ist bedrückend zu beobachten. Uli Matthes, hier der Onkel und der sadistische Oberkellner, versetzt seinen Ton manches Mal mit feiner Ironie, sodass sich undurchschaubare Zwischenräume auftun. Die meiste Zeit jedoch wird recht brav und zäh mit Händen in den Taschen eine Station nach der anderen abgehakt – ohne, dass man wüsste, wozu. Und ohne, dass sich dieses irre Unbehagen einstellen würde, das man beim Lesen von Kafka-Texten empfinden kann.

An mehreren Stellen im Roman wird Karl auf seltsame Weise gequält – ungewiss, ob das der Realität oder den Bildern seiner Albträume entspricht. In einer kleinen Szene findet man das auf der Bühne wieder, wenn der viel kleinere Frank Seppeler den langen Marcel Kohler am Genick auf den Boden drückt, als wolle er ihm den Kopf abschlagen. Ansonsten sind Angstträume weit weg, man hangelt sich von Kapitel zu Kapitel, von Abstieg zu Abstieg.

Allein das Bühnenbild lässt eine kafkaeske Welt zumindest erahnen: Von dunklem Parkett begrenzte Wände stecken da zunächst einen engen, überschaubaren Raum ab. Umso länger Karl in Amerika ist, desto mehr Wände fallen in sich zusammen, desto mehr Freiheit gibt der Raum – doch diese Freiheit ist nichts als eine große Verlorenheit. Nichts als schwarze Bühne bis zur nächsten Wand, bis zur nächstgrößeren Zelle.

Ein utopischer Ort

Ganz am Ende brechen die letzten Wände ein – und wir befinden uns im "Naturtheater von Oklahoma", das Kafka womöglich tatsächlich als Romanende vorgesehen hat. Dieses Theater ist ein utopischer Ort, an dem jeder endlich das sein kann und darf, was er möchte. Unbegrenzte Möglichkeiten – vielleicht eine Metapher fürs Jenseits. Bei Pařízek singen die Schauspieler hier in Glitzerfummel und Engelsflügeln als Rockband mit Klavier, Gitarre und Trompete über den "schmerzlosen Selbstmord" ("Suicide is Painless").

Der Versuch eines großen absurden Finales. Doch die Szene bleibt seltsam unverbunden zu der spröden Ernsthaftigkeit, die vorher alles beherrscht hat. Hier tut sich kein irres Jenseits-Flirren auf – hier steht nach wie vor Uli Matthes mit Engelsperücke und bodenlangem Paillettenkleid vor dem Publikum und probt die Rockergeste.

Barbara Behrendt, kulturradio

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