DT/Kammerspiele: "It Can't Happen Here" mit Felix Goeser, Matze Pröllochs, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Camill Jammal, Michael Goldberg; © Arno Declair/DT
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Deutsches Theater | Kammerspiele - "It Can't Happen Here"

Bewertung:

Das haben wohl viele Menschen in Deutschland gedacht, als im November mit Donald Trump ein Kandidat mit populistischen und rassistischen Parolen zum US-Präsidenten gewählt wurde: "Das ist bei uns nicht möglich."

"Das ist bei uns nicht möglich" haben umgekehrt viele Amerikaner in den Dreißigerjahren gedacht, angesichts des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. Damals schrieb der Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis einen Roman mit diesem Titel, der zum Bestseller wurde. Er beschreibt, wie ein faschistischer Politiker in den Dreißigerjahren US-Präsident wird.

Nach der Wahl von Donald Trump hat der Roman in den USA und andernorts viel Aufmerksamkeit bekommen. In Deutschland ist eine Neuauflage erschienen. Und am Deutschen Theater hatte, unter dem englischen Titel "It Can't Happen Here", eine Theaterfassung Premiere. Inszeniert hat der junge Regisseur Christopher Rüping.

Der Roman wird entkernt

Die Inszenierung ist merkwürdig disparat, hat tolle Momente, aber auch peinliche. Stärken hat sie im Handwerklichen: Es sind gute Schauspieler zu sehen, das Timing stimmt, die Theatermittel werden gekonnt gesetzt, vor allem die Musik. Zwischendurch gleicht das Ganze einem Musical. Weniger gelungen ist zum Teil die inhaltliche Auseinandersetzung. Die Politiker werden am Ende zu Karikaturen überzeichnet.

Christopher Rüping, der als Regisseur eher für spielerische Neu- und Überschreibungen von Stoffen steht als für Werktreue, nimmt den Roman als Gerüst. Sechs Figuren bleiben in seiner entkernten Fassung übrig, die ein paar drastische Änderungen in der Handlung und den Figurenkonstellationen vornimmt.

Sprachlich hat der Abend nichts mehr mit Original zu tun. Das ist auch gut so, denn der Stil von Sinclair Lewis klingt heute doch ziemlich altmodisch, der Humor betulich.

Parolen der Neuen Rechten

Stattdessen gibt es Texte, die das Ensemble entwickelt hat. Die eine oder andere Parole der AfD oder der Neuen Rechten darf auch nicht fehlen, wenn es um die "Diktatur der Berufspolitiker" geht.

Die Bühne in den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist ziemlich leer. Ab und zu werden Podeste oder Tribünen aufgefahren. Dazu gibt es viel Nebel und – wie sich das in der politischen Arena gehört – gleißende Scheinwerfer.

Fünf Schauspieler stehen auf der Bühne, vier Männer, eine Frau. Und ein Schlagzeuger – Matze Pröllochs –, der essentiell ist.

Wahlparty mit Hot Dogs

Die Handlung setzt im Wahlkampf ein. Da ist ein jovialer Typ mit markigen Sprüchen, Buzz Windrip. Felix Goeser spielt ihn – sehr gekonnt mit seinen Wählern, also dem Publikum flirtend – als Kumpeltypen von nebenan, als vor Energie strotzenden Selfmade-Mann.

Er macht eigentlich keinen Wahlkampf, sondern veranstaltet eine Party: Mal wird gerappt. Mal ein New Wave Konzert aufgeführt. Mal ertönt Actionfilm-Musik. Es ist erschreckend, wie emotional man auf die Musik reagiert und wie groß ihr manipulatorisches Potenzial ist. Das spürt man hier am eigenen Leib. Für jede Situation wird das passende Gefühlsregister gezogen.

Idealismus gegen Pragmatismus

Dazu kommen andere Charme-Offensiven. Die Zuschauer werden – als Buzz Windrip die Wahl gewinnt – zu Hot Dogs und Limo eingeladen. In der Zwischenzeit verhängt der Chefstratege den Notstand und lässt 126 Abgeordnete verhaften.

Hauptfigur des Romans ist der Journalist Doremus Jessup, der kritisch über die aufkommende Diktatur berichtet. Im Buch ist er ein klassischer Bildungsbürger in seinen Fünfzigern. Hier, bei Camill Jammal, ist er ein jüngerer Mann. Und vor allem ist die Beziehung zu seiner Tochter eine andere. Im Buch sind sie ein Herz und eine Seele. Hier diskutieren sie über die richtige Art des Widerstands. Er glaubt, auch als er im Arbeitslager gefoltert wird, noch daran, andere mit Argumenten überzeugen zu können. Sie dagegen horcht Funktionäre aus und denkt über ein Attentat nach. Die Frage, wann der Zweck die Mittel heiligt, ist interessant. Aber dieser Konflikt – zwischen Idealismus und Pragmatismus – wird nicht richtig ausgetragen.

Politiker als Kasperlefiguren

Die Politiker werden im Laufe des Abends zunehmend zu Kasperlefiguren degradiert. Buzz Windrip, der im Wahlkampf noch so jovial war, wird als Präsident schnell paranoid. Und sein kluger Chefstratege – Lee Sarason – wird, nachdem er sich an die Macht geputscht hat, verrückt. Inszeniert sich als römischer Kaiser, mit Tunika und Bärenfell.

Im Buch kommt das teilweise auch vor, hier aber wird es deutlich überspitzt. Die Botschaft ist hier: Wer an die Macht kommt, dreht durch. Das ist nicht nur zu simpel, sondern auch fast schon gefährlich und dem Populismus, den man eigentlich anprangern will, nicht unähnlich.

Es gibt ein paar interessante Irritationen: Am Anfang fordert Camill Jammal, der den Journalisten spielt, die Zuschauer auf, demonstrieren zu gehen und sich dem Rechtspopulismus entgegen zu stellen. Man denkt an die kommende Bundestagswahl. Plötzlich merkt man: Es geht um die Dreißigerjahre in den USA. Dieses Hin- und Herspringen zeigt, dass der Spruch "It can't happen here" nie und nirgendwo stimmt. Es kann immer und überall passieren, dass sich eine Demokratie abschafft. Das sind interessante Momente.

Ansonsten aber bleibt es nette Unterhaltung. Über Politik muss man dabei nicht wirklich nachdenken.

Mounia Meiborg, kulturradio

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