Robin Ticciati dirigiert das DSO; © Kai Bienert
Kai Bienert
Bild: Kai Bienert

Philharmonie Berlin, Großer Saal - Deutsches Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Robin Ticciati

Robin Ticciati führt elegant, fließend, natürlich und mit einzelnen kleinen Akzenten durch sien Antrittskonzert. Etwas mehr Mut zur Hässlichkeit im Chaos des Anfangs oder auch mehr Mut zum Innehalten und Kontrastieren hätte nicht geschadet.

Das Programm des neuen Chefs zu seinem Antritt ruft uns entgegen: Aufbruch, Neuschöpfung! Bei Rébels für das 18. Jahrhundert avantgardistischer Sinfonie entsteht aus dem genau kalkulierten Chaos Kultur, die natürlich diejenige des höfischen Tanzes ist.

Elegant, fließend, natürlich

Eigentlich braucht man dafür überhaupt keinen Dirigenten, Ticciati führt so durch das Werk wie den ganzen Abend: elegant, fließend, natürlich, mit einzelnen kleinen Akzenten. Etwas mehr Mut zur Hässlichkeit im Chaos des Anfangs oder auch mehr Mut zum Innehalten und Kontrastieren, das blieb auch im weiteren Verlauf ein Thema.

Thomas Larcher: Alles Außenhülle

Über den seitenlangen Vorschlusslorbeeren für Ticciati im Programmheft vergaß man offenbar, etwas zum Komponisten Thomas Larcher mitzuteilen. So greift man dann auf Wikipedia zurück, wo Larcher als einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten Österreichs verzeichnet ist. Man möchte es nicht hoffen. Larcher kann sehr gekonnt mit einem rieisigen Orchesterapparat (10 Minuten Umbaupause nach Rébel waren erforderlich …) umgehen.

Seine 2. Sinfonie (eine erste gibt es eigenartiger Weise nicht) ist mit "Kenotaph" untertitelt, leeres Grabmal, im Programmheft wurde angedeutet, es könne sich auf die Flüchtlinge im Mittelmeer beziehen, die ohne Grab bleiben. Die dafür aufgebotene Musiksprache ist rückwärts gewandt, erwartbar, auf direkte Wirkung angelegt. Sie bleibt aber letztlich so hohl wie ein Kenotaph. Alles Außenhülle.

Kunst fängt da an, wo auch innerlich bewegt wird, alles andere ist Behauptung. Das DSO spielt brilliant, Ticciati leitet umsichtig und genau durch die Orchestergewalten. Man möchte hoffen, dass solche Art zeitgenössische Kunst nicht zur regelmäßigen Kost in diesem Bereich wird.

Dynamik und Klangwirkung

Dann der Klassiker "Also sprach Zarathustra". Auch hier war Ticciati an organischen Verläufen interessiert, auch an aufs äußerste gesteigerter Dynamik und Klangwirkung. Klar, dass das DSO das herrlich kann. Die inneren Konflikte des Stückes, auch seine Ironie und ja, sein Humor, blieben unterbelichtet. Nur als Beispiel: die Fuge, die für "Wissenschaft" stehen soll, grummelt unverständlich in der Tiefe, sie ist nichts herrliche Positives. Doppelter Boden ist nicht Ticciatis Ding.

Es wird spannend, ob die gemeinsame Arbeit auch zu mehr Tiefe und Komplexität führen wird.

Clemens Goldberg, kulturradio

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