Anne Teresa De Keersmaeker tanzt im Rahmen des "Fous de Danse" der Berliner Volksbühne auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. (Quelle: rbb/Fabian Wallmeier)
rbb/Fabian Wallmeier
Bild: rbb/Fabian Wallmeier Download (mp3, 5 MB)

Volksbühne | Flughafen Tempelhof - "Fous de danse"

Bewertung:

Saisonauftakt der Volksbühne unter Chris Dercon in Tempelhof

Selten ist so heftig über einen Leitungswechsel an einem Berliner Theater gestritten worden, wie jetzt über den an der Volksbühne. Der neue Intendant Chris Dercon wolle das Haus zum Eventschuppen machen, sagen seine Gegner. Sie fordern in einer Petition den Erhalt der Volksbühne als Repertoiretheater und haben schon 40.000 Unterschriften gesammelt. Nun fand auf dem Flughafen Tempelhof das Spielzeiteröffnungsfest der Volksbühne statt. Der Choreograf Boris Charmatz organisierte unter dem Titel "Fous des Danse" ein zehnstündiges Programm.

Umsonst und draußen kommt immer gut. Chris Dercon möchte endlich aus der Rolle des Buhmanns herauskommen, der das traditionsreiche Theater zerstört. Sein Spielzeiteröffnungsfest war eine große Geste, der Versuch, symbolisch die ganze Stadt zu umarmen. Doch "Fous de danse (Verrückt nach Tanz)" kann auch ganz anders gedeutet werden. Am bisherigen Sprechtheater Volksbühne spielt nun Tanz die wichtigste Rolle. Großveranstaltungen werden nicht mit dem eigenen Ensemble bestritten, sondern mit eingekauften Gaststars.

Ein Volksfest

Der Franzose Boris Charmatz ist als kluger Kopf und erfolgreicher Choreograf bekannt. Internationale Festivals reißen sich um ihn. In Berlin hat er zuletzt das Open-Air-Event "20 Dancers for the XX Century" am Treptower Ehrenmal inszeniert. Für das Saison-Eröffnungsfest von Chris Dercons Volksbühne hat er sich erstaunlich wenig einfallen lassen. Geboten wurde ein Volksfest, bei dem das Publikum eingeladen wurde mitzutanzen. Es traten viele Amateurgruppen auf und nur wenige professionelle Tänzer. Die Qualität der einzelnen Darbietungen war entsprechend unterschiedlich.

Das Programm sollte Chris Dercons Ziel unterstreichen, die Volksbühne zu einer Bühne für alle zu machen – für HipHop-Kids und türkische Folkloretänzer, für Ballettschülerinnen und Künstler der freien Szene – "Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof". Große Worte. In der Realität wirkte die Menschenmenge, die sich auf dem betonierten Platz vor dem Flughafengebäude eingefunden hatte, überschaubar. Dercons Gegner und Freunde eines politisch engagierten Theaters waren nicht gekommen, Freunde und Bekannte der auftretenden Gruppen hingegen schon – Tanzbegeisterte, Anwohner, Parkbesucher – United Colours of Chris Dercon.

Die Sonne schien. Die Stimmung war entspannt. Boris Charmatz, der mit den Besuchern Bewegungen aus seinen Choreografien einstudierte, musste sich nicht anstrengen, um die Menschen zum Mitmachen zu animieren. Doch die Harmonie, die beim Fest vorgeführt wurde, war sehr weit weg von der gesellschaftlichen Realität. Auf dem Flughafen Tempelhof sind immer noch Flüchtlinge untergebracht, in den umliegenden Wohngebieten schreitet die Gentrifizierung voran. Nichts davon war bei "Fous de danse" zu spüren. Eine vertane Chance.

Ein schwacher Start

Das Wischiwaschi-Motto "Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof" wurde nicht weiter präzisiert, für künstlerische Qualität sorgten vor allem die Profitänzer. Brit Rodemund und Christopher Roman führten eine kurze Choreografie von William Forsythe auf – "Catalogue (First Edition)" – so konzentriert und präzise, dass es einem fast den Atem verschlug. Anne Teresa de Keersmaeker tanzte zu einer minimalistischen Komposition von Steve Reich, Ruth Childs rekonstruierte Aufführungen ihrer Tante Lucinda Childs, die in den Siebzigerjahren die Tanzszene revolutionierte. Doch diese Kurzauftritte konnte man im Rahmen des zehnstündigen Gesamtprogramms leicht übersehen. Es gab viel DJ-Musik, zu der das Publikum tanzen konnte, aber wenig gedankliche Substanz.

Natürlich muss bei einem Fest gefeiert werden, doch zum Spielzeitauftakt soll auch zu sehen sein, wo ein Theater hin will. Die neue Volksbühne bleibt unverbindlich – für Chris Dercon ein schwacher Start…

Oliver Kranz, kulturradio

Weitere Rezensionen

La Bettleropera, © Matthias Heyde
Neuköllnische Oper, © Matthias Heyde

Neuköllner Oper - La BETTLEROPERa

Sicherlich stellt die Verballhornung von John Gays "Bettleroper" zu "La BETTLEROPERa" (O Graus!) den Versuch dar, der Händel-Travestie einen italienischen Drill und Dreh zu geben.
Zugleich haben wir es mit einer Jubiläumsproduktion zu "40 Jahre Neuköllner Oper" zu tun. Mitbegründer Winfried Radeke hatte schon 1986 eine eigene Version der "Beggar’s Opera" vorgestellt.

Bewertung:
Szenenfoto: Sunset Boulevard - Staatstheater Cottbus
Marlies Kross

Musical nach dem Film von Billy Wilder - Staatstheater Cottbus: "Sunset Boulevard"

Das Staatstheater Cottbus hat sich in den letzten Jahren eine
Musicaltradition aufgebaut. Die Spielzeit wurde mit  "Sugar" ("Manche
mögen's heiß") eröffnet, jetzt wird nachgelegt. Martin Seiffert, der
auch schon bei "Sugar" Regie führte, hat Andrew Lloyd Webbers "Sunset
Boulevard" inszeniert. Und wieder gab es stehende Ovationen…

Bewertung:
Pelléas et Mélisande, © Monika Rittershaus
Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin - "Pelléas et Mélisande"

Um das Positive vorwegzuschicken: Barrie Kosky hat sein Haus lässig genug im Griff, um ein recht langes, nein: ein recht sehr langes Stücke in einen anscheinenden Premieren-Erfolg zu verwandeln.

Bewertung: