"Das Wasser im Meer"; © HL Böhme
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Hans Otto Theater - Christoph Nußbaumeder: "Das Wasser im Meer"

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Sein viel zu enges Familienfest-Korsett wird dem Abend zum Problem.

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater ist mit einer Deutschen Erstaufführung in die letzte Spielzeit unter Intendant Tobias Wellemeyer gestartet: Stefan Otteni inszeniert Christoph Nußbaumeders Stück "Das Wasser im Meer". Der assoziative, etwas kryptische Titel bezieht sich auf ein Buch, das die jüngste Tochter im Stück geschrieben hat: "Wir sind wie das Wasser im Meer und treiben ruhelos umher. Wenn wir einst vergehen, treiben wir als Wolken weiter, kein Halt ist uns vergönnt." Sinnbildlich steht das für die heimatlosen, verlorenen Menschen in diesem psychologischen Familiendrama.

Zu Fuß zurück in die Heimat

Im Zentrum steht der Patriarch Stefan Riedl, ein Witwer, der seinen drei Töchtern plus Anhang (falls vorhanden) an seinem 80. Geburtstag einen Entschluss mitteilt: Er will zu Fuß zurück in seine alte Heimat Böhmen gehen, 400 Kilometer, und dort sterben und begraben werden. Wer ihn begleitet, soll den größten Teil des Erbes bekommen. Dieser Entschluss löst die große Frage in der Familie aus: Was ist Heimat? Sehnsuchtsort der Kindheit? Oder der Ort, an dem man den größten Teil des Lebens verbracht hat? Die Töchter fangen daraufhin an, nach der Vergangenheit zu fragen: Was ist damals bei der Flucht passiert? Was hat der Vater in den ersten Jahren in Westdeutschland durchlitten? War sein Vater tatsächlich Mitglied der SS, wie die jüngste Tochter auf eigene Faust recherchiert hat?

Das Wohnzimmer verwandelt sich zum Schlachtfeld

Diese Grundkonstellation kennt man sowohl von Lars von Trier als auch von Tracy Letts nur zu gut: Bei einer Familienfeier werden dunkle Geheimnisse gelüftet, das Wohnzimmer verwandelt sich zum Schlachtfeld. Doch dieses viel zu enge Familienfest-Korsett wird dem Abend zum Problem. Welche Figur auch immer die Bühne betritt, man spürt sofort: Der Firnis unter ihr ist dünn – nach ein paar Flaschen Wein und zerschlagenem Porzellan wird sich der Boden auftun.

Und so kommt es auch: Da ist der Vater, der nicht nur Opfer und Vertriebener ist, sondern seine Töchter in die Leben gezwungen hat, die sie heute führen; der Ehemann der ältesten Tochter, der lieber die mittlere gehabt hätte; der vermeintlich neue Freund der mittleren, den die allerdings dafür bezahlt, dass er ihrem Vater beim Fest ein glückliches Privatleben vortäuscht – dieser Freund ist wiederum ein alter Bekannter der ältesten Tochter, der ihr erzählt, dass das 80jährige Geburtstagskind damals ihren mittellosen Freund bestochen hat, damit der sich aus dem Leben der Tochter und des gemeinsamen Kindes heraushält. Der Enkel ist Rassist – und auch Opa wettert gern mal gegen die Flüchtlinge in der Turnhalle des Dorfes, vor denen man besser die Türen abschließt. Auf der Bühne fließt viel Alkohol an der obligatorischen weißen Festtafel, am Ende auch Blut.

"Das Wasser im Meer"; © HL Böhme
"Das Wasser im Meer"; © HL Böhme | Bild: HL Böhme/Hans Otto Theater

Ein treffendes Angstszenario

Stefan Otteni hat aber auch ein poetisches Bild gefunden, das über die realistische Zimmerschlacht hinausgeht. Auf der Drehbühne steht ein großer Quader, darinnen karge Stockbetten, dicht gereiht. In einem liegt der Patriarch und wälzt sich von Albträumen an die Vertreibung geplagt hin und her. Ein kleiner Junge schleicht herum, der Alte will ihn berühren – der huscht davon wie ein Geist im Morgengrauen. Später: Flüchtlinge von heute, als Schwarz-Weiß-Projektion ins Innere des Würfels projiziert, sie drängen sich in die Ecke als fürchteten sie die Deportation. Ein treffendes Angstszenario aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs und der heutigen Flucht, eine nur im Zwischenreich angedeutete Vermischung der Generationen.

Zwischen Abscheu und Mitleid

Bernd Geiling spielt den im Zentrum stehenden Patriarchen wunderbar gebrochen: ein schmerzverzerrter, alter Mann, der von seinen Erinnerungen schrecklich heimgesucht wird – aber mit einem Unverständnis und einer Brutalität seinen Mitmenschen gegenüber agiert, dass man zwischen Abscheu und Mitleid schwer entscheiden kann. Wenn er die am Ende totgeschlagene Katze, das einzige Lebewesen, das ihm nahe stand, wie ein kleiner Junge unters Jackett packt und mit leisem Wimmern ins Lager-Bett trägt, ist das todtraurig.

Nußbaumeder ist so geschickt, sich nur langsam über den individuellen Begriff von Familie, Heimat und Zugehörigkeit und über den der deutschen Vergangenheit zur Frage vorzuarbeiten, was Flüchtlinge der Gegenwart wohl verloren haben müssen, wenn sie in Europa ankommen.

Auf die überfrachtete, ermüdende Struktur des Familienfeier-Kammerspiels hätte man da gut verzichten können.

Barbara Behrendt, kulturradio

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