Konzerthaus Berlin: Saisoneröffnung, Cameron Carpenter © Oliver Lang
Bild: Oliver Lang

Konzerthaus Berlin - Konzert zur Saisoneröffnung mit Cameron Carpenter als Artist in Residence

Bewertung:

Zum Auftakt seiner letzten Saison als Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin gönnte sich Iván Fischer die Fünfte von Mahler. Einen Appetithappen gab es mit dem neuen Artist in Residence, dem Organisten Cameron Carpenter.

Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann liebt offensichtlich das Ausgefallene und Auffällige. In der letzten Saison war es die flippige Geigerin Patricia Kopatchinskaja als Artist in Residence, jetzt also Cameron Carpenter – der diesmal durch Zurückhaltung überraschte: ganz in Schwarz gekleidet, sich höflich und bescheiden für den Beifall bedankend.

Das Verrückte ist ohnehin eher sein Instrument: seine "International Touring Organ". Auf der Bühne steht ein schwarzer Kasten mit fünf Manualen, Pedalen und unzähligen Registern. Es gibt allerdings keine einzige Orgelpfeife. Alles ist digital; die Klänge sind gesampelt. Dafür stehen darüber im ersten Rang bestimmt an die zwanzig Riesenlautsprecher. Ein einigermaßen futuristischer Anblick, rot und blau angestrahlt. Ein bisschen optischer Kitsch muss wohl sein.

Konzerthaus Berlin: Saisoneröffnung, Cameron Carpenter © Oliver Lang
Cameron Carpenter © Oliver Lang | Bild: Oliver Lang

Appetithappen

Diese virtuelle Orgel klang mal erstaunlich traditionell, dann wieder in einer Mischung aus Kinoorgel und Rummelplatzbeschallung. Cameron Carpenter fing an mit einem frühen Präludium mit Fuge von Johann Sebastian Bach. Das passt ganz gut. Gerade in seinen jungen Jahren war Bach ein wilder und virtuoser Organist. Das ist Carpenter genauso, nur spielt er das Stück viel zu schnell herunter, routiniert und auch ein bisschen schludrig.

Das Adagietto aus Gustav Mahlers fünfter Sinfonie präsentiert er in einer eigenen Orgelbearbeitung. Das ist ein permanentes An- und Abschwellen; man erkennt es kaum wieder. Das Beste ist die Zugabe: die Gigue aus der Französischen Suite in G-Dur von Bach, im Original für Cembalo, in seiner tänzerischen Dreistimmigkeit gut auf der Orgel darstellbar und sehr trennscharf umgesetzt. Alles ganz nett, aber diese halbe Stunde war gerade mal ein Appetithappen von dem, was Cameron Carpenter kann. Auf dieses bisschen hätte man irgendwie auch verzichten können.

Hollywood und Tränendrüse

Wer die fünfte Sinfonie von Gustav Mahler auf das Programm setzt, sollte eine Idee haben, wohin er mit diesem Großwerk möchte. Bei Iván Fischer blieb es in Andeutungen stecken. Die ersten beiden Sätze, zusammen die erste Abteilung, waren das Beste dieser Aufführung. Da konnte das Orchester richtig aufdrehen und eine massive Klangpracht entfalten.

Sicher, das war oft deutlich zu laut, sehr saftig, etwas Hollywood-Hochglanz, ein Seufzen und Schwelgen, leider auch zu oberflächlich, zu viel Druck auf die Tränendrüse. Nichts gegen das Gefühl, einen akustischen schweren Rotwein zu genießen. Ja, man hat gerne zugehört und es vorüberziehen lassen, aber für Maher war das etwas zu wenig.

Offene Wünsche

Wo blieb hier die zweite Ebene? Mahler schreibt eine Musik, die Abschied nimmt vom 19. Jahrhundert, von der Romantik, der Idylle, der Walzerseligkeit, auch vom ungetrübten Triumphgetöse. Das gibt es nur noch als Zitat, als Verzerrung, als Karikatur. Man muss es wiedererkennen, aber gleichzeitig das Gefühl haben, dass da was nicht stimmt.

War die Umsetzung am Beginn einfach zu direkt, zu sehr romantisch und verkitscht, wurde es danach leider nicht viel besser. Im Scherzo fehlte der Spannungsbogen, das war zäh und langatmig. Das Adagietto war verschleppt, ein ätherisches Nichts. Und im Finale schien das Orchester ziemlich außer Puste zu sein, es entstand der Eindruck der Erschöpfung. Es trat auf der Stelle, wirkte mitunter wie ein Überdurchlauf, Takt für Takt für Takt. Da sind viele Wünsche offengeblieben.

Konzerthaus Berlin: Saisoneröffnung, Iván Fischer © Marco Borggreve
Iván Fischer © Marco Borggreve | Bild: Marco Borggreve

Wo bleibt der Nachfolger?

Es ist dies die letzte Saison von Iván Fischer als Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. Am Beginn seiner Amtszeit verströmte Fischer Begeisterung. Da war eine Aufbruchsstimmung spürbar, ein Ausprobieren und Entwickeln, das Orchester schien buchstäblich von Konzert zu Konzert besser zu werden. Zuletzt schien das Orchester wieder mehr zu stagnieren. Sicher gab es zahlreiche gelungene Konzerte, aber gerade solche sinfonische Brocken, die Fischer gerne zur Saisoneröffnung auf das Programm setzt, konnte zuletzt nicht überzeugen.

Da war vor zwei Jahren die Siebte von Mahler ebenso langatmig, letztes Jahr die Siebte von Bruckner an der Grenze des Indiskutablen. Und so gab es einige Konzerterlebnisse, in denen man das Gefühl des nur Halbfertigen hatte. Sicher, Iván Fischer wird diese seine letzte Saison solide zu Ende bringen. Aber es wird Zeit für einen neuen Namen als sein Nachfolger. Eile ist geboten, die Vorläufe sind lang, Handeln ist angesagt. Vor allem, um wieder ein bisschen Aufbruchsstimmung in das Orchester zu tragen.

Andreas Göbel, kulturradio

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