"Roma Armee"; © Ute Langkafel
Ute Langkafel/Maxim Gorki Theater
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Maxim Gorki Theater - Yael Ronen & Ensemble: "Roma Armee"

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Mag sein, dass es einen derart aggressiven, politisch aktivistischen Selbstermächtigungsabend gegen Antiziganismus gebraucht hat, um die eigene Community zu stärken. Beim militanten Ton, mit dem hier allerdings ans eigene Volk appelliert und gegen alle Nicht-Roma gewettert wird, kann einem aber durchaus mulmig werden.

Die israelische Erfolgsregisseurin Yael Ronen hat keine Angst vor Konflikten, im Gegenteil: Im Theater gilt sie als Fachfrau für globale Krisenthemen. Sie hat mit Deutschen, Israelis und Palästinensern ein Stück über die dritte Generation nach dem Holocaust entwickelt; sie hat mit Bosniern, Serben und Kroaten einen Rechercheabend über die Jugoslawien-Kriege inszeniert und mit Juden und Moslems eine Arbeit über den Nahen Osten vorgelegt. Bierernst geht es darin nie zu – sondern bitterböse und pointenreich. Am Maxim Gorki Theater hat Ronen die Saison nun mit einem neuen Stück eröffnet: In "Roma Armee" stehen hauptsächlich Roma aus ganz Europa auf der Bühne.

Ein Abend der Selbstermächtigung

Nicht nur der Titel klingt militant, auch der Abend spielt mit Armee-Bildern, selbst auf dem Programmheft ist eine Schauspielerin als sexy Soldatin mit Pistole und Patronengürtel in Szene gesetzt. Die "Roma Armee" ist die Eingreiftruppe, die die mitspielenden Rom und Romnija aus Österreich, Serbien, Rumänien, England und Schweden mit allen Roma "da draußen" aufbauen wollen, um sich gegen den Antiziganismus in ganz Europa zur Wehr zu setzen. Es ist, wie die Intendantin Shermin Langhoff angekündigt hat, ein reiner "Empowermen"“-Abend, ein Abend der Selbstermächtigung.

Kämpferische Songs im "Kusturica-Style"

Ronen greift zu ihren altbewährten Mitteln – statt stringenter Geschichte über Revolution und Rebellion startet sie eine Nummern-Revue, die auch als Musical durchgehen könnte, so häufig werden heißblütige Chansons, pathetische Duette, kämpferische Songs im "Kusturica-Style" voller Leidenschaft und Spielfreude ins Publikum geschmettert.

Mal erzählen die Schauspieler autobiografisch davon, was es heißt, heutzutage Roma zu sein – erschütternde Berichte über Beschimpfungen, die in einer Hexenjagd enden, Scham, Schmutz, Armut, Demütigungen. Dann folgt der ironische Bruch mit allen Klischees und Stereotypen, hinüber in eine queere Castingshow, bei der die knappen, hautengen, sexy Outfits der Künstlerin Delaine Le Bas halbironisch vorgeführt werden – in einem bunten, psychedelischen Bühnenbild von Delaine und Damian Le Bas, das an eine Mischung aus Wimmelbild und Keith-Haring-Kunst erinnert.

"Roma Armee"; © Ute Langkafel
"Roma Armee"; © Ute Langkafel | Bild: Ute Langkafel/Maxim Gorki Theater

Stolz, kämpferisch, wütend

Stolz, kämpferisch, wütend treten die Spieler auf – flankiert von den beiden Nicht-Roma Orit Nahmias und Mehmet Atesci, die damit kokettieren, wie schwer es ihnen fällt, den Roma die Bühne zu überlassen. Aber bei allen ironischen Brüchen steht doch das ernste, harte politische Anliegen im Zentrum. Ronens Pointen, Songs und Auflockerungen wirken wie eine ästhetische Folie, die über der Inszenierung liegt, statt dass der Abend daraus hervorginge.

Stellenweise fragwürdige Texte

Die Texte, die mitunter von den Spielern selbst stammen, sind politisch motiviert – und in ihrem radikalen Kampfesgeist doch zumindest stellenweise fragwürdig. Wenn Sandra Selimovic, die sogar als Urheberin der Idee zu diesem Abend ausgewiesen wird, als Anführerin der "Roma Armee Fraktion" auftritt, mit Waffe und Patronengürtel ganz ernst zu "ihrem Volk" spricht, kann es einen schaudern: "Die Roma-Revolution ist der Kampf der Nicht-Weißen dieser Erde gegen ihre Unterdrücker. Europa ist die letzte Festung der Vorherrschaft der Weißen. Die Roma-Revolution wird über Europa hinwegfegen wie ein tobender Waldbrand. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bevor Europa selbst von den Roma-Flammen verschlungen wird."

"Roma Armee"; © Ute Langkafel
"Roma Armee"; © Ute Langkafel

Sentimentalere Erbauungsreden

Gegen Ende kippt der Nationalstolz dann in immer sentimentalere Erbauungsreden, die an esoterische Selbsterfahrungskurse denken lassen. Mag sein, dass es einen derart aggressiven, politisch aktivistischen Selbstermächtigungsabend gegen Antiziganismus gebraucht hat, um die eigene Community zu stärken. Die Diskriminierung der Roma ist schrecklich, sie dauert bis heute an – dieser Abend soll helfen, das zu ändern. Beim militanten Ton, mit dem hier allerdings ans eigene Volk appelliert und gegen alle Ganjés, also alle Nicht-Roma gewettert wird, kann einem durchaus mulmig werden. Das Publikum brach in ungebrochenen Jubel aus.

Barbara Behrendt, kulturradio

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