Sibylle Berg: "Nach uns das All – Das innere Team kennt keine Pause"; © Ute Langkafel
Maxim Gorki Theater/Ute Langkafel
Bild: Maxim Gorki Theater/Ute Langkafel

Maxim Gorki Theater - Sibylle Berg: "Nach uns das All – Das innere Team kennt keine Pause"

Bewertung:

Der ganze Abend: eine Aufforderung zum Denken. Bitter nötig!

Sibylle Berg setzt sich mit ihrem neuen Theaterstück mit einer Frage auseinander, die sie auf dem Begleitzettel zum Stück so formuliert hat: "Was macht man, wenn man weiß, daß die Hälfte der Leute, mit denen man auf den Tod wartet, absolute Arschlöcher sind?"

Entwurf einer Dystopie

Zu erleben ist kein Drama, kein klasssiches Theaterstück, das ist eher Kabarett.

Es ist ja bereits die dritte Zusammenarbeit von Sibylle Berg als Autorin am Berliner Maxim Gorki Theater mit dem Regisseur Sebastian Nübling – und wieder stehen vier Frauen im Zentrum. Beim letzten Mal hatten sie ihre vier Töchter dabei, dieses Mal kommen vier Männer ins Spiel.

Entworfen wird eine Dystopie: Wir blicken in die ganz nahe Zukunft. Weltweit hat der Faschismus das Sagen. Alle, die nicht passen, werden ausgesondert: Juden, Homosexuelle, Fremde jeder Art. Sie kommen in Lager. Und nun gibt es ein Angebot, gleichsam für eine Todesmission: Es wird ein Raumschiff zum Mars starten, um den zu besiedeln. Und diese viere Frauen, die sich nicht anpassen wollen, sagen sich, das probieren wir aus. Eine Bedingung müssen sie erfüllen: Jede muss sich einen Mann wählen. Dazu müssen sie Männer testen. Und das ist die Situation, die wir auf der leeren Bühne – vor dem Eisernen Vorhang, der und die Wände sind schwarz, es gibt keine Ausstattung – miterleben. Wir erleben nun also ein Frage-und-Antwort-Spiel.

Fragen, die uns alle angehen

Am Anfang stellt sich die Furcht ein, nun Beziehungsgerede ohne Unterlass zu erleben. Dem ist nicht so. Es geht tatsächlichn um Fragen, die uns alle angehen, vor allem um den allseits zu beobachtenden Verlust an Alltagskultur, an Kultur im Umgang der Menschen untereinander. Was können wir dagegen setzen? Wobei die Pointe böse ist. Sie gipfelt in der Frage: Wir reden und reden, wann handeln wir endlich?

Sibylle Berg: "Nach uns das All – Das innere Team kennt keine Pause"; © Ute Langkafel
© Ute Langkafel

Schwarze, bitter Komik

Sibylle Berg überzeugt wieder als Autorin, sie schreibt jung, frisch, pointiert. Die Texte sind auf den ersten Eindruck unheimlich komisch. Sind sie auch. Doch hinter der Komik ist der Ernst der Lage zu spüren. Es ist eine schwarze, eine bittere Komik. Die Wort-Artistin Sibylle Berg scheint die Wörter durch den Fleischwolf zu drehen, da kommen sie am Ende zwar wiedererkennbar heraus, doch die Pointen liegen aufs beste schräg neben dem Erwartbaren.

Sie schafft es, das Gewicht des scheinbar Banalen auszuloten, wie des Geredes über Beziehungen, über Ernährung, Geschlechterverhältnisse, political correctness, Internet als Realitätsersatz. Sie setzt sich damit auf kabarettistische Art und Weise auseinander. Das bewirkt, dass man zunächst schmunzelt, dann aber eine Gänsehaut bekommt und sich fragt, was habe ich da eigentlich, auf diesem Feld, auch schon an Fehlleistungen vollbracht. Erstaunlich: Nur ein Mal kommt das Thema der mangelhaften Bildungsangebote als Ursuche für den Kulturverfall ins Spiel. Das ist denn doch ein bisschen zu wenig.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben von der Regie und von der Choreografie (Tabea Martin) gutes Futter bekommen: Es werden zunächst scheinbar sinnlose sportliche Übungen vollführt, es gibt auch Sequenzen, in denen die Akteure in Zeitlupe agieren, schreiten. Das sind kluge Parodien auf Mittel, mit denen in der Pop-Kultur, etwa im popkulturellen Fernsehen, Helden vorgeführt werden. Und die Protagonisten hier wären ja alle gern Heldinnen und Helden, sind es aber nicht. Sehr wirkungsvoll.

Was die Texte angeht, ist es so, dass scheinbar alle unentwegt das Gleiche reden. Aber wirklich nur scheinbar. Sibylle Berg hat raffiniert nuanciert und Regisseur Nübling die Darstellerinnen und Darsteller dazu gebracht, über Gestik und Mimik die Individualität der Figuren herauszuarbeiten. Die Suche danach, nach Individualität, ist ja eine des Hauptthemen des Abends. Womit der sich mit einer anderen Berliner Theaternovität trifft, mit Herbert Fritsch "Zeppelin", gerade erst in der Vorwoche an der Schaubühne Berlin herausgekommen. Sibylle Bergt bündelt das in einem Satz, der für mich der wesentliche ihres neuen Stückes ist, ein Satz an die, die sich gern als "Wutbürger" herausstellen: "Du hast Angst und Wut, weil Du nicht denken willst." – Der ganze Abend: eine Aufforderung zum Denken. Bitter nötig!

Peter Claus, kulturradio