Filarmonica della Scala; © Silvia Lelli
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Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin | Filarmonica della Scala unter der Leitung von Riccardo Chailly

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Welch fulminante Geschmackssicherheit. Welche Feinheit der Emphase. Eine Sternstunde.

Schon wie die Musiker einlaufen, mit federnd schwingendem Gang, als seien es Staffelläufer in einer italienischen Arena, ist ein Hingucker. Sogar das Dirigenten-Podest hat man mitgebracht: eine kleine, mit rotem Samt überzogene Bühne auf der Bühne (ohne Geländer!). Und die ersten Töne des Brahms-Violinkonzertes strahlen Wärmewellen in den Saal, als hätte man – pünktlich zum Herbstanfang – ein Heizaggregat im Orchesterklang angeworfen. Ich saß da und dachte: Ja, habe ich denn noch nie im Leben ein Orchester hier gehört!?

Der Klang ist mürbe, hat Schmelz und Brio

Wie Riccardo Chailly dirigiert und strukturell härtet, passt das durchaus zu Brahms. Bei diesem Komponisten vermisst man am Häufigsten: rhythmische Kompromisslosigkeit; also Konsistenz und Konsequenz im musikalischen Schlag. Der ist hier vorhanden. Trotzdem ist der Klang mürbe, hat Schmelz und Brio. Wird nie trocken. Nie steif oder akademisch. Als Spezialität von Riccardo Chailly betrachtet dieser selber die klanglichen Spitzen und Extreme, die er vom Orchester zu fordern liebt. Das sind hier z.B. die Eislichter, die er dem ofenfrischen Brahms aufzusetzen weiß. Temperaturwidersprüche auf engstem Raum machen's großartig.

Gern wird immer bei Brahms Idiomatik gefordert und zugleich beklagt, die Globalisierung der Orchester lasse eine solche Unverwechselbarkeit kaum mehr zu. Hier ist ein Orchester, das seinen Brahms beherrscht und dennoch souverän seinem eigenen Farb-Sinn folgt. Fantastisch.

Schöner Ton und große Kunst der Zurückhaltung

Als Solist kann Leonidas Kavakos auf dem Dach dieses gut gebauten Hauses balancieren, ohne einzubrechen. Er könnte höchstens herunterfallen; aber dazu ist Kavakos ein zu guter, freilich introvierter Musiker. Schöner Ton und große Kunst der Zurückhaltung. Hier auf der Grenze, wo es fast schon zu wenig wird.

Kein bisschen Rumtata

Gründe gäbe es, hauptsächlich auf den Verdi nach der Pause zu warten. Denn was folgt, ist eine Lehrstunde und eine Erklärung dafür, warum man mit Italienern in deutsche Opernhäuser gemeinhin nicht zu gehen braucht. Sie leiden. Hier dagegen: Kein bisschen Rumtata! Kein Triefen. Kein Tröten. Das resoniert und vibriert vom ersten Akkord der Ouvertüre zur "Sizilianischen Vesper" an. Übrigens boshaft auf Lücke programmiert: Dieses Verdi-Hauptwerk fehlt in Berliner Spielplänen seit Jahrzehnten. Im Klang bleibt's weich, ohne labbrig zu werden. Und wo es überkocht – wie in der Zugabe der Ouvertüre zur "Macht des Schicksals" –, da fliegen einem wohlschmeckende Soßen um den Kopf.

Stiller und gedrungener Zauber

Von den "Quattro Pezzi Sacri" schließlich führt Chailly nur die beiden auf, die nicht acappella komponiert sind. Das macht Sinn, zumal diese Werke nicht im Quartett komponiert wurden und sich nie so recht durchgesetzt haben. (Und das, obwohl "Stabat mater" ebenso wie "Te Deum" noch später als "Falstaff" komponiert, mithin heiliges Verdi-Land darstellen.) Nun, im zweiten Anlauf ohne Zwang zum Zyklus, entfalten sie einen ungemein stillen und gedrungenen Zauber. Ich wünschte, dass man beim herrlichen Rundfunkchor, auch bei liturgischen Texten wie diesen, entscheiden könnte, welche Sprache gesungen wird. Der Klang ist wunderbar, die Textverständlichkeit nicht. Vom Orchester und vom Dirigenten her jedoch: Welch fulminante Geschmackssicherheit. Welche Feinheit der Emphase. Eine Sternstunde.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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