Kristian Bezuidenhout zu Gast im kulturradio; Foto: gb
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Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin | Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout

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Selten hört man die sechs Sonaten für Violine und Cembalo von Johann Sebastian Bach, schon gar nicht zyklisch – und schon gar nicht so gut wie mit Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout. Aber das ist nicht alles.

Die großen zyklischen Werke von Johann Sebastian Bach wie das Wohltempierte Clavier oder die Sonaten, Partiten und Suiten für Violine und Violoncello solo tauchen immer mal im Konzert auf, aber das sind alles Solowerke. Für die sechs Sonaten für Violine und obligates Cembalo benötigt man zwei ebenbürtige Partner, die gleichermaßen Spitzenmusiker wie kammermusikalisch erfahren sind.
Zudem
sind diese Sonaten äußerlich nicht gerade spektakulär – ähnlicher Aufbau; die Besonderheiten erschließen sich eher den Kennern. Auch Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout war die Sache wohl nicht ganz geheuer, und so haben sie zwischen die Sonaten noch andere Werke aus Früh- und Hochbarock zur Abwechslung gestreut.

Der "Erfinder" der Violinsonate

Dabei bilden Bachs Sonaten schon einen Meilenstein in der Musikgeschichte. Zum ersten Mal schreibt ein Komponist dreistimmige Werke für zwei Instrumente. Die Geige übernimmt eine Stimme, das Cembalo zwei. Das ist so spektakulär, weil das Cembalo sonst immer nur den Generalbass gespielt und harmonisch aufgefüllt hat.

Bach notiert einen auskomponierten, eigenständigen Cembalopart und ist damit gewissermaßen der "Erfinder" dessen, was später in Klassik und vor allem Romantik die Violinsonate, also die Sonate für Geige und Klavier werden sollte.

Isabelle Faust zu Gast im kulturradio; Foto: gb

Intime Dialoge

Isabelle Faust hat ein einschüchternd breites Repertoire – vom Barock bis zur Gegenwart. Und sie spielt das alles auf gleichermaßen allerhöchstem Niveau. Diese Geigerin hat noch nie enttäuscht. Auch diesmal verstand sie es, Bach nicht wie so oft zu hören gleichförmig, sondern aus der Emotion heraus zu interpretieren. Diese Sonaten sind ein Kompendium der barocken Formen und Affekte, der Charakterzeichnungen und Gemütszustände. Das ist mal tänzerisch, mal aufbrausend virtuos, dann wieder verhalten und melancholisch.

Das alles reizt Isabelle Faust bis an die Grenzen des Darstellbaren aus. Mal ist ihr Zusammenspiel mit dem Cembalo so intim; da hat man das Gefühl, dass zwei Menschen Dinge miteinander besprechen, die die anderen nichts angehen, die aber so spannend sind, dass man neugierig lauscht, auch wenn man das eigentlich nicht darf. Und dann präsentiert sie einen so dichten Geigenton, dass diese bitteren Emotionen richtig wehtun. Sie nimmt in Kauf, dass mal die Intonation nicht ganz einwandfrei ist, aber dieser intensive Ton vermittelt das Gefühl, dass sie nur für einen selbst spielt und nicht auch für die anderen 1400 Besucher im ausverkauften Kammermusiksaal.

Meister der historischen Tasteninstrumente

Kristian Bezuidenhout spielt Isabelle Faust da in nichts nach. Er ist ein Meister der historischen Tasteninstrumente. Selten hat man den Cembalopart so klar und sauber gehört. Am Cembalo verspielt man sich irgendwie immer mal – Kristian Bezuidenhout so gut wie nie.

Vor allem aber sind alle Stimmen phantastisch durchhörbar. Und es gelingt ihm eine atemberaubende Dynamik. Mitreißend, wie er nach vorne geht und dann wieder innehält. Er lässt komplett vergessen, dass das Cembalo ein eher starres Instrument ist. Bei ihm ist es nie Nähmaschinenmusik, sondern lebendig, humorvoll – ganz groß.

Erschöpft, aber glücklich

Die Werke, die die beiden Musiker als Ergänzung zu Bach spielten, also Musik von Froberger, Biber und Louis Couperin, waren eine wirkliche Entdeckung. Eine Passacaglia des französischen Clavecin-Meisters Louis Couperin ist so komplett erdacht, dass man auf die Idee kommen könnte, Kristian Bezuidenhout habe zwanzig Finger zur Verfügung. Das klingt auf eine durchgedrehte Art wie eine Improvisation, an der Grenze zum Chaos, aber genial.

Der Höhepunkte des Abends ist aber Isabelle Fausts Interpretation der Passacaglia aus Heinrich Ignaz Franz Bibers Rosenkranz-Sonaten. Vier absteigende Töne sind es, nicht mehr, aber die bilden die Basis für 65 Variationen. Sie sind ein Fundament, von Biber als Symbol des Schutzengels gedacht, der die Menschen vor Schlimmerem bewahrt. Isabelle Faust gelingt diese Gewissheit, ebenso wie die aberwitzigsten Figuren und Mehrfachgriffe, die dieser Basis aber nichts anhaben können. Das strahlt Erhabenheit aus, überträgt Sicherheit. Man sitzt da im Publikum und hofft, dass diese Musik nie aufhören möge, so großartig hat diese wunderbare Geigerin das dargeboten.

Nach drei Stunden (incl. Zugabe: 1. Satz aus Bachs Sonate für Violine und Basso continuo G-Dur, BWV 1021) hat man den Saal erschöpft, aber glücklich verlassen.

Andreas Göbel, kulturradio

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