John Eliot Gardiner © Sim Canetty-Clarke
Sim Canetty-Clarke
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Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin | "L’Orfeo"

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Claudio Monteverdi, vor 450 jahren geboren, gilt als Mitbegründer der Oper. Deshalb widmte das Musikfest Berlin dem visionären Komponisten einen Schwerpunkt. Der Höhepunkt: Sir John Eliot Gardiner präsentiert "L’Orfeo".

Eigentlich nur weitere Abspielstätte eines Zyklus, der schon in Aix, Barcelona, Venedig, Salzburg, Luzern etc. zu sehen war, reagiert "Orfeo" mit dem Raum der Philharmonie erstaunlich anders. Mit einem Ort also, wo Monteverdi wahrlich nicht hingehört. Zwischen Weinbergterrassen findet frühbarockes Repertoire im Allgemeinen eine zu nüchterne, moderne Raststätte, gerade wenn man es unter Aspekten des historischen Aufführungskontextes betrachtet. Und doch lässt sich hier ein ganz eigener, musikalischer Triumph vermelden.

Nicht nur sind die Reize des "erregten Stils", den Monteverdi für sich reklamierte, immer noch unvernutzt. Der Urvater der italienischen Oper ist an europäischen Opernhäusern nie ganz heimisch geworden. Und wo man ihn ansetzte, wie zuletzt an der Komischen Oper, da oft in Bearbeitungen. Gardiner indes, der 1986 die goldschnittigste Referenzaufnahme des "Orfeo" überhaupt vorlegte, geht heute einige Schritte weiter. Trötiger, schärfer und härter erklingt die einleitende Toccata. Für die Feste findet Gardiner dionysischere, für die Klageausbrüche niederschmetterndere Farben. Er geht weit radikaler, unversöhnlicher, exklamativer zu Werke.

Große Vorbehalte hatte ich gegenüber der Besetzung der Solisten aus dem Monteverdi Choir. Bei dieser Sparvariante kann man mit früheren Größen wie Anne-Sofie von Otter oder Anthony Rolfe-Johnson kaum mithalten. Jetzige, obgleich vorzügliche Darsteller wie Hana Blazikova (Euridice) haben mit dem Hack-Stakkato ihre liebe Müh’. 30 Sänger müssen nicht nur solistisch funktionieren, sondern als Chor ein homogenes Ganzes ergeben. Dies aber bedeutet – und das ist hier der springende Punkt –, dass jeder Solist die Spektralfarbe eines harmonischen Lichtbündels repräsentiert, das harmonisch in sich zusammenstimmt. Bei einem höfischen, pastoral und sakral anmutenden Werk wie "Orfeo" macht das erstaunlichen Sinn. (Weniger dagegen bei dem am folgenden Abend gefolgten "Ulisse", dem einiges an Dramatik fehlte.)

Gardiner als Co-Regisseur, der dafür gewiss noch einmal extra honoriert wurde, will jenen, Ringelpiez mit Anfassen’ nicht verhindern, der bei halbszenischen Aufführungen fast unvermeidlich ist. Zumal seine Ehefrau Isabella die bunten Scherpen und Laien-Schlabberchen gleich selbst geschneidert hat. Der Einzig einer Theorben-Polonaise aus Block A ist gewöhnungsbedürftig. Nur muss ich sagen: Halbszenischer Ärger ist halbierter Ärger. Ich habe lange nicht mit derart weichen Knien eine Opernaufführung verlassen. Und genau deswegen gehe ich schließlich!

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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