John Eliot Gardiner © Sim Canetty-Clarke
Bild: Sim Canetty-Clarke

Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin: "L'incoronazione di Poppea"

Bewertung:

Die Leidenschaften kochen hoch in Claudio Monteverdis letzter Oper "Die Krönung der Poppea". Ein früher Höhepunkt der Operngeschichte. Und ein Höhepunkt des Musikfests – dank John Eliot Gardiner und seiner Ensembles.

Dass dieser dritte Monteverdi-Opernabend als Abschluss der Trilogie der drei erhaltenen Oper von Claudio Monteverdi der Höhepunkt wurde, liegt zunächst einmal am Stück selbst. In "L'incoronazione di Poppea" steckt alles, was eine funktionierende Oper braucht: Liebe, Eifersucht, Mord, Verbannung, Machtmissbrauch, Sex & Crime.

Da gibt es keine positive Figur; alle leben ihre Leidenschaften aus – und das ist genau die richtige Vorlage für Monteverdi. Er liebte es, extreme Emotionen in Töne zu verwandeln. Und hier konnte er sich richtig ausleben.

Höchster Unterhaltungswert

John Eliot Gardiner hat auch hier wieder ein hervorragendes, teilweise recht junges Sängerensemble zur Verfügung, allesamt mit Alte-Musik-Erfahrung. Sie können mit den geforderten Gesangstechniken umgehen und singen wunderbar textverständlich. Stimmlich haben sie sich ganz den Extremen hingegeben, sich nicht geschont, und das bekam vor allem den Nebenrollen.

Marianna Pizzolato als verstoßene Ehefrau Neros speit Gift und Galle, und dann – verbannt aus Rom – stockt ihre Stimme – ein grandioser Kontrast. Ebenso hervorragend Lucile Richardot als Poppeas Amme, die einen sensationellen Aufstieg erreicht. Eine wunderbare Satire auf Karrieregeilheit, vorgetragen mit einer Tiefe in der Stimme, dass man in manchen Momenten meinte, eine Männerstimme zu hören. Das alles und viel mehr war von höchstem Unterhaltungswert.

Poppea und der Soprankastrat

Die Sängerin der Titelpartie, die tschechische Sopranistin Hana Blažiková musste immer noch mit ihrer Bronchitis kämpfen. Schon im "Orfeo" hatte sie sich als krank ansagen lassen, tags drauf im "Ulisse" schien alles wieder in Ordnung zu sein, aber jetzt war sie offensichtlich doch noch nicht ganz fit – aber davon waren allenfalls einige wenige Töne betroffen. Am Beginn hatte sie sich klugerweise etwas geschont, aber nach der Pause gewann die Strahlkraft ihrer Stimme. Da kamen die Liebesseufzer genauso überzeugend wie die Härte, die das skrupellose Machtstreben ihrer Figur kennzeichnet. Eine großartige Stimme für die Alte Musik.

Nicht weniger faszinierend ist die Stimme von Kangmin Justin Kim in der Partie des Nerone. Diese ist extrem hoch gesetzt. Im Programmheft steht hinter seinem Namen "Countertenor". Monteverdi hat das sogar für einen Soprankastraten geschrieben. Und wie Kim in der Höhe mühelose mit einer Sopran-Frauenstimme mithalten kann und seine Spitzentöne als akustische Waffe einsetzte – das erlebt man so ganz selten.

Regie – nicht vermisst

Das Ganze war auch noch als halbszenisch angekündigt. Viel zu sehen gab es nicht: Kostüme in Blau, Rot und Gelb, die Götter gerne auch mal von ganz oben, sogar vor golden angestrahlten Orgelpfeifen, ansonsten nette Auf- und Abtritte – aber mehr braucht man auch nicht. Die Sängerinnen und Sänger waren in so hervorragender Spiellaune, dass es fast ganz ohne Requisiten ging.

Vor ein paar Jahren hatte Barrie Kosky ebenfalls alle drei erhaltenen Monteverdi-Opern für seinen Einstand als Intendant der Komischen Oper inszeniert und aus der "Poppea" eine Gewalt-Orgie mit Blut, Folter und Splatter gemacht. Das alles hat man hier nicht vermisst. Die Musik erzählt das alles ohnehin, und die Sängerdarsteller haben auf der Bühne genug Platz, um die Extremsituationen ein bisschen auszuleben – aber das reicht dann auch.

Die "Krönung der Poppea" als krönender Abschluss

Auch John Eliot Gardiners English Baroque Soloists sind auf dieser mehrmonatigen Tournee in Sachen Monteverdi bestens eingespielt. Das können sie inzwischen im Schlaf. Sir John Eliot muss da gar nicht mehr viel hinzufügen. Er sitzt einfach auf seinem Stuhl und dirigiert es entspannt runter. Trotzdem aber ist er hellwach, und wenn er etwa einen scharfen Akzent will, fordert er ihn vehement, und alle gehorchen sofort seiner Handbewegung.

Beeindruckend ist es trotzdem schon, wie in den durchkomponierten Rezitativen, wo die Sänger einige Freiheiten haben, die begleitenden Instrumente dranbleiben, an den Sängern gewissermaßen kleben und die Emotionen abfedern. Wenn dann aus den Kehlen Hass, Wut und Rachedurst ertönen, hat man manchmal Angst, dass die Instrumente den festen Zugriff der Begleitung nicht mehr lange aushalten.

Die "Krönung der Poppea" ist auch der krönende Abschluss dieser Monteverdi-Trilogie. John Eliot Gardiner, inzwischen Mitte 70, hat damit bewiesen, dass er in der Alte Musik-Szene immer noch ganz vorne mitspielt.

Andreas Göbel, kulturradio

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