Donald Runnicles © Simon Pauly
Simon Pauly
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Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin | Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Donald Runnicles

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Das Musikfest Berlin ist zu Ende. Beim Abschlusskonzert spielten vor allem Richard Wagner und der Sängerstar Bryn Terfel eine wichtige Rolle.  

Ein 3. Akt der "Walküre" mit dem prominentesten Wotan wo gibt, das nenne ich einen sicheren Star-Abschluss zum "Musikfest Berlin" – innerhalb eines Jahrgangs, bei dem große Namen eher Mangelware waren. Zuvor muss man aber noch durch die Symphonie dramatique zu "Roméo et Juliette" von Berlioz durch. Leicht flau in den Figuren. Das Blütenwerk vor Julias Balkon: schon etwas welk. Die Streicher gelieren und glitschen, so wie man dies, ich gesteh’s, in der Philharmonie nicht unbedingt gewohnt ist. Lehrreich auch: Man merkt, wie im Repertoire-Nahkampf täglicher Opern-Abwicklung die Schattierungskunst leidet. Rasche Farb- und Tempowechsel werden zugunsten der Sänger weggelassen. Nur dass bei Berlioz dummerweise überhaupt keine Sänger vorkommen.

Allison Oakes; Foto: Gregor Baron

Britische Sopran-Fontäne

Bei Wagner fegt sogleich ein anderer Wind durch die Ritzen. Allison Oakes ist eine etwas ältlich aussehende, aber sehr gut fokussierende Brünnhilde. Im aktuellen Bayreuther "Ring" sang sie nur Gutrune. Dank kühler, britischer Sopran-Fontäne kann sie einiges Feuer souverän löschen. Anja Harteros als Sieglinde ist eigentlich pure Verschwendung (so kurz ist die Partie). Wenn sie anhebt, geht trotzdem ein dunkler Mond auf. Die Lava, die Harteros in der Mittellage hat, verheißt allein schon, was hier die Stunde geschlagen hat.

Bryn Terfel © imago/Future Image
© imago/Future Image | Bild: imago/Future Image

Knautschzone von schöner Weichheit

Man mag darüber staunen, dass die Stimme von Bryn Terfel, einem der zehn bedeutendsten Sänger der Welt (und britisches Nationalheiligtum), gar nicht einmal die größte ist. Terfel als Wotan ist hier: eine bassbaritonale Knautschzone von schöner Weichheit und Umgänglichkeit. Mit dem Mann würde man jederzeit ein britisches Ale trinken. Er singt den Göttervater, als wenn er soeben in ein saftiges Stück Fleisch bisse: mit Lust am triefenden Unterkiefer. Das ist lustig und sogar erhellend. Denn bei Wagner handelt es sich wirklich um einen denkbar unveganen Komponisten.

Große Sache!

Terfel hat sogar eine eigene Wotan-Interpretation parat. Nachdem er weite Teile als Schau- und Bravourstück dargeboten hat, schlägt er bei "Da labte süß dich selige Lust" (zu Beginn von Wotans Abschied) so zärtliche, intime Töne an, als handele es sich um eine Liebesszene – zwischen Vater und Tochter! So wird der erotische Charakter eines Werkes deutlich, das dem Inzest vielfach das Wort redet. Durchaus mutig, durchaus originell. Und plötzlich schlägt die rodinartige Unbehauenheit Terfels ins lyrische Gegenteil um. Große Sache!

Sehr schön!

Selbst Donald Runnicles lässt sich davon anstecken. Den Walkürenritt hatte er noch grob hobelnd und hemdsärmelig dirigiert. Zu Beginn des Schlussduetts entfacht er einen Flächenbrand. Je provozierend leiser Terfel jedoch wird, desto mehr folgt ihm sein Dirigent. Den Feuerzauber dirigiert Runnicles raunend, schwelend wie ein still entflammtes Waldweben. Hat Klasse. Die Art, wie Terfel, ein auf allen Bühnen der Welt sich rarmachender Sänger, hier plötzlich aus der Deckung tritt, verwandelt den Abend. Sehr schön.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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