Christoph Eschenbach; Foto: Gregor Baron
Bild: Gregor Baron

Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin | Saisoneröffnung: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Bewertung:

Christoph Eschenbach stand gestern am Pult des DSO beim Berliner Musikfest. Gespielt wurden Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Wolfgang Rihm und Felix Mendelssohn Bartholdy.

Der neue DSO-Chef (Robin Ticciati) fängt erst am 26.9. an. Doch auch so war der rote Teppich dieses Saisoneröffnungskonzertes festlich und interessant genug. Gilt doch Christoph Eschenbach, der Mann des Abends, ein Haus weiter als möglicher Nachfolger beim Konzerthausorchester. Eine Nachricht ist das nicht, sondern nur ein – aus guter Quelle – sprudelndes Gerücht. Die Vorzeichen für eine solche Ivan Fischer-Nachfolge allerdings, wenn man dies DSO-Konzert zugrunde legt, sind zweifelhaft genug.

Zu marmorpoliert

Gleich die "Don Giovanni"-Ouvertüre (mit Busoni-Schluss) gerät Eschenbach zu massiv, zu marmorpoliert und steif. Die Fortissimi, ein Problem des gesamten Abends, geraten schepprig, diffus dumpf, während besonders Mozart den Eindruck bloßen Ziergepränges nicht loswird. Für sein "Ch’io mi scordi di te" trägt Hanna-Elisabeth (unpassenderweise) bauchfrei. Sie singt mit kühler Sinnlichkeit. Doch man würde nicht darauf kommen, worin es in dieser Konzertarie gehen mag. Bis dann Tzimon Barto (am obligaten Klavier) mit der Solistin zu tändeln, zu schäkern, sie zu trösten beginnt. Und darin den emotionalen Gehalt besser trifft als die etwas zu stark auftragende Sopranistin – und ihr Dirigent.

Wunderbar!

Ein Großteil der Probenzeit dürfte für Wolfgang Rihms Klavierkonzert Nr. 2 draufgegangen sein; und das lohnt sich auch. Wieder sitzt Barto am Klavier, und verliert den tänzerischen, traumtänzerischen Charakter dieses wunderbaren Stückes nie aus den Augen. Auch tschilpft, zwitschert und flötet Barto, als hätte er eine ganze Messiaen-Voliere im Klavier versteckt. Wunderbar! Das DSO, von Eschenbach hier klug koordiniert, bleibt locker, wie ihm das kein Orchester in Berlin nachmacht. Rihm muss man dafür bewundern, dass kaum mehr zu entscheiden ist, ob das hier noch atonal oder schon wieder tonal sein soll. Diesen Gegensatz aufgehoben zu haben, wird einmal als eine seiner Hauptbedeutungen angesehen werden können.

Miss­ver­ständ­nis

Der italienische Faden, der sich durch das ganze Programm ziehen soll, führte wohl auch zur Wahl von Mendelssohns "Italienischer"; welcher man leider (wegen Wunschkonzertverdacht) kaum noch im Konzert begegnet. Prompt missversteht Eschenbach das Stück als Anlass, auf Freigebigkeit und gute Laune zu machen. Mit verschwenderisch ausgreifender Gestik beginnt das zu fanfarenhaft, zeremoniös, pompös. Und legt diese pseudobarocke Festlichkeit nicht mehr ab. So dass prompt nach dem 1. Satz applaudiert wird – sogar von einem so kennerischen Publikum wie dem des DSO. Warum wohl? Weil Eschenbach den Kopfsatz wie eine Ouvertüre hat darbieten lassen, und so die romantische Inwendigkeit des Werkes verfehlt.

Gerüchteküche

Nachdem der Dirigent in Washington nicht verlängert wurde (was seine Biographie im Programmheft geflissentlich verschweigt; schon sein Gang nach Washington war für einen Dirigenten, der Chef in Philadelphia war, ein Abstieg), sucht Eschenbach gewiss nach einem neuen Job. Das Konzerthaus-Gerücht ist so untriftig nicht. Da er als Mann für alle Fälle gilt, mag er durchaus ins Fahndungsraster der Headhunter vom Gendarmenmarkt geraten sein. Wohin er nicht passt; da Eschenbach, wie dieses Konzert bestätigt, zum traditionellen Repertoire nicht genug zu sagen hat. Beim DSO, vor allem für neue Werke, mag er stets willkommen bleiben. Zum Konzerthausorchester passt er überhaupt nicht. Man kann nur hoffen, dass sich das Gerücht als leer erweist.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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